Dienstag, 24. Mai 2022

Rezension: Das Glück kommt in Wellen von Gabriella Engelmann

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Das Glück kommt in Wellen 
(Serie "Zauberhaftes Lütteby" Band 2 von 3)
Autorin: Gabriella Engelmann
Erscheinungsdatum: 02.05.2022
Verlag: Knaur (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783426526224
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Im zweiten Band der Triloge „Zauberhaftes Lütteby“ vermittelt Gabriella Engelmann den Lesenden erneut das anhaltende Gefühlschaos der Protagonistin und Ich-Erzählerin Lina Hansen. Passend dazu ist auch der Titel „Das Glück kommt in Wellen gewählt“. Ein Glücksrezept aus der Sammlung von Linas Mutter besagt, dass die Liebe als Welle kommt und stärker ist als der Verstand. Daher sollte man sich von ihr tragen lassen.

Lina hat eine Postkarte ihrer Mutter gefunden, die ihre Tochter als Kleinkind bei der Großmutter Henrikje zurückgelassen hat. Von Henrikje fühlt Lina sich betrogen, denn sie hat immer gedacht, dass diese keinerlei Kontakt mehr zu ihrer Mutter hatte. Ihr Unverständnis vergrößert sich noch, als sie erfährt, dass anscheinend auch eine gute Bekannte Verbindung zu ihrer Mutter hat. Außerdem steht ihre gerade erwachte Liebe zu Jonas auf dem Prüfstand, weil sie vermutet, dass er sie und die Bewohner des kleinen fiktiven Orts Lütteby bewusst täuscht. Nur Sinje, der Freundin von Kindertagen an, schenkt sie noch ihr bedingungsloses Vertrauen.

Gabriella Engelmann taucht auch diesmal tief in die Gefühlswelt von Lina ein. Die Protagonistin leidet unter Verlustängsten. Nach einer Auseinandersetzung ist Henrikje nicht wie erwartet nach Hause zurück und nachdem ihre langjährige Beziehung in die Brüche ging, befürchtet sie nun, von Jonas enttäuscht zu werden.

Verständlich stellt die Autorin dar, warum Lina sich sorgt, doch als Ausgleich zu manch dunklen Gedankenwolken durfte ich wieder das behagliche Ambiente von Lütteby genießen und den Zusammenhalt der Lüttebier. Trotz ihrer eigenen Sorgen hat Lina auch immer ein Ohr für die Probleme anderer Dorfbewohner und findet Lösungen und mitfühlende Worte. Sie ist mir sympathisch, weil sie sich nicht lange ins Selbstmitleid zurückzieht, sondern Aussprache sucht und eine zweite Chance einräumt.

Die Kapitel rund um Lina und Lütteby werden wie im ersten Band von einer weiteren, in kursiver Schrift gesetzten Geschichte unterbrochen, die dem aufmerksamen Leser und der Leserin den Hintergrund einer wichtigen Bezugsperson der Protagonistin aufzeigt. Dadurch erhalten die Lesenden einen Informationsvorsprung gegenüber Lina von dem ich vermute, dass er beim abschließenden dritten Band der Reihe hilfreich sein kann.

Mit dem Roman „Das Glück kommt in Wellen“ hat Gabriella Engelmann es erneut geschafft, mir unterhaltsame Lesestunden zu schenken. Die Geschichte nimmt einige unerwartete Wendungen, nicht nur für die Protagonistin Lina, sondern auch in Sachen Liebe für ihre Freundin Sinje. Ich bin sehr gespannt, ob der letzte Teil die noch offenen Fragen zu den Familiengeheimnissen aufklären wird und freue mich darauf. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Sonntag, 22. Mai 2022

Rezension: Die Fabrikantinnen - Schwesternbande von Sarah Lindberg

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Fabrikantinnen - Schwesternbande (Band 1 von 2)
Autorin: Sarah Lindberg
Erscheinungsdatum: 11.04.2022
Verlag: Rütten & Loening (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783352009754
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Die Schwestern Emmi und Anni Engel verlieren ihren Vater im Alter von 16 beziehungsweise 14 Jahren. Mit seinem Tod im Jahr 1927 beginnt der Roman „Die Fabrikantinnen – Schwesternbande“ von Antje Szillat, die hier unter dem Pseudonym Sarah Lindberg schreibt. Obwohl danach das Geld knapp ist, besteht die Mutter darauf, dass Emmi die höhere Töchterschule abschließt, die danach aber auf ein Studium verzichtet und in einer Wollwäscherei zu arbeiten beginnt.

Anni dagegen ist nicht so wissbegierig wie ihre Schwester. Sie ist lebenslustig und träumt von einer Ausbildung in einem großen Modehaus in der nahen Stadt Hildesheim, der für sie in Erfüllung gehen wird. Obwohl die beiden von der Persönlichkeit her sehr unterschiedlich sind, verschiedene Meinungen vertreten und sich darüber gern mal streiten, vertragen sie sich auch rasch wieder.

Der Roman basiert auf der wahren Familiengeschichte der Autorin. Der Tod des Vaters bleibt ungeklärt, was einen Schatten auf das Leben der Familie wirft. Im Ort, in dem sie leben, sind die Schwestern eingebunden in ein gesellschaftliches Gefüge, aus dem jede auf ihre Weise ausbrechen möchte durch den Wunsch des Ausübens eines geeigneten Berufs. Ich hätte mir noch mehr Erzählung über den Alltag der jungen Frauen gewünscht.

Auf einem Fest begegnen beide Schwestern dem einige Jahre älteren Emil Wagner, dem einzigen Sohn eines Zuckerfabrikanten und dadurch kommender Erbe des Unternehmens. Emmi verliebt sich in ihn, jedoch hat er nur Augen für Anni, die sich dadurch geschmeichelt fühlt. Obwohl Anni von Emils Mutter aufgrund ihrer Herkunft nicht als Schwiegertochter gewünscht wird, heiraten die beiden.

Nach der Geburt von Annis Kind kommt es zu einer Tragödie, durch die das Leben von Emmi durcheinandergewirbelt wird. Sie steht ihrer Schwester zur Seite, wann immer diese sie benötigt. Mit der Zeit eignet sie sich durch ihr Interesse an den Geschicken der Zuckerfabrik in Gesprächen mit Emil Basiswissen über wirtschaftliche Zusammenhänge an. In Zeiten des Zweiten Weltkriegs wird das Unternehmen von den Anordnungen der Nationalsozialisten getroffen, ein Fortsetzen der Zuckerproduktion scheint unmöglich.

Der Roman „Die Fabrikantinnen – Schwesternbande“ zeigt das Leben zweier charakterlich unterschiedlichen Schwestern, die doch einander nicht missen können und gemeinsam einige Höhen und Tiefen zu überwinden haben. Das Schicksal meint es nicht immer gut mit ihnen. Die Geschichte fesselt durch immer neue, unerwartete Entwicklungen, die sich aber tatsächlich so ähnlich zugetragen haben. Es wird eine Fortsetzung geben bei der die nächste Generation im Mittelpunkt stehen wird. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Donnerstag, 19. Mai 2022

Rezension: Das Geheimnis von Granada von Emma Wagner


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Das Geheimnis von Granada
Autorin: Emma Wagner
Erscheinungsdatum: 12.04.2022
Verlag: Tinte & Feder #amazonpublisching
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9782496711172
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 „Das Geheimnis von Granada“ ist nicht nur der Titel des Romans von Emma Wagner sondern auch das Mysterium in der Geschichte, das den Tod der Mutter einer der Protagonistinnen umgibt. Es wird im Prolog aufgeworfen und erst zum Ende des Buchs hin geklärt. Das Cover gibt einen reizvollen Eindruck von den Gärten der Alhambra, wie sie in der andalusischen Stadt zu finden sind. Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen, einerseits in der Gegenwart und andererseits im Jahr 1974. Eine Verbindung zwischen den Geschehnissen und den Figurengruppen ergeben sich im Laufe der Geschichte.

Während der Regierung Francos lebt die siebzehnjährige Mina mit ihrer Mutter und ihren beiden jüngeren Geschwistern in Granada. Als Schneiderin verdient sie gerade genug, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Ihre Familie hat genauso unter den Repressalien der Diktatur gelitten wie die des Gitarrenbauers und Gitarristen Diego, der nur wenig älter ist als Mina. Die beiden versuchen sich an die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der Regierung und Konventionen zu halten. Doch ihr Streben nach einer gemeinsamen Zukunft steht unter keinem guten Stern.

Marisol ist neben Mina die zweite Protagonistin. Sie ist Frauenärztin an einer Kieler Klinik. Aufgrund eines Anrufs folgt sie der Bitte ihrer Großmutter, zu ihr an die südspanische Küste zu kommen. Doch mit ihrem letzten Besuch bei den Großeltern vor sechs Jahren verbindet sie die Erinnerung an den Unfalltod ihrer Mutter. Vor Ort lernt sie schon bald den gleichaltrigen Fabio kennen, der ihr seltsame Fragen zu ihrer Verwandtschaft stellt. Marisol erlebt ein Wechselbad der Gefühle, denn sie fühlt sich nicht nur von Fabio angezogen, sondern kann sich sein Interesse in Bezug auf frühere Ereignisse nicht erklären.

Der Roman basiert auf wahren Begebenheiten in der Ära von Franco zu denen die Autorin die Hintergründe gut recherchiert hat. Es gelingt ihr ein passendes Umfeld für die dramatischen Begebenheiten zu schaffen, wodurch sich von Beginn an eine Spannung im Hintergrund aufbaute. Dank des flüssigen Schreibstils konnte ich mich gut auf das Erzählte einlassen und mich in die Welt von Mina und Diego in den 1970er Jahren einfinden. In den andalusischen Orten wird und wurde gerne gefeiert und Emma Wagner nahm mich als Leserin mit zu einigen Flamencoveranstaltungen.

Während die Autorin das Geschehen in der Vergangenheit als allwissende Erzählerin beschreibt, lässt sie Marisol in der Gegenwart aus der Ich-Perspektive das Erlebte schildern. Dabei bemüht sie sich stets zur besseren Nachvollziehbarkeit um Erklärungen für Handlungen und Gefühle ihrer Figuren. Die Unterschiede im gesellschaftlichen Miteinander gestern zu heute werden auf mehrfache Weise sichtbar.

Emma Wagners Roman „Das Geheimnis von Granada“ baut auf tragischen wahren Ereignissen im Spanien unter Franco auf. Liebe und Drama machen die Geschichte unterhaltsam und sorgen für Spannung, wobei die Verhaltensnormen der Andalusier auf den beiden Handlungsebenen erkennbar werden. Die wunderschöne Landschaft bildet einen ansprechenden Rahmen für die Geschichte, die ich gerne weiterempfehle.

Mittwoch, 18. Mai 2022

Rezension: Magic Cooking - Saftig vom Grill von Matthias F. Mangold

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Magic Cooking - Saftig vom Grill
Autor: Matthias F. Mangold
Erscheinungsdatum: 03.05.2022
Verlag: Gräfe und Unzer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783833884467
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Das Buch „Magic Cooking – Saftig vom Grill“ umfasst etwas mehr als 60 Seiten und bietet Rezepte, die in drei Themengebiete unterteilt sind. Das Buch ist haptisch und optisch schön aufgemacht.

Das erste Kapitel widmet sich dem puristischen Grillen mit wenigen guten Zutaten wie beispielsweise „Brisket Butterzart“, dann folgen klassische Rezepte wie zum Beispiel „Süßkartoffeln mit Mangosalat“, die entsprechend des Titels „magisch“ verfeinert sind. Zuletzt zeigt der Autor Matthias F. Mangold seine kreative Seite und präsentiert Gerichte, die asiatisch oder südamerikanisch inspiriert sind, „Gambas im Brioche-Brötchen mit Papaya“ ist eines davon.

Die Gerichte sind für einen Gasgrill ausgelegt, können aber nach Angabe des Autors auch auf alle anderen Grilltypen angewendet werden.

Jedes Rezept steht auf der linken Seite und nimmt zwei Spalten ein, von denen in einer die Zutaten genannt werden, in der anderen die Zubereitung. Begleitet wird das Ganze von einem Appetit anregenden Foto auf der rechten Seite, die im Fotostudio von Wolfgang Schardt entstanden sind. Zu vielen Bildern gibt es einen besonderen Hinweis zum Gericht mit einem Kniff für die extra Portion Geschmack. Zwischen den Rezepten befinden sich Seiten auf denen der Autor weitere Anregungen und Hinweise zum Grillen gibt, zu Getränken und zum Marinieren.

Wer eines der Rezepte umsetzen möchte, sollte planen, da Zutaten eventuell über das Internet bestellt werden müssen, denn zumindest in unserer Kleinstadt ist nicht alles erhältlich. Etwa ein Drittel der Rezepte enthalten als Zutat Sojasauce, was nicht meinen persönlichen Geschmack entspricht.

Insgesamt bietet „Saftig vom Grill“ eine Anregung für Grillmeister und kombiniert Klassiker mit und ohne Fleisch. Dabei waren leider nicht alle Gerichte nach meinem Gusto. Dennoch sollte jeder, auch aufgrund der Hinweise zu Variationen etwas Passendes nach seiner Vorliebe finden. 


Dienstag, 17. Mai 2022

Rezension: Kurioses über euch Menschen von Simon Stephenson

 


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Kurioses über euch Menschen
Autor: Simon Stephenson
Übersetzerin: Elisabeth Mahler
Hardcover: 480 Seiten
Erschienen am 17. Mai 2022
Verlag: Kindler

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Wir schreiben das Jahr 2054. Jared arbeitet als Zahnarzt in Ypsilanti, Michigan. Diesen Job hat er erhalten, weil kein Mensch ihn ausüben will. Er hingegen ist ein Bot: Auf den ersten Blick sieht er wie ein Mensch aus, aber er hat keine Gefühle und ist im Labor in kürzester Zeit zum Erwachsenen herangereift. Eines Tages taucht eine Zahl in seiner Zahlencloud auf, die nicht mehr verschwinden will und die Menge der noch zu kontrollierenden Zähne bis zu seinem Ruhestand angibt. Er sucht gleich das Referat für Robotik auf, die ihm jedoch sagen, dass dies keine Funktionsstörung ist, die eine Löschung seiner Festplatte rechtfertigen würde.

Dr. Gundenstein, der Arzt, mit dem er sich die Praxisräume teilt, hat einen anderen Ratschlag. Jared soll sich einen der alten Filme ansehen, die sonst nur Nostalgiker schauen. Denn im Gegensatz zu den neuen Filmen, in denen es fast ausnahmslos darum geht, dass Killerbots von mutigen menschlichen Außenseitern gestoppt werden, geht es hier um Gefühle. Es passiert das Unglaubliche: Jared weint! Seine neu entdeckten Gefühle wecken in ihm den Wunsch, einen Film über einen Bot zu schreiben, der ebenfalls Gefühle hat. Dazu macht er sich auf den Weg nach Los Angeles, wo er das harte Filmbusiness kennenlernt und sich verliebt.

Jared wendet sich in der Ich-Perspektive direkt an seine Leser:innen, um ihnen seine Geschichte zu erzählen, die zu seiner Zeit als Zahnarzt in Ypsilanti beginnt. Er hat einen nüchternen Erzählstil mit vielen kurzen Sätzen und Ausrufen wie „Ha!“ und „Geht gar nicht!“, die er sich bei den Menschen abgeschaut hat. Die Idee hat mir gefallen, die Umsetzung ist jedoch gewöhnungsbedürftig, auch wenn Jared im Laufe der Zeit noch etwas flüssiger in seinen Berichten wird.

Als Außenstehender beobachtet Jared die Menschen mit ihren Verhaltensweisen, ihren Normen und Werten und ihren expliziten und impliziten Regeln ganz genau. Seine Ausführungen sind amüsant und kurzweilig. Eine zentrale Rolle spielen Gefühle, die er nach kurzer Zeit selbst zu spüren beginnt und mithilfe eines Gefühlsrads zuzuordnen versucht. Der Fokus bleibt auf Jareds Erlebnissen. Am Rande erwähnt er zwar beispielsweise, dass der Mond versehentlich verbrannt wurde und es Neuseeland nicht mehr gibt, allzu viel erfuhr ich aber nicht über die Ereignisse der vorherigen Jahre und die Gesellschaftsstruktur.

Dr. Gundenstein hat vor seiner Arztkarriere einige Semester Filmwissenschaften studiert und steckt Jared nach kurzer Zeit mit seiner Begeisterung für Filme an, insbesondere solche aus alten Zeiten, in denen keine Killerbots die Menschheit umbringen wollen. Dadurch entsteht Jareds Wunsch, selbst einen Film zu schreiben, durch welchen die Menschen Bots mit anderen Augen sehen sollen. Zwischen den Kapiteln in der Ich-Perspektive gibt es immer wieder Szenen, die als Drehbuch geschrieben sind und die damit ebenfalls auf das Filmthema einzahlen.

Die Geschichte führte mich über einen schrägen Roadtrip nach Los Angeles, wo Jared Einblicke in das Filmbusiness erhält und sich in die Kellnerin Amber verliebt. Ich fieberte mit, ob er seinen Traum von einem eigenen Film verwirklichen kann und ob er sich traut, Amber zu gestehen, dass er ein Bot ist. Ein wenig Spannung kommt auf, weil Jared sich stets der Gefahr bewusst ist, dass er vom Referat für Robotik aufgespürt und gelöscht oder gar verbrannt werden könnte. Bis zum Ende hin bleibt es abwechslungsreich und interessant. Lasst euch auf den ungewöhnlichen Schreibstil und den besonderen Protagonisten ein, dann werdet ihr mit einer Story belohnt, die abseits des Mainstreams zu unterhalten weiß!

Sonntag, 15. Mai 2022

Rezension: Morgen kann kommen von Ildikó von Kürthy

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Morgen kann kommen
Autorin: Ildikó von Kürthy
Erscheinungsdatum: 12.04.2022
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783805200936
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„Morgen kann kommen“ ist nicht nur der Titel des Romans von Ildikó von Kürthy, sondern auch ein Motto der liebenswerten Figur Rudi in der Geschichte. Er nimmt damit Bezug auf eine gewisse Ordnung im Leben, die Mut macht und Zuversicht verbreitet. Das Cover ist wieder wunderschön gestaltet mit einer Illustration von Peter Pichler, der in kräftigen Farben die Sonne am Horizont aufgehen lässt.

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die beiden Schwestern Gloria und Ruth. Seit einem Vorfall auf der Hochzeit von Ruth haben die beiden sich nicht mehr gesehen und nicht mehr miteinander gesprochen. Ruth hält ihre Schwester für eine Verräterin, für anmaßend und egoistisch. Doch fünfzehn Jahre später fasst sie Tages den Entschluss einen Neuanfang zu starten und niemand anderes als Gloria fällt ihr dazu ein, ihr dabei zu helfen. Also macht sie sich von ihrem Wohnort München aus mit ihrer gerade erst aus dem Tierheim geholten Dogge auf den Weg nach Hamburg. Dort lebt Gloria, die eine Buchhandlung führt, im Haus Ohnsorg der verstorbenen Großeltern, in dem sie gerne Zimmer an ihre Freunde vermietet. Der Grund, der sie entzweit hat, bleibt lange unbesprochen, aber auf ihre je eigene Weise gelingt es beiden zum Ende der Geschichte hin, die Wahrheit zu erkennen.

Die 51-jährige Ruth führt ein Leben im Verborgenen, denn das wird von ihrem Ehemann Karl so gewünscht. Karl ist ein erfolgreicher Schauspieler. nicht nur im Beruf, sondern auch in der Ehe. Er ist sehr auf sein Bild in der Öffentlichkeit bedacht. Ein vergessenes Foto in einem Drogeriemarkt setzt bei Ruth einen Denkprozess ungeahnten Ausmaßes in Gang, bei dem sie eine wechselhafte Gefühlswelt durchläuft. Sie ist wütend, zornig, traurig und dennoch hat sie große Zweifel daran, ob die Dinge wirklich so liegen, wie sie vermutet. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie auf ihrem Weg zur Entwicklung von mehr Selbstwert wieder umkehrt und hoffte darauf, dass sie neue anregende Impulse findet.

Ihre Schwester Gloria ist zwei Jahre älter und hat den Vorfall, der zum Zerwürfnis geführt hat, ebenfalls nicht vergessen. Ihr Haus und ihr Herz stehen ihren Freunden offen. Von Jugend an hat sie in der Familie um eine freie Meinungsäußerung gekämpft und sich Respekt für sich als Person gewünscht. Sie ist hilfsbereit, was sich momentan unter anderem darin äußert, dass sie ihrem alten Freund Rudi zur Seite steht, der zu ihr gezogen ist, um seine letzten Tage im Haus Ohnsorg zu verbringen. Ildikó von Kürthy gibt die Sorge um ihn bis zum Buchende an ihre Leserschaft weiter. Daher liegt während des Lesens über allem ein leichter Schatten.

Obwohl der Schreibstil wieder sehr beschwingt ist, überwiegt die ernste Seite aufgrund des dramatischen Ereignisses in der Vergangenheit der Geschwister und deren gegenwärtigen Probleme. Aber Glorias guter Freund Erdal, der aus früheren Büchern der Autorin bekannt ist, liefert erneut durch sein exzentrisches, selbstironisches und warmherziges Verhalten Heiterkeit. Diesmal unterzieht er sich einer Fastenkur. Seine Cousine Fatma bringt frischen Wind in die Handlung und ihre pubertierende Tochter ist einer der Gründe warum Ildikó von Kürthy dieses schwierige Alter etwas genauer betrachtet.

„Morgen kann kommen“ von Ildikó von Kürthy ist ein Roman über die Möglichkeit der Neuorientierung im Leben, durchgehend bezaubernd illustriert von Peter Pichler. Es ist auch eine Aufforderung dazu, seine Abhängigkeit von anderen Personen zu überdenken und sich von zu hohen Ansprüchen zu befreien. Das Buch hat mich sehr gut unterhalten und daher empfehle ich es gerne weiter. 

Samstag, 14. Mai 2022

Rezension: Terra di Sicilia. Die Rückkehr des Patriarchen von Mario Giordano

 

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Terra di Sicilia
Autor: Mario Giordano
Hardcover: 544 Seiten
Erschienen am 14. März 2022
Verlag: Goldmann

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Im Jahr 1880 wird in dem kleinen sizilianischen Dorf Taormina Barnaba Carbonaro als Sohn eines ehemaligen Pfarrers geboren. Dieser musste sein Amt aufgeben, nachdem er die Tochter des Schneiders geschwängert hat. Bereits mit fünf Jahren wird Barnaba zum Arbeiten auf die Orangenplantagen geschickt. Er besitzt eine Hose und ein Hemd, aber keine Schuhe. Bald zeigt er ein Talent fürs Rechnen, das Lesen lernt er hingegen nicht. Im Laufe der Jahre gelingt ihm der Aufstieg, immer wieder steht er jedoch mit leeren Händen da. So auch 1960, als er in München eintrifft und Quartier im Haus der Familie seines Sohnes Nino bezieht, welcher der Großvater des Erzählers und eins der vierundzwanzig Kinder ist, die Barnaba in seinem Leben gezeugt hat. Wie schon mehrfach zuvor in seinem Leben überlegt er, wie er ohne Vermögen, aber mit einer guten Idee wieder zu Geld kommen kann.

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen. Zum ersten Mal begegnete ich Barnaba, als er mit achtzig Jahren in München ankommt, um bei Nino und seiner Familie zu wohnen. Diese Kapitel sind im Vergleich zu den Rückblicken auf sein bisheriges Leben eher kurz. Die Rückblicke beginnen im Jahr 1890, als der zehnjährige Barnaba eine verlockende Bezahlung dafür erhält, dass er für Fotografien des Barons von Gloeden nackt Modell steht. Sein Plan, etwas davon für sich zu behalten, wird von seinem Vater durchkreuzt. Dieser stirbt am Tag darauf bei einem Erdbeben und lässt seinen Sohn mit der Verantwortung zurück, für sich selbst und seine Mutter zu sorgen.

Beim Lesen tauchte ich tief in das Sizilien am Ende des 19. Jahrhunderts ein. Barnaba ist arm, träumt aber vom Aufstieg. Als Kind ist er in den Augen der Erwachsenen jedoch ein Niemand und kassiert immer wieder Schläge, sowohl beim Arbeiten auf der Plantage als auch daheim. Er weiß, dass sein Chef ein Mafioso ist, wagt aber dennoch, mit einer Bitte an diesen heranzutreten. Seine Liebe zu Rosaria, der Schwester seines besten Freundes, wird in seiner Jugend zu einem zusätzlichen Antrieb, etwas aus sich zu machen.

Mehrfach spielt Barnaba der Zufall in die Hände und lässt ihn wertvolle Bekanntschaften machen. Er versucht, gute Beziehungen zu den richtigen Persönlichkeiten aufzubauen und Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Das gelingt ihm mal mehr und mal weniger gut. Er wird betrogen, gerät zwischen die Fronten und lässt sich von seiner Leidenschaft leiten. Mit seiner Geschäftstüchtigkeit, Mut und Gerissenheit kämpft er sich aber immer wieder zurück.

Ich begleitete Barnaba durch Höhen und Tiefen und wurde dabei gut unterhalten. Nebenbei lernte ich einiges Interessantes über Zitrusfrüchte. Auf das übersinnliche Element in Form von Geistern, die Barnaba und auch seine Familienmitglieder sehen können, hätte ich allerdings verzichten können. Barnabas Lebensstationen werden lange recht ausführlich geschildert, auf den letzten 150 Seiten zieht das Tempo dann deutlich an und die Jahre werden im Zeitraffer erzählt. Hier hätte ich mir eine ausgewogenere Verteilung gewünscht. Der Abschluss verspricht eine Fortsetzung, in welcher die Frauen der Familie im Mittelpunkt stehen - man darf gespannt sein.

Lest „Terra di Sicilia“, wenn ihr Lust auf ein deutsch-sizilianisches Familienepos habt und den Lebensweg eines Patriachen mit all seinen Höhen und Tiefen begleiten wollt!

Freitag, 13. Mai 2022

Rezension: Sommerschwestern von Monika Peetz

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Sommerschwestern
Autorin: Monika Peetz
Erscheinungsdatum: 07.04.2022
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783462002126
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Der Roman „Sommerschwestern“ von Monika Peetz ist eine Familiengeschichte mit einem Geheimnis, das Henriette Thalberg vor ihren vier Töchtern, den Protagonistinnen des Romans, verbirgt. Die Erzählung nahm mich mit an die nordholländische Küste nach Bergen. Hier verbrachte die Familie jeden Sommer bis es vor über 20 Jahren zum tragischen Unfalltod des Vaters kam. Das Cover zeigt das stilisierte Bild einer Frau im sommerlichen Kleid, die aufs Meer blickt und vermittelte mir dadurch eine gewisse Leichtigkeit, die man sonnigen Tagen anhängt. Doch hinter der Fassade brodelt es im Privatleben der Schwestern Doro, Yella, und der Zwillinge Amelie und Helen. Über das anstehende Ereignis tauschen sie sich bereits vorab in einer Chatgruppe aus, die den Titel des Buchs als Namen hat, mit dem sie Erinnerungen an die Vergangenheit verbinden.

Henriette hat ihre Töchter mit einer plötzlichen Einladung nach Bergen überrascht. Den Grund dafür hat sie nicht angegeben. Eigentlich sind nicht nur die Geschwister, sondern auch Partner und Enkelkinder eingeladen, aber Yellas Familienmitglieder hatten andere Termine. In der Chatgruppe fällt auf, dass die älteste sich nicht daran beteiligt, über den Anlass zu spekulieren. Die anderen mutmaßen, ob Doro mehr weiß als sie und wenn, warum ist das so?

Die Schwestern sind sehr unterschiedlich. Während Doro erfolgreich ist als Kostümbildnerin und mit einer großen Portion Selbstbewusstsein durchs Leben geht, hat Yella ihr Architekturstudium aufgegeben und arbeitet als Fachkraft im Büro, Amelie hilft einer Freundin auf deren Weg in die Selbständigkeit und Helen ist Naturwissenschaftlerin. Aufgewachsen sind sie in Köln, aber nur noch Henriette und Doro leben dort. Henriettes Art, ihre Töchter für ihr Tun abzuurteilen und ihnen ihre Meinung darüber mitzuteilen, bringen eine gewisse Distanz der Familienmitglieder zueinander nicht nur räumlich mit sich. Familienfeste sind selten geworden.

Die Einladung nach Bergen ist mit gemischten Gefühlen bei den Schwestern verbunden. Einerseits erwachen dadurch Kindheitserinnerungen an unbeschwerte Tage am Meer, andererseits wird das dramatische Ende durch den Tod des Vaters wieder lebendig. Aufgrund des Tonfalls der Aufforderung der Mutter, dem ihre Töchter Dringlichkeit entnehmen, machen sie sich Sorgen. Aber es erwacht auch ein Stück Heimat vor Ort in Bergen und sehr schön lässt die Autorin dank eigener Erfahrungen holländische Lebensart in den Roman einfließen.

Der Fokus der Erzählung ruht am häufigsten auf Yella, die mit ihrer Rolle als Frau und Mutter hadert. In Bergen bringt der Abstand zum Alltag und die Möglichkeit des Beisammenseins die Geschwister dazu, sich gegenseitig zu vergleichen und ihr jeweiliges Verhältnis zur Mutter auf den Prüfstand zu stellen. Wie in jeder Familie mit mehreren Kindern ist Verbundenheit, Respekt und Treue füreinander, aber auch Missgunst zwischen den Zeilen zu spüren. Der Streit um den Platz im Familiengefüge stellt sich, so wie früher, schnell wieder ein. Die Sorgen der Schwestern um die Mutter unter Nennung ihrer Vermutung senken ein wenig die Spannung auf das Ende, an dem diese ihr Geheimnis lüftet.

„Sommerschwestern“ von Monika Peetz ist nicht nur ein Roman, der den Lesenden mitnimmt zu Erinnerungen an unbeschwerte Sommertage an der niederländischen Küste und ein anstehendes freudiges Fest, sondern offenbart auch die Probleme im Alltagsleben der Geschwister und ihrer Mutter. Die unterhaltsame Familiengeschichte empfehle ich gerne weiter.



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