Die in Kalifornien lebende Rachel Khong erzählt in ihrem
Roman „Real Americans“ eine vielschichtige Familiengeschichte, die sich über drei
Generationen erstreckt und bemerkenswerterweise bis ins Jahr 2030 reicht. Jeder
der drei Teile nimmt dabei eine andere Familienepoche in den Mittelpunkt. Der
Prolog des Buchs spielt im Jahr 1966 in Peking. Eine unbenannte Frau zerschlägt
mit einem Hammer das Glas einer Vitrine, um Relikte vor der Zerstörung durch
die Rote Garde zu bewahren. Diese Szene wirft die Frage auf, wer den Mut
besitzt, sich dem Regime entgegenzustellen. Erst viele Seiten später fügt sich der
Vorfall in den Gesamtzusammenhang ein.
Die 22-jährige Lily Chen steht 1999 kurz vor dem Abschluss
ihres Studiums in Kunstgeschichte. Sie arbeitet als unbezahlte Praktikantin in
der Grafikabteilung eines angesagten New Yorker Medienunternehmens. Auf der
Weihnachtsfeier lernt sie Matthew kennen, den fünf Jahre älteren Neffen ihres
Chefs. Zwischen den beiden funkt es. Beide haben Eltern, von deren Einstellung
zum Leben sie sich distanzieren, ohne weiter darüber zu sprechen. Lily wird
bald bewusst, dass Matthew über deutlich mehr finanzielle Mittel verfügt als
sie, was ihr äußerst unangenehm ist. Schließlich siegt ihre Liebe über ihre
Bedenken, sich ganz auf eine Person einzulassen, bevor sie selbst eine genaue
Vorstellung von ihrer Zukunft hat.
Der zweite Teil des Romans setzt im Jahr 2021 ein und
richtet den Fokus auf den fünfzehnjährigen Nick, der mit seiner Mutter Lily auf
einer kleinen, nur dünn besiedelten Insel im Nordwesten der USA lebt. Als
Leserin begleitete ich ihn auf der Suche nach seinem Vater, der ihm unbekannt
ist, weil sich seine Mutter über ihn ausschweigt. Gleichzeitig erzählt Lily
ihrem Sohn ebenfalls wenig aus ihrem früheren Leben, obwohl sie selbst es stets
bedauert hat, nicht mehr von der Kindheit und Jugend ihrer Eltern in China
erfahren zu haben.
Immer wieder streut die Autorin kleine Hinweise auf die
Vergangenheit von Lilys Mutter Mai ein, die für eine hintergründige Spannung
sorgen. Der dritte Abschnitt, der im Jahr 2030 spielt, ist Mai gewidmet. Wie
Lily und Nick berichtet auch sie aus der Ich-Perspektive. Besonders
wirkungsvoll ist, dass Rachel Khong im letzten Buchteil einzelne Kapitel in
eine auktoriale Erzählhaltung wechselt, um Nicks Geschichte weiterzuführen.
Dabei wird spürbar, wie eng die Schicksale der Familienangehörigen miteinander sind.
Immer wieder flechtet die Autorin Überlegungen ihrer Figuren
dazu ein, wie amerikanisch sie sein wollen und als wie zugehörig sie sich zu
ihrer Abstammung empfinden. Lily etwa stört es, aufgrund ihres asiatischen
Aussehen kategorisiert zu werden. Sie hadert jedoch auch damit, dass sie die
Erwartungen ihrer Eltern an höher gesetzte Lebensziele nicht erfüllt. Rachel
Khong wirft die Fragen auf, in welchem Maße uns genetische Anlagen prägen und
wie stark unser Umfeld uns und unsere Entscheidungen beeinflussen kann. Gleichzeitig
regt sie auf subtile Weise dazu an, darüber nachzudenken, ob den Eingriffen in
das menschliche Genom Grenzen gesetzt werden sollten.
Im Roman „Real Americans“ wirft Rachel Khong die großen
Fragen des Lebens auf. Statt expliziter Debatten ihrer Figuren baut sie ein
faszinierendes, denkbares Familienbild auf voller überraschender Wendungen, mit
feinfühlig ausgeführten Details und unter Einbindung historischer Hintergründe.
Es ist eine bewegende Geschichte über Herkunft, Selbstbestimmung und Bindungen
zwischen Generationen einer Familie. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.
