Donnerstag, 1. Oktober 2026

Rezension: Dreimeterdreissig von Jaqueline Scheiber

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Dreimeterdreißig
Autorin: Jaqueline Scheiber
Erscheinungsdatum: 14.08.2026
Verlag: rororo
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783499018794

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Der Roman „Dreimeterdreissig“ von Jaqueline Scheiber ist das erste Buch, das ich im Rahmen einer Buchclublektüre gelesen habe. Er bietet ausreichend Spielraum für Interpretationen und damit eine gute Grundlage für einen bereichernden Austausch. Die Geschichte wirft den Lesenden unmittelbar in eine Realität, die die Protagonistin Klara zunächst auf ihre eigene Weise auszublenden versucht: Balázs, ihr Freund, lehnt am Kopfende des gemeinsam Betts und regt sich nicht mehr. Der Autorin gelingt es mit wohl formulierten Sätzen, diese unbegreifliche Situation denkbar zu machen.

Spürbar liegt etwas in der Luft, das niemand erwartet hat, dessen Tragweite Klaras Verstand bereits erfasst, während ihr Herz noch nicht in der Lage ist, das Geschehene zu zuzulassen. Nicht nur die Sanduhr auf dem Cover, sondern auch die in unterschiedlichen Kombinationen von „Tick“ und „Tack“ überschriebenen Kapitel greifen das Motiv der Zeit auf, die nur langsam zu verrinnen scheint. In dieser Zwischenzeit aus Verdrängung und Fassungslosigkeit wirkt es so, als suche sie nach einem Weg, das Vorgefallene ungeschehen zu machen. Sie stellt fest, dass sie selbst körperlich unversehrt ist, aber psychisch tief getroffen wurde. Das Bizarre der Situation lässt sie verharren. Gerne würde sie die Zeit anhalten oder zurückdrehen. Ihre Gedanken eilen zurück zu ihrer Kindheit und transportieren Szenen, die für den Moment nur wenig zur Bewältigung des Unfassbaren beitragen.

Immer wieder wird das Geschehen in der Wohnung, deren Wände 3,30 m hoch sind, durch Kapitel unterbrochen, in denen neben Klara auch Balàzs im Mittelpunkt steht. Die Überschriften dieser Abschnitte ergeben ein Gedicht von Lydia Daher, das am Ende des Buchs vollständig zu lesen ist. Balázs ist Mitte Dreißig und in Ungarn aufgewachsen. Seit etwa zehn Jahren lebt er in Deutschland und arbeitet als Bühnentechniker eines Stadtteiltheaters in Wien. Die Autorin schildert den Beginn seiner Beziehung zu Klara, wobei zunächst vor allem der Hintergrund von Balázs beleuchtet wird. Mit der Zeit wird jedoch deutlich, dass Klara in einem Umfeld in Wien aufgewachsen ist, das sich sehr grundlegend von seinem unterscheidet.

Neben Balàzs spielt auch Klaras Freundin Jasmin eine wichtige Rolle im Leben der Protagonistin. In den Schilderungen ihrer gemeinsamen Erlebnisse wird eine gewisse Härte von Klaras Wesen sichtbar. Sie ist sich diese bewusst, aber es gestaltet sich schwierig für sie, diese zu überwinden. Aufgrund dessen fiel es mir als Leserin nicht leicht, Sympathien für Klara zu entwickeln. Während sie versucht, das Unbegreifbare zu fassen, flüchtet sich ihr Denken in den magischen Realismus. Es war für mich irritierend, dass Klara lange untätig bleibt, fremde Hilfe herbeizuholen und sei es auch nur für sich selbst.

Jaqueline Scheiber findet in ihrem Roman „Dreimeterdreißig“ eine ruhige, einfühlsame Sprache, die sich auf poetisch schöne Weise mit dem berührenden Thema des Verlusts einer nahestehenden Menschen beschäftigt, vor allem mit der Zeit zwischen dem Unfassbaren und der Akzeptanz der Realität. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

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