Samstag, 19. September 2026

Rezension: Territorium von Sabrina Janesch

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Territorium
Autorin: Sabrina Janesch
Erscheinungsdatum: 04.09.2026
Verlag: Rowohlt Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783737102544
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In ihrem Roman „Territorium“ widmet sich Sabrina Janes dem kaum dargestellten Thema des Staatsstreichs gegen die hawaiische Königin Lili’uokalani im Januar 1893. In einer Welt, die hauptsächlich von Männern regiert wurde, war es im polynesischen Inselstaat nicht ungewöhnlich, dass eine Frau das Land regierte. Bevor es zum Putsch kam, hatte die Königin Reformen geplant, die den Einfluss der amerikanischer und europäischer Geschäftsleute beschränken sollten. Immer mehr Hawaiier waren von ihren angestammten Gebieten verdrängt worden und mussten sich als Tagelöhner bei den von Ausländern betriebenen, vor allem im Zuckerrohranbau erfolgreichen Unternehmen verdingen. Zudem wollte sie als erste weltweit das Frauenwahlrecht einführen. Angeführt wurde der Staatsstreich vom Rechtsanwalt Lorrin Thurston, der zwar auf Hawaii geboren wurde und dort aufwuchs, seine wirtschaftlichen Interessen jedoch über seine Verbundenheit mit den Inselbewohnern setzte.

Bereits zu Beginn der Geschichte gelingt es der Autorin die von Veränderung geprägt Atmosphäre am Jahresanfang 1893 einzufangen. Dazu rückt sie zunächst Gertrude Wolf, die deutsche Beraterin und Gesellschaftsdame der Königin, bei einer Rast auf der Veranda ihres Hauses in den Mittelpunkt. Man glaubt, den Wind und die Wärme zu spüren und den Rausch zu erahnen, der Gertrude umfängt. Neben Lili’uokalani und der Journalistin Emma Nawahi, die ebenfalls der Königin zur Seite steht, ist sie eine der wenigen Frauen des Romans, die von größerer Bedeutung sind. Bereits die der Erzählung vorangestellte Auflistung der handelnden Personen umfasst ansonsten nur Männer.

Allein durch die lebendige Gestaltung ergibt sich ein Unterschied zu einem Sachbuch, denn Sabrina Janesch hat eine umfangreiche und akribische Recherche durchgeführt. Diese findet sich darin wieder, dass in den beiden Jahre nach dem Putsch nicht nur die Handlungsorte anschaulich und detailreich beschrieben sind, sondern auch die häufig auf historischen Vorbildern beruhenden Figuren glaubwürdig und facettenreich gestaltet werden. Dabei ist jederzeit deutlich, wer zu den Verfechtern der Unabhängigkeit Hawai’is gehört, die sich aus Traditionalisten, Opportunisten und Heldenhaften zusammensetzen, und wer Befürworter der Annexion durch die USA ist.

Die damalige Größe der deutschen Gemeinschaft auf Hawai’i hat mich überrascht. Sie spielt eine wichtige Rolle im Machtkampf, ebenso wie die Amerikaner. Auch chinesische Einwanderer suchen nach einem Platz im staatlichen Gefüge. Sabrina Janesch beleuchtet die Motive der handelnden Personen und beschreibt nicht nur die finanziellen Mittel der jeweiligen Gruppierungen, sondern auch die strategischen Überlegungen zu deren Einsatz. Eine besondere Rolle nehmen die Kapitel aus der Sicht der Königin ein, der die Autorin in der Wir-Form einen imaginären Raum zusteht. Beeindruckt hat mich beim Lesen die Vorstellung, dass es selbst mitten in dieser revolutionären Zeit möglich war, sich stets mithilfe eines Bretts in die Wellen zu stürzen.

In dem sprachlich ausdrucksstarken und atmosphärisch dicht erzählten Roman „Territorium“ verbindet Sabrina Janesch historische Fakten mit einer lebendigen Handlung. „Territorium“ erzählt dabei nicht nur vom Machtkampf um Hawaii, sondern stellt grundlegende Fragen nach Integrität und Loyalität, nach Recht und Unrecht sowie nach dem Mut, für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

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