Mittwoch, 25. Februar 2026

Rezension: Real Americans von Rachel Khong

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Real Americans
Übersetzer aus dem amerikanischen Englisch: Tobias Schnettler
Erscheinungsdatum: 12.02.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462902016
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Die in Kalifornien lebende Rachel Khong erzählt in ihrem Roman „Real Americans“ eine vielschichtige Familiengeschichte, die sich über drei Generationen erstreckt und bemerkenswerterweise bis ins Jahr 2030 reicht. Jeder der drei Teile nimmt dabei eine andere Familienepoche in den Mittelpunkt. Der Prolog des Buchs spielt im Jahr 1966 in Peking. Eine unbenannte Frau zerschlägt mit einem Hammer das Glas einer Vitrine, um Relikte vor der Zerstörung durch die Rote Garde zu bewahren. Diese Szene wirft die Frage auf, wer den Mut besitzt, sich dem Regime entgegenzustellen. Erst viele Seiten später fügt sich der Vorfall in den Gesamtzusammenhang ein.

Die 22-jährige Lily Chen steht 1999 kurz vor dem Abschluss ihres Studiums in Kunstgeschichte. Sie arbeitet als unbezahlte Praktikantin in der Grafikabteilung eines angesagten New Yorker Medienunternehmens. Auf der Weihnachtsfeier lernt sie Matthew kennen, den fünf Jahre älteren Neffen ihres Chefs. Zwischen den beiden funkt es. Beide haben Eltern, von deren Einstellung zum Leben sie sich distanzieren, ohne weiter darüber zu sprechen. Lily wird bald bewusst, dass Matthew über deutlich mehr finanzielle Mittel verfügt als sie, was ihr äußerst unangenehm ist. Schließlich siegt ihre Liebe über ihre Bedenken, sich ganz auf eine Person einzulassen, bevor sie selbst eine genaue Vorstellung von ihrer Zukunft hat.

Der zweite Teil des Romans setzt im Jahr 2021 ein und richtet den Fokus auf den fünfzehnjährigen Nick, der mit seiner Mutter Lily auf einer kleinen, nur dünn besiedelten Insel im Nordwesten der USA lebt. Als Leserin begleitete ich ihn auf der Suche nach seinem Vater, der ihm unbekannt ist, weil sich seine Mutter über ihn ausschweigt. Gleichzeitig erzählt Lily ihrem Sohn ebenfalls wenig aus ihrem früheren Leben, obwohl sie selbst es stets bedauert hat, nicht mehr von der Kindheit und Jugend ihrer Eltern in China erfahren zu haben.

Immer wieder streut die Autorin kleine Hinweise auf die Vergangenheit von Lilys Mutter Mai ein, die für eine hintergründige Spannung sorgen. Der dritte Abschnitt, der im Jahr 2030 spielt, ist Mai gewidmet. Wie Lily und Nick berichtet auch sie aus der Ich-Perspektive. Besonders wirkungsvoll ist, dass Rachel Khong im letzten Buchteil einzelne Kapitel in eine auktoriale Erzählhaltung wechselt, um Nicks Geschichte weiterzuführen. Dabei wird spürbar, wie eng die Schicksale der Familienangehörigen miteinander sind.

Immer wieder flechtet die Autorin Überlegungen ihrer Figuren dazu ein, wie amerikanisch sie sein wollen und als wie zugehörig sie sich zu ihrer Abstammung empfinden. Lily etwa stört es, aufgrund ihres asiatischen Aussehen kategorisiert zu werden. Sie hadert jedoch auch damit, dass sie die Erwartungen ihrer Eltern an höher gesetzte Lebensziele nicht erfüllt. Rachel Khong wirft die Fragen auf, in welchem Maße uns genetische Anlagen prägen und wie stark unser Umfeld uns und unsere Entscheidungen beeinflussen kann. Gleichzeitig regt sie auf subtile Weise dazu an, darüber nachzudenken, ob den Eingriffen in das menschliche Genom Grenzen gesetzt werden sollten.

Im Roman „Real Americans“ wirft Rachel Khong die großen Fragen des Lebens auf. Statt expliziter Debatten ihrer Figuren baut sie ein faszinierendes, denkbares Familienbild auf voller überraschender Wendungen, mit feinfühlig ausgeführten Details und unter Einbindung historischer Hintergründe. Es ist eine bewegende Geschichte über Herkunft, Selbstbestimmung und Bindungen zwischen Generationen einer Familie. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

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