Real Americans
Autorin: Rachel Khong
Übersetzer: Tobias Schnettler
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
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Im Jahr 1999 lebt Lily Chen in New York und arbeitet dort als unbezahlte Praktikantin in einer Grafikabteilung. Auf der Weihnachtsfeier lernt sie den Neffen ihres Chefs kennen, der ihr überraschend seinen auf der Feier gewonnenen Fernseher überlässt. Die beiden tauschen Nummern aus, kurz darauf lädt er sie in ein teures Restaurant ein und fliegt mit ihr nach Paris. Doch Lily ist überzeugt davon, das sie nicht in seine Welt passt und geht auf Distanz. Jahre später wächst Nick auf einer abgelegenen Insel auf. Über seinen Vater weiß er nur, dass er keinen Kontakt wünscht. Doch kurz vor seinem Abschluss findet er eine Spur, die ihn den Geheimnissen seiner Familie näher bringt.
Der Roman beginnt mit dem Kennenlernen von Lily und Matthew, die aus ganz unterschiedlichen Welten stammen. Lilys Eltern sind Chinesen und als Naturwissenschaftler vor ihrer Geburt über Hongkong in die USA eingewandert. Matthews Familie ist sehr reich und einflussreich, wobei er zunächst versucht, Lily über die Ausmaße dessen im Dunkeln zu lassen. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit fühlen sich die beiden zueinander hingezogen. Die Geschichte entwickelt schnell einen Lesesog und ich war gespannt, ob es für die beiden wirklich eine gemeinsame Zukunft gibt.
Zunächst wirkt der Roman wie eine klassische Boy meets Girl-Geschichte. Dann jedoch endet die Erzählung aus Lilys Perspektive und der Roman springt fast zwanzig Jahre in die Zukunft und wird aus der Perspektive von ihrem Sohn Nick weitererzählt. Ein dritter Teil lässt schließlich Lilys Mutter zu Wort kommen. Im Laufe der Zeit ergibt sich so ein immer detaillierteres Bild der Familiendynamiken. Es wird klar, dass viele wegweisende Entscheidungen im Hinblick auf die Lebenswege der drei aus der Motivation heraus getroffen wurden, dass die nachfolgende Generation es besser hat als man selbst. Doch dabei werden Grenzen überschritten, die zu Zerwürfnissen führen und der Frage, ob man dennoch wieder zueinander finden kann. Die Antwort darauf fällt unterschiedlich aus.
Ich habe die drei Protagonist:innen gerne auf ihrem Weg begleitet. Alle drei haben gemein, dass für sie manchmal die Zeit stehen bleibt und sie sie in diesem eingefrorenen Moment weiterleben. Dieses dezente Element des magischen Realismus fügt sich gelungen in die Handlung ein. Zusätzlich spielt Epigenetik später im Buch eine wichtige Rolle, was ich interessant fand. Etwas gestört hat mich die Ganz-oder-gar-nicht Haltung aller Protagonist:innen, die wenig Verhandlungsspielraum lässt, um Positionen auszuloten. Insgesamt ist „Real Americans“ ein fesselnder Roman über Familie, Herkunft, Klasse und der Suche nach einem passenden Platz im Leben, den ich sehr gerne weiterempfehle.
