Samstag, 25. Mai 2024

Rezension: Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist von Nadine Olonetzky

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist
Autorin: Nadine Olonetzky
Erscheinungsdatum: 24.04.2024
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783103975901
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Das Buch „Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist“ von Nadine Olonetzky, lässt sich nur schwer einem Genre zuordnen. Die Autorin geht darin auf die Suche nach Spuren ihres Vaters und ihres Großvaters, deren Verfolgung als Juden bereits vor dem Zweiten Weltkrieg begann. Es ist eine Annäherung an die eigene Familiengeschichte, die unvollständig bleibt, weil sich viele Fragen nicht mehr klären lassen. Bilder, die der Vater als leidenschaftlicher Fotograf gemacht hat, halten viele Momente der Familie im Bild fest, zeigen aber nicht dessen Kindheit und Jugend. Nadine Olonetzky wurde bei Fragen nach dessen Vergangenheit immer vom Vater auf Antworten zu einem späteren Zeitraum vertröstet. Sie besitzt lediglich ein kleines Foto von ihm als Kind, das auf dem Cover des Buchs abgebildet ist. Mit fünfzehn hat er ihr auf einer Parkbank schließlich aus seinem Leben erzählt.

Leider sind ihr nicht mehr alle Details gegenwärtig, als sie sich Jahre später darum bemüht, für ihren Großvater einen Stolperstein setzen zu lassen. Um Details aus dessen Vergangenheit ans Licht zu bringen, fordert sie Dokumente bei entsprechenden Behörden an. Sie stellt fest, dass neben einem Stein für den Großvater ebenfalls einer für ihren Vater liegen sollte. In der Folgezeit arbeitet sie sich durch Unterlagen, die in ernstem Stil verfasst sind und von denen im Buch reichlich zitiert wird. Beim Studium der Dokumente bleiben Unsicherheiten zurück. Manchmal liest sie Angaben, die nicht mit denen übereinstimmen, was ihr Vater erzählt hat. Namen sind in verschiedenen Formen wiedergegeben und Daten passen nicht zueinander.

In ihr wächst der Wunsch, sich selbst auf Reisen an einigen, für den Großvater bedeutsamen Orten, ein eigenes Bild zu verschaffen. Das von ihr Aufgeschriebene beinhaltet nicht nur die Vergangenheit der Familie der Autorin, sondern ist auch eine bewegende Geschichte der Judenverfolgung, aufgezeigt an Einzelschicksalen. Immer wieder hält die Autorin inne und erzählt vom Erwachen, Blühen und Vergehen der Natur, die sie in ihrem Garten beobachtet, von Verwurzelungen und Änderungen der Flora über Jahre hinweg. Es scheint so, als ob sie damit nicht nur dem Lesenden Gelegenheiten geben möchte, das Geschriebene zu verarbeiten, sondern sich ständig daran zu fokussieren, wie vergänglich Leben ist. Das Buch ist, trotz vieler offener Fragen eine Reminiszenz für die Menschen auf den vom Vater hinterlassenen Fotos und den in den Dokumenten enthaltenen Namen. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung an diejenigen, die sich für Erinnerungskultur interessieren.   

Mittwoch, 22. Mai 2024

Rezension: Der Fall Miriam Behrmann von Lydia Lewitsch


Der Fall Miriam Behrmann
Autorin: Lydia Lewitsch
Hardcover: 256 Seiten
Erschienen am 8. März 2024

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Miriam Behrmann ist Professorin an der Uni Wien und sieht sich schweren Anschuldigungen ausgesetzt: Ihre Promotionsstudentin Selina Aksoy, die seit vier Jahren für sie arbeitet, wird ihr vor, sie psychisch missbraucht zu haben. Nun wartet Miriam auf die Verkündung, welche Konsequenzen dies für sie haben wird. Zuvor soll sie zu den einzelnen Vorwürfen schriftlich Stellung nehmen. Anhand dieser erinnert sie sich an ihre Zusammenarbeit mit Selina zurück und ebenso daran, was sie selbst geleistet hat, um Karriere zu machen.

Der Roman ist aus der Perspektive von Miriam geschrieben, die zu Beginn darauf wartet, endlich zu erfahren, ob die Uni sich aufgrund der Vorwürfe ihrer Studentin von ihr trennt. Gemeinsam mit ihrem Mann Tom ist sie vor einigen Jahren von Princeton nach Wien gekommen, um dort ein Institut für experimentelle Philosophie zu gründen, das an die Uni angeschlossen ist. Damals wurden sie dafür gefeiert, den Flair der amerikanischen Eliteunis nach Wien zu bringen. Nun schlägt der Vorwurf des psychischen Missbrauchs in der Presse große Wellen. Die konkreten Anschuldigungen kennt Miriam jedoch nicht. Aus ihrer Sicht hat Selina, die mit ihrer Beschwerde bei der Dekanin alles ins Rollen gebracht hat, in der Zeit bei ihr nie etwas richtiges zustande gebracht. Doch mit diesen Konsequenzen hätte sie nie gerechnet.

Schließlich erhält Miriam die Aussagen ihrer Studenten, um Stellung zu nehmen, was Licht ins Dunkel bringt: Sie soll beispielsweise verlangt haben, dass die Studenten immer verfügbar sind und sich nicht um ihre Familie kümmern, gleichzeitig hätte sie versucht, ihnen ihre privilegierten Vorstellungen vom Leben aufzuzwingen. Bei jedem einzelnen Punkt taucht Miriam in die Vergangenheit ein und schildert ihr Sicht der Dinge. Sie verdeutlicht, dass sie einen klaren Leistungsanspruch hat, den sie durchsetzen wollte und dem zu entsprechen Selina nie gelungen ist

Indem sie den Erinnerungen an ihre Zusammenarbeit mit Selina solche aus ihrer eigenen Vergangenheit gegenüberstellt, entsteht ein besonders deutlicher Kontrast. Auch Miriam selbst ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, sie hat sich jedoch durch immensen Fleiß nach oben gekämpft und dabei zahlreiche Entbehrungen in Kauf genommen. Dazu ist Selina nicht bereit. Sie tut sich schwer damit, ein passendes Promotionsthema zu finden und eigenständig auszuarbeiten und nutzt ihre Zeit lieber, um sich sozial und politisch zu engagieren. 

Die Schilderungen sind durch Miriam als Erzählerin sehr subjektiv und beim Lesen fragte ich mich, inwiefern sie das Vorgefallene verharmlost oder ob ihr Vorgehen tatsächlich zu hart war. So oder so wird hier das Bild eines Generationenkonflikts gezeichnet, in dem die Erwartung, die Karriere über alles zu stellen auf das Verlangen nach einer Work-Life-Balance trifft, in welcher der Life-Teil gerne auch überwiegen darf. Mich hat der Roman ins Nachdenken darüber gebracht, wie verschiedene Generationen mit Leistungsdruck umgehen. Gerne empfehle ich ihn weiter. 

Mittwoch, 15. Mai 2024

Rezension: Windstärke 17 von Caroline Wahl


Windstärke 17
Autorin: Caroline Wahl
Hardcover: 256 Seiten
Erschienen am 15. Mai 2024
Verlag: DuMont Buchverlag
Link zur Buchseite des Verlags

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Idas Leben ist nach dem Tod ihrer Mutter gänzlich aus den Fugen geraten. Nach Jahren der Alkoholabhängigkeit ist sie an einer Tablettenüberdosis gestorben. Ihre Schwester Tilda hat ihr schon mehrfach angeboten, zu ihr nach Hamburg zu kommen, doch dem möchte Ida nicht nachkommen. Stattdessen füllt sie den alten Hartschalenkoffer ihrer Mutter mit einigen Dingen, schnappt sich ihr Macbook, setzt sich in einen Zug und landet auf Rügen. Dort nimmt sie einen Job als Kellnerin in einer Kneipe an und freundet sich mit dessen Besitzer Knut an. Dieser quartiert sie kurzerhand bei sich und seiner Frau Marianne ein, als er hört, dass ihre Mutter gestorben ist. Ida kann hier neue Kraft schöpfen, bis neue Vorkommnisse drohen, sie erneut aus der Bahn zu werfen.

Ich habe 22 Bahnen mit großer Begeisterung gelesen und mich daher riesig auf diese Fortsetzung gefreut. Seit den Ereignissen des ersten Romans sind einige Jahre vergangen,  Tilda lebt mit ihrem Mann Viktor und ihren Kindern in Hamburg und Ida, welche im Fokus der neuen Geschichte steht, hat ein Studium begonnen und versucht sich als Autorin. Nach dem Tod ihrer Mutter fehlt ihr allerdings jegliche Perspektive und so landet sie mit einer Mischung aus Trauer, Wut und Schuldgefühlen auf Rügen. Die Erzählstimme von Ida hat mir sehr gefallen, ich fühlte mich nah dran am Geschehen und konnte mich gut in den emotionalen Sturm in ihrem Innern hineinversetzen.

Marianne und Knut, die Ida das Zimmer ihrer erwachsenen Tochter anbieten, sind absolut liebenswerte Charaktere. Ida hat zunächst Angst, in ihrem Haus ein Eindringling zu sein, doch die beiden kümmern sich so aufrichtig um sie, dass sie die Chance ergreift, bei ihnen zur Ruhe zu kommen und an der Bewältigung ihrer Trauer zu arbeiten. Es gibt weiße Eszet-Schnitten zum Frühstück, ausgedehnte Walking-Runden und Spielenachmittage mit Elfer Raus, SkipBo und Scrabble. Dazwischen schmeißt sich Ida brüllend in die Ostsee und schwimmt bis zur Erschöpfung. Als Leserin erlebte ich die Aufs und Abs ihrer Trauerbewältigung mit. 

Als der sympathische Leif auf der Bildfläche auftaucht, der selbst sein Päckchen zu tragen hat, sind sich beide nicht sicher, ob es ein guter Zeitpuntkt für mehr als Freundschaft ist. Auch hier konnte mich die Autorin mit ihrer einfühlsamen Schreibweise abholen. Zum Ende hin gibt es einen neuen Schicksalsschlag, der für mich bei diesem besonderen Buch ein zu gewöhnlicher Schachzug und zu viel des Guten war. Da er auch noch mein persönliches Triggerthema getroffen hat, musste ich hier einige Szenen überspringen. Das Buch endet mit einer rührenden Szene, die für mich einen gelungenen Abschluss für diesem emotionalen Roman darstellt. Ein Must Read für alle, die "22 Bahnen" gelesen haben!

Montag, 13. Mai 2024

Leseeindruck: Mühlensommer von Martina Bogdahn


Mühlensommer
Autorin: Martina Bogdahn
Hardcover: 336 Seiten
Erschienen am 11. April 2024
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Link zur Buchseite des Verlags

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Maria ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, doch schon seit vielen Jahren lebt sie mit ihrer Familie in der Stadt. Mit einer befreundeten Familie wollten sie eigentlich eine Auszeit in deren Berghütte genießen, doch dann ruft Marias Mutter mit schlechten Nachrichten an: Der Vater hatte einen Unfall, Maria soll schnellstmöglich zum Hof kommen und helfen. Sie macht sich gleicha uf den Weg. Zurück am Ort ihrer Kindheit werden schnell Erinnerungen wach.

Die Geschichte schildert das Leben auf dem Land in der Gegenwart und erzählt gleichzeitig Marias Aufwachsen auf dem Bauernhof. Die Szenen in der Vergangenheit haben anekdotischen Charakter. Dabei erstaunte mich vor allem, wie arm und bildungsfern hier alle bäuerlichen Familien dargestellt werden - das kenne ich aus meinem eigenen familiären Umfeld anders. Komisch fand ich auch, dass die Tochter des Doktors zu Beginn des Buches als Marias hochgelobte Konkurrentin dargestellt wird und dann mit keinem Wort mehr erwähnt wird, als Maria als einzige ihrer Klasse aufs Gymnasium gehen darf.

Der Roman gibt offene Einblicke in das Landleben mit seinen Höhen und Tiefen. Dabei bleiben vor allem Szenen in Erinnerung, in denen Tiere sterben - an Krankheit oder indem sie getötet werden - was aufgrud des Detailsgrads der Schilderungen sicherlich nichts für zart besaitete Leser:innen ist. Es gibt aber auch viele unterhaltsame und schöne Szenen im Kreise der Familie, auf dem Hof und in der Schule, welche die Geschichte zügig und leicht lesbar machen. Ich hätte mir eine noch stärkere übergreifende Handlung gewünscht statt einer Aneinanderreihung von Erinnerungen, daher war es für mich insgesamt ein eher durchmischtes Leseerlebnis.

Samstag, 11. Mai 2024

Rezension: Am Himmel funkelt ein neuer Tag von Meike Werkmeister

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Am Himmel funkelt ein neuer Tag
Autorin: Meike Werkmeister
Erscheinungsdatum: 11.04.2024
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783442495146

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Die 30-jährige Innenarchtektin Zoé ergreift eine ihr gebotene Chance und kündigt ihren Job in einer kleinen Hamburger Agentur, um in London für ein Jahr bei einem angesagten Büro für Raumgestaltung zu arbeiten. Sie ist die Protagonistin im Roman „Am Himmel funkelt ein neuer Tag von Meike Werkmeister. Das Cover des Buchs nimmt einerseits Bezug auf eine Wahrsagung, die Zoé erhält und in der weiße Blumen eine wichtige Rolle spielen. 

Andererseits weist der glitzernde Titel auf das Hobby der Hauptfigur hin, die sehr gerne in den frühen Morgenstunden im Badesee schwimmen geht und danach erfrischt dem Tag entgegensieht.

Zoé findet eine Wohnung im zweiten Stock über einem Café in Londons Viertel Hampstead. In den beschaulichen Straßen genießt sie den Marktbummel, während sie nur wenig entfernt Wiesen und Waldgebieten mit Badeteichen findet, wo sie die Seele baumeln lassen kann. Im Moment ist sie Single, weil sie sich bereits mehrfach getrennt hat. In London prophezeit eine Wahrsagerin ihr auf ihre Frage, dass sie der Liebe ihres Lebens bereits begegnet ist, was Zoé nachdenklich stimmt.

Wer die Bücher von Meike Werkmeister in der Reihenfolge des Erscheinens liest, begegnet in den Geschichten Personen, die aus vorigen Bänden bekannt sein. Das ist auch diesmal der Fall, denn Zoés früherer Freund Filipe, der eine Rolle im Roman „Am Horizont wartet die Sonne“ spielt, übernimmt auch in London einen für die Protagonistin wichtigen Part. Nach der Prophezeiung ist er einer derjenigen, die Zoé in betracht zieht, der passende Mann an ihrer Seite zu sein. Allerdings fragt sie sich gleichzeitig, ob sie an solche Voraussagen glauben soll, denn die Wahrsagung beinhaltete auch unangenehme Verheißungen. Das esoterische Element sorgt im Roman bis zum Ende für eine gewisse Hintergrundspannung darüber, ob und welche Vorhersagen sich erfüllen werden.

Der Neubeginn in London ist für Zoé erheiternd: sie liebt die Natur, mit den Kolleg*innen kommt sie gut zurecht und ihr Vermieter, der gleichzeitig der Besitzer des Lokals im Erdgeschoss ihres Wohnhauses ist, bietet ihr kostenlos leckeres Essen an. Aber Zoés Verhalten gegenüber ihren Mitmenschen wird von einigen als übergriffig empfunden. Die beschriebenen Reaktionen empfand ich als überspitzt, was meine Sympathie für die Protagonistin leider dämpfte. Ihr Faible für Pflanzen fand ich dagegen angenehm. Wer sich selbst in der Aufzucht von Zimmerpflanzen versuchen möchte, erhält dazu im Anhang einige Tipps.

„Am Himmel funkelt ein neuer Tag“ von Meike Werkmeister ist ein unterhaltsamer Roman der den Lesenden an der Seite der Protagonistin über manche Höhen und Tiefen im Alltag und Berufsleben sowie in der Liebe führt. 

Mittwoch, 8. Mai 2024

Rezension: Das Fenster zur Welt von Sarah Winman

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Das Fenster zur Welt
Autorin: Sarah Winman
Übersetzerin aus dem Englischen: Elina Baumbach
Erscheinungsdatum: 20.04.2024
Verlag: Klett-Cotta
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag 
ISBN: 9783608966060
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Im Roman „Das Fenster zur Welt“ beschreibt Sarah Winman die Freundschaft zwischen Private (=niedriger militärischer Rang) Ulysses Temper, einem in Zivil in London lebenden Globenbauer und Evelyn, einer Kunsthistorikerin, die über 60 Jahre alt ist und ebenfalls aus England stammt. Die beiden begegnen sich im Jahr 1944 in der Toskana, wo Evelyn darauf wartet, mit alliierten Kunstschutzoffizieren zusammenzuarbeiten und Ulysses um seine Mithilfe bittet. Wenig später nimmt er sie mit in einen Weinkeller, wo sie ihm bei Speis und Trank ihr Wissen um die Schönheit der italienischen Lebensart beschreibt und ihm damit seine Sicht aufs Leben weitet.

Evelyn und Ulysses gehen später ihre eigenen Wege, jedoch vergessen sie einander über Jahrzehnte hinweg nie. Die Handlung fokussiert hauptsächlich auf Ulysses, der im Winter 1946 in seine Heimat zurückkehrt. Seine Frau Peggy, die er zu ihrer Sicherheit geheiratet hat, bevor er seinen Kriegsdienst antrat, hat sich inzwischen in einen amerikanischen Soldaten verliebt. Sie wurde mit ihrer Tochter Alys schwanger, aber der Vater verschwand noch vor der Geburt.

Bis zu diesem Zeitpunkt lernte ich als Leserin eine Reihe von eigenwilligen Figuren kennen, die in London auf die Rückkehr von Ulysses gewartet haben und im Folgenden nicht nur von Bedeutung für die Handlung, sondern auch für den jungen Globenbauer sind. Als Ulysses wenige Jahre später unerwartet ein Haus in der Toskana erbt, beschließt er mit Alys und einem besten Freund nach Italien zu fahren, das Erbe anzutreten und dort zu wohnen. Mit ihnen reist auch ein Papagei, der durch seine Kommentare immer mal wieder für amüsante Situationen sorgt.

Es sind große Ereignisse die im Handlungsrahmen des Romans die Toskana verändern: Weltkrieg und Überschwemmung. Die einfachen Leute leiden am meisten darunter, weil sie weder die Macht haben, die Dinge zu verändern noch über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, um die Schäden ausbessern zu lassen. Aber genau diese Personen besitzen oft etwas Unbezahlbares: die Zuneigung von Freunden, denen sie vertrauen und auf deren Hilfe sie jederzeit setzen können.

Ulysses und seine Mitreisenden finden in der Ferne neue Freunde. Aber sie wissen, dass sie jederzeit heimkehren können und dort mit offenen Armen erneut empfangen werden. Freunde bieten ihnen eine helfende Hand, eine leckere Mahlzeit oder Zeit, um ihnen zuzuhören und genauso halten sie es im Gegenzug ebenfalls. Sarah Winman zeigt, wie Kunst, Literatur und Kulinarik zu einem positiven Lebensgefühl führen können. Ihre Figuren sind abwechslungsreich gestaltet und in der Liebe unabhängig. Einige waren mir von Beginn an sympathisch, andere weniger. Bei manchen zeigte sich erst mit der Zeit wie warmherzig sie sind. Sie sind wichtiger als die Handlung, die stellenweise aus der Beschreibung des Alltags besteht mit wenigen Besonderheiten.

Unterdessen führt Evelyn mit einer Partnerin an ihrer Seite ihr Leben in England fort. Es entsteht eine unterschwellige Spannung beim Lesen durch die Frage, ob Ulysses und Evelyn sich je wiedersehen werden.

„Das Fenster zur Welt“ von Sarah Winman zeigt den besonderen Wert von Freundschaften und sorgt mit eigenwillig gestalteten, in ihrer Liebe freien Figuren für ein bewegendes Leseereignis, das ich gerne weiterempfehle.

Donnerstag, 2. Mai 2024

Rezension: Funny Story von Emily Henry


Funny Story
Autorin: Emily Henry
Übersetzerinnen: Katharina Nauman und Silke Jellinghaus
Taschenbuch: 464 Seiten
Erschienen am 2. Mai 2024

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Daphnes Traum von einem Happily Ever After mit Peter zerplatzt, als dieser ihr nach seinem Junggesellenabschied plötzlich mitteilt, dass er Schluss macht und mit seiner jahrelangen besten Freundin Petra zusammen sein will. Er gibt ihr eine Woche, um aus ihrem Haus auszuziehen, das eigentlich ihm gehört. Weil auch Petra mit ihrem Freund Miles Schluss gemacht hat fragt Daphne diesen, ob sie bei ihm einziehen kann. Das ganze soll eine vorübergehende WG sein, bis Daphne sich einen neuen Job als Bibliothekarin in einer anderen Stadt gesucht hat. Doch dann zeigt Miles ihr, dass das beschauliche Waning Bay mehr zu bieten hat als die Nähe zu Peter und seiner Familie. Sie lernt ihre Heimat neu kennen - und auch Miles, zu dem sie sich zunehmend hingezogen fühlt.

Zu Beginn des Buches steht Daphne vor einem Scherbenhaufen. Sie hat ihr ganzes Leben auf ihren Verlobten Peter ausgerichtet, in dem sie mit ihm nach Michigan in die Nähe seiner Familie gezogen ist und sich dort einen Job gesucht hat. Vor Ort hat sie keine eigenen Freunde und ihre beste Freundin ist mit Peters bestem Freund zusammen und scheint sich aus dessen Seite zu schlagen. Wenig verwunderlich also, dass Daphne die Stadt schnellstmöglich verlassen will. Die WG mit Miles erscheint ihr für den Übergang eine gute Lösung zu sein, auch wenn sie kaum etwas über ihn weiß.

Ich fand es schön, zu sehen, wie Daphne neuen Mut fasst und sich wieder ein selbstständiges Leben aufbaut, nachdem sie sich sehr abhängig von Peter gemacht hatte. Aus einer Laune heraus spielen sie ihren Ex-Partnern vor, dass sie eine Beziehung führen. Dabei kommen sie sich näher, sind aber beide emotional noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Miles konnte ich am Anfang schwer einschätzen und dass er zur Bewältigung seines Liebeskummers jede Menge kifft fand ich persönlich nicht gerade verlockend. Mit der Zeit wurde er mir aber sympathischer und ich erlebte unterhaltsame Lesestunden, während die beiden sich durch Hohen, Tiefen und zahlreiche amüsante Momente manövrieren. Gerne empfehle ich das Buch an alle weiter, die Lust auf eine kurzweilige Liebesgeschichte haben.

Mittwoch, 1. Mai 2024

Rezension: Am Himmel funkelt ein neuer Tag von Meike Werkmeister


Am Himmel funkelt ein neuer Tag
Autorin: Meike Werkmeister
Taschenbuch: 512 Seiten
Erschienen am 11. April 2024

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Zoé ist gerade nach Hampstead in London gezogen, um ein einjähriges Praktikum bei einer angesagten Innenarchitektin zu machen. Voller Begeisterung taucht sie in ihr neues Leben ein: Frühmorgens schwimmen im nahgelegenen Ladies' Pond, dann Frühstücken im Café ihres sympathischen Vermieters Ravi, im Büro ihre Kreativität ausleben und am Wochenende auf dem Blumenmarkt stöbern. Als sie ihre Kollegin Yon zu einer Wahrsagerin begleitet und sich aus einer Laune heraus ebenfalls die Zukunft vorhersagen lässt, erhält sie die Warnung, dass ihre Glückssträhne verebben wird, wenn sie so weitermacht. Das bringt Zoé ins Grübeln. Und dann taucht auch noch ihr Ex-Freund, den sie in Portugal glaubte, völlig überraschend in London auf.

Zu Beginn der Geschichte tauchte ich gemeinsam mit Zoé in ihr neues Leben in London ein. Sie scheint ein echter Glückspilz zu sein, denn sie hat gleich eine tolle Wohnung gefunden, ihr Job macht Spaß und im Nu hat sie viele neue Bekannte: Ihr Vermieter Ravi betreibt das Café im Erdgeschoss und freundet sich schnell mit ihr an. Beim Schwimmen ist sie morgens mit der Seniorin Dawn allein im Pond und mit ihrer Mitpraktikantin Yon taucht sie ins Nachtleben ein. Die Seiten verfliegen im Nu und ich genoss diese Wohlfühllektüre, fragte mich aber gleichzeitig, wann die Dinge in Bewegung geraten.

Schließlich scheint Zoés Glückssträhne wie prophezeit abzureißen: Beim Praktikum gibt es Ärger mit einem Kunden, Ravi ist unempfänglich für ihre Tipps und Dawn fehlt beim Schwimmen. Als dann auch noch ihr Ex-Freund Filipe in London auftaucht, ist das emotionale Chaos perfekt. Ich war gespannt, wie Zoé mit diesen Herausforderungen umgehen wird. Im Hinblick auf Filipe fand ich schade, dass hier so viel auf die Vorgeschichte der beiden referenziert wird, die sich offenbar aus dem letzten Buch ergibt, das ich noch nicht gelesen habe. Die beiden hatten relativ wenige Szenen miteinander und hier ist der Funke bei mir nicht übergesprungen. Umso mehr Zeit gibt es für die Szenen mit Ravi, Dawn und Yon, die mir sehr gefallen haben. Insgesamt ist das Buch ein lesenswerter Roman für alle, welche die Bücher der Autorin mögen und Lust auf einen Ausflug nach London haben.

Samstag, 27. April 2024

Rezension: Und alle so still von Mareike Fallwickl


Und alle so still
Autorin: Mareike Fallwickl
Hardcover: 368 Seiten
Erschienen am 16. April 2024

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Elin ist 21 Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter Alma in deren eigenem Wellnesshotel. Für sie bestand ihre Familie immer nur aus ihnen beiden. Doch dann bittet Alma sie, zu ihrer Oma Iris zu fahren, die sie nie kennengelernt hat. Diese hat sich mit anderen Frauen vor das Krankenhaus gelegt. Die Aktion sorgt für Irritation - gegen was oder wofür sind die Frauen? Was sind ihre Forderungen? Doch die Beteiligten äußern sich nicht dazu. Nicht nur Elin wird Zeugin der Aktion, sondern auch die Pflegerin Ruth, Elins Tante, und der neunzehnjährige Nuri, der zahlreiche Aushilfsjobs hat, um seine Arztrechnungen bezahlen und eines Tages in eine eigene Wohnung ziehen zu können.

Zu Beginn des Romans lernte ich die drei Protagonist:innen näher kennen. Elin ist eine erfolgreiche Influencerin, doch die zahlreichen Hasskommentare machen ihr zu schaffen. Sie leidet unter Panikattacken und die hohe Zahl ihrer sexuellen Kontakte mit Besuchern des Hotels bereitet ihrer Therapeutin Sorgen. Bei einer dieser Begegnungen passiert etwas, von dem sie nicht sicher ist, ob es Gewalt war. Doch bevor sie weiter darüber nachdenken kann wird sie zu ihrer Oma geschickt, deren Verhalten Fragen aufwirft. 

Ruth arbeitet in dem Krankenhaus, vor das ihre Mutter sich mit den anderen Frauen legt. Sie möchte ihre Arbeit gut erledigen, doch es gibt so viel zu tun, dass sie bis zur Erschöpfung und darüber hinaus arbeitet und trotzdem nicht alles schafft, was zu tun wäre. Im Krankenhaus begegnet sie auch Nuri, der keinen Schulabschluss hat und daher diverse Jobs im Niedriglohnsektor hat - Barkeeper, Reinigungskraft, Bettenschubser, Essenslieferant - um sich finanziell über Wasser zu halten.

Schnell war ich mittendrin in der Geschichte und gespannt darauf, welche Reaktion die stille Revolte der Frauen auslöst. Der Geist der Aktion verbreitet sich und plötzlich verweigern überall Frauen die Arbeit. Der Autorin gelingt es damit eindrucksvoll, den Wert von Care Arbeit zu verdeutlichen und was das plötzliche Wegbrechen für Konsequenzen hätte. Auch die katastrophalen Zustände in Pflegeberufen und im Niedriglohnsektor sind Teil des Romans. Der starke Zusammenhalt der Frauen hat mir gut gefallen und mit Nuri hat die Geschichte einen männlichen Charakter, der sich nicht dem männlichen Rollenklischee entsprechend verhalten möchte. 

Nicht alles wird auserzählt, die Geschichte setzt auf intensive Szenen und überlässt es den Leser*innen, sich das restliche Geschehen genauer auszumalen. Für mich ist "Und alle so still" ein feministischer Gesellschaftsroman, der gelungen aufzeigt, welche Konsequenzen eine kollektive Verweigerung der Frauen hätte und der zum Nachdenken ebenso wie zur Diskussion einlädt.

Donnerstag, 25. April 2024

Rezension: Das andere Tal von Scott Alexander Howard

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Das andere Tal
Autor: Scott Alexander Howard
Übersetzerin aus dem kanadischen Englisch: Anke Caroline Burger
Erscheinungsdatum: 20.03.2024
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover Leinen mit Schutzumschlag
ISBN: 978325707282
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In seinem Roman „Das andere Tal“ konfrontiert der gebürtige Kanadier Scott Alexander Howard den Lesenden mit der faszinierenden Frage, was geschehen würde, wenn es mehrere parallele, aber zeitversetzte Wirklichkeiten gäbe. Seine Protagonistin Odile, die in der Ich-Form erzählt, soll sich im Alter von 16 Jahren für einen Beruf entscheiden. Sie lebt in einer Stadt im Tal an einem See. Es ist den Bewohnern nicht erlaubt über die Ortsgrenze hinaus nach Osten oder Westen zu reisen, weil sich jenseits davon identische Städte an identischen Seen mit ebensolchen Bergen befinden, von denen Odiles Heimat umgeben ist. Würde Odile in den links- oder rechtsliegenden Ort reisen können, befände sie sich dort zwanzig Jahre früher beziehungsweise später als zu ihrer eigenen Gegenwart.

Odiles Mutter drängt ihre Tochter dazu, sich für eine Stelle beim Conseil zu bewerben, welches darüber bestimmt, wann und für welche Person eine Ausnahme gemacht wird, damit diese unter Bewachung eines der nebenliegenden Täler besuchen darf. Der einzig legitime Grund ist die Suche nach Trost im Trauerfall. Dabei entsteht das Problem, das empfundene Gefühl der Trauernden in Fakten zu fassen. Anfangs läuft der Aufnahmeprozess beim Rat im Sinne von Odilie, doch dann sieht sie in der eigenen Stadt Besucher eines anderen Tals, die sie kennt. Danach kommen ihr immer mehr Fragen in den Sinn, Die ihr wichtigste ist, ob jemand aus ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis bald sterben wird. Damit beginnt eine interessante Auseinandersetzung über das Für und Wider, in den Weltlauf einzugreifen und den Ablauf von Geschehnissen zu ändern.

Der Roman gliedert sich in zwei Teile. Der zweite Abschnitt spielt zwanzig Jahre später als der erste und vertieft das Gedankenspiel zwischen gestern, heute und morgen. Der Autor hat ausgeprägte Kenntnisse in Philosophie und füllt das Geschehen durch einige Wendungen mit immer neuen Fragestellungen an, die er aber nicht immer zur Gänze ausdiskutiert. Harte Strafen dienen als Abschreckung vor Regelverstößen. Körperliche Züchtigung für jedes Vergehen ist in der Schule erlaubt. Die Anliegen des Conseils haben Priorität und sind den eigenen Bedürfnissen unterzuordnen. Das Conseil schürt Angst in der Bevölkerung unter der Behauptung, dass jede und jeder Gefahr läuft, sich selbst auszulöschen als mögliche Folge eines Eingriffs in die Ereignisse. Wachsame Augen sind überall. Eine Selbstverwirklichung ist auf dem engen Raum der Stadt beschränkt ausführbar. Ob eine Flucht Sinn ergibt, wenn am Ziel die gleichen Gegebenheiten herrschen?

Scott Alexander Howards Roman „Das andere Tal“ ist ein kluges Spiel mit der Frage nach den Konsequenzen unserer Handlungen, die nachdenklich stimmt und weiter nachhallt. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung. 

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