Mittwoch, 11. April 2018

[Rezension Ingrid] Zwischen zwei Sternen von Becky Chambers



„Zwischen zwei Sternen“ ist ein Science-Fiction Roman der US-Amerikanerin Becky Chambers. So wie das Debüt der Autorin spielt auch diese Geschichte im Wayfahrer-Universum. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die Künstliche Intelligenz Lovelace und Pepper, eine junge Frau die auf dem Planeten Coriol einen eigenen Technikladen besitzt und bereits im ersten Band der Serie eine Nebenrolle spielte.

Der Roman handelt auf zwei Ebenen. Die Haupthandlung erzählt die Geschichte von Lovelace. Sie ist die Künstliche Intelligenz (KI) des Raumschiffs Wayfahrer, und erwacht nach einem Reboot in einem für sie geschaffenen menschenähnlichen Körper, Bodykit genannt. Ihre visuelle Wahrnehmung ist durch das Kit stark eingeschränkt ebenso wie die Zugriffe auf Daten zur Auswertung. An ihre vorige Existenz im Raumschiff erinnert sie sich nicht mehr. Pepper bietet ihr einen Platz in ihrem Zuhause und eine Arbeit als ihre Angestellte an, die sie annimmt. Unterbrochen wird die Erzählung von Rückblicken auf das Leben von Pepper, die als Kind ausgerissen ist und an Bord eines Raumschiffs, das auf einer Halde mit Abfall steht, von einer Künstlichen Intelligenz zum Überleben angeleitet wurde. Ihre eigenen Erlebnisse veranlassen die Technikerin der KI zu helfen.

Becky Chambers übernimmt für ihre Fortsetzung das von ihr geschaffene Wayfahrer-Universum mit dem im All befindlichen besonderen Planeten und Sternen und den einzigartigen Spezies wie den Aandrisks und Quelins. „Zwischen zwei Sternen“ kann unabhängig vom ersten Teil gelesen werden, denn außer Lovelace und Pepper wird kein anderer Charakter daraus weiterentwickelt. . Insgesamt gesehen ist der Spannungsbogen nicht ganz so hoch wie im vorigen Band. Die Autorin thematisiert diesmal die Organisation des Alltags auf einem andersartigen Planeten. Die beiden Protagonistinnen sind zwei sehr unterschiedliche Daseinsformen, die sich auf ihre eigene Weise ihre Umgebung erschließen. Beim Lesen wurden mir all die Schwierigkeiten bewusst, die zum Überleben notwendig sind in einer unwirtlichen Umgebung mit wenig Lebenserfahrung. Als Frage warf sich mir auf, bei welchem Dasein man von Leben reden kann.

Es ist bemerkenswert, wie Becky Chambers Konfliktsituationen schildert und gleichzeitig dazu nach einer für alle tragbaren Lösung sucht. Für die unterschiedlichen Spezies hat sie sich eigene Normen und Werte erdacht, die für ein sinnvolles Miteinander beachtet werden müssen. Dazu ist Respekt, Verständnis und Hilfsbereitschaft notwendig. Lovelace und Pepper stoßen mit ihrer Auslegung der Regeln immer wieder an Grenzen, womit die Autorin Fragen nach Richtig und Falsch, Gut und Böse aufwirft, die mich als Leser zum Nachdenken brachten. Auch diesmal sorgt Karin Will für eine verständige Übersetzung ins Deutsche.

Mit „Zwischen zwei Sternen“ beeindruckte Becky Chambers mich wie bereits bei ihrem Debüt mit ihrem großem Feingefühl für ihre Figuren im Miteinander einer multikulturellen Gesellschaft. Ich habe mich gefreut davon zu erfahren, dass die Serie fortgesetzt wird. Gerne empfehle ich das Buch an Science-Fiction-Leser weiter, die weniger über die Eroberung des Weltalls, sondern mehr über Völkerverständigung im Sterneuniversum lesen möchten.

Rezension zum ersten Band der Serie "Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten" ->KLICK

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Titel: Zwischen zwei Sternen (Band 2 der Serie, die im Wayfahrer-Universum spielt)
Autorin: Becky Chambers
Übersetzerin: Karin Will
Erscheinungsdatum: 25.01.2018
Verlag: Fischer Tor (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch

Dienstag, 10. April 2018

[Rezension Hanna] Nachtwild - Gin Phillips



Wie so oft besucht Joan mit ihrem vierjährigen Sohn Lincoln den Zoo. Kurz bevor dieser für den Tag schließt und sie noch in einem entlegenen Winkel der Anlage spielen, ist aus der Ferne mehrmals ein Knall zu hören. Doch erst als Joan auf dem Weg zum Ausgang einen Mann mit Gewehr sieht, realisiert sie, dass sie und ihr Sohn in höchster Gefahr schweben. Wo können sie sich am besten verstecken vor jemandem, der wahllos auf Mensch und Tier zielt? Joan würde alles tun, um Lincoln zu schützen. Doch welche Entscheidungen muss sie dazu treffen?

Das schwarze Cover des Buches zeigt einen blutroten Leoparden. Doch anders als man vielleicht zuerst vermutet geht es in der Geschichte nicht um wilde Tiere und sie spielt auch nicht nachts. Stattdessen dreht sich alles um einen Amoklauf im Zoo. Die Handlung umfasst einen Zeitraum von etwa drei Stunden, welche der Leser an der Seite von Joan verbringt, der Mutter des vierjährigen Lincoln. Schon nach wenigen Seiten wird aus dem gemütlichen Nachmittag im Zoo ein Szenario, in dem es um Leben und Tod geht.

Sobald Joan realisiert, in welcher Gefahr sie und Lincoln stecken, legt sie sich in Windeseile einen Plan zurecht. Ich fand das von ihr gewählte Versteck eine gute Idee. Kann sie dort ausharren, bis die Situation entschärft ist? So einfach ist es leider nicht. Zum einen muss sie sich um Lincoln kümmern und ihn ruhig halten. Dieser nimmt die Lage als Kind ganz anders wahr. Zum anderen ist der Mann mit Gewehr noch immer unterwegs, und er ist nicht allein. Ich flog durch die Seiten, weil ich unbedingt wissen wollte, ob alles gut ausgeht. Die Spannung ist dabei die meiste Zeit vor allem psychologischer Natur. Gut konnte ich nachvollziehen, wie sehr das Verstecken an Joans Nerven zerrt.

Doch blanke Nerven hin oder her – Joan beginnt bald, einige Dinge zu tun, die ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Denn sie minimiert damit ihre Chance auf Rettung und steigert die Chance, entdeckt zu werden. Wie lange geht das wohl gut? Eine gelungene Ergänzung waren die Einschübe, in denen das Geschehen aus der Sicht anderer Menschen im Zoo geschildert wird. Da gibt einen Teenager und eine alte Dame, die sich ebenfalls verstecken. Die Perspektive eines Täters gibt dem Leser zudem Einblicke, was einen jungen Menschen zu solch einem schrecklichen Schritt treibt, wobei mir dies zu diffus blieb.

Zum Ende hin steigt die Spannung noch einmal deutlich an und Joan muss blitzschnell Entscheidungen treffen, von denen ihr Leben und das ihres Sohnes abhängt. Diese Momente sind nichts für schwache Nerven, und ab diesem Punkt muss man das Buch einfach in einem Rutsch zu Ende lesen, zu groß wäre sonst die Ungewissheit. Schließlich werden noch einige drängende Fragen beantwortet. Doch alles im allem war die Auflösung für mich nicht ganz rund und ich hätte mir noch mehr Erklärungen gewünscht.

In „Nachtwild“ wird ein höchst beklemmendes Szenario geschildert, in welchem es um Leben und Tod geht: Ein Amoklauf im Zoo. Schreckliche Stunden in Gefahr und Ungewissheit werden aus der Perspektive von Joan, der Mutter eines kleinen Jungen, geschildert. Leider war Joans Verhalten für mich immer wieder absolut nicht nachvollziehbar und mir fehlten Erklärungen. Ich vergebe deshalb gute drei Sterne.



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Nachtwild
Autorin: Gin Phillips
Übersetzerin: Susanne Goga-Klinkenberg
Broschiert: 304 Seiten
Erschienen am 29. März 2018
Verlag: dtv

Montag, 9. April 2018

[Rezension Hanna] Die Farben des Lebens - Lorraine Fouchet



Kim lebt auf der bretonischen Insel Groix und betreibt gemeinsam mit ihrem Freund Clovis einen Zeitungsladen. Außer ihm hat sie nur noch ihre Großmutter. Dass diese in die Schweiz fährt, um dort zu sterben, wirft Kim völlig aus der Bahn. Sie beginnt, in einem Notizbuch Pros und Kontras des Lebens zu sammeln und braucht dringend einen vorübergehenden Tapetenwechsel. Über eine Freundin erfährt sie, das eine Dame in einem exklusiven Seniorenheim in Antibes Unterstützung braucht. Gilonne ist in letzter Zeit immer verwirrter, akzeptiert Kim aber gleich als Mitglied in der Liga der glücklichen Rothaarigen. Die Demenz hat Gilonne verändert, und was andere über sie, ihr Verhalten und ihre Geschichte erzählen wirft für Kim so manches Rätsel auf.

Ich habe mich sehr gefreut, nach „Ein geschenkter Anfang“ mit diesem Buch der Insel Groix erneut einen Besuch abzustatten. Die beiden Bücher sind nur ganz lose miteinander verknüpft, sodass man kein Vorwissen benötigt. Gleich auf den ersten Seiten erhält Kim den letzten Anruf ihrer Großmutter, die in der Schweiz nach eigener Aussage mit Stil das Handtuch wirft. Ich konnte gut verstehen, wie sehr das Kim aufwühlt – sie war ihre einzige Familie und ihre Entscheidung kommt für sie überraschend.

Schade fand ich, dass nicht weiter auf die Entscheidung der Großmutter eingegangen wird und ihre Motive völlig im Dunklen bleiben. Es wird nur erwähnt, dass sie mit Kim schon einmal über das Thema Sterbehilfe gestritten hat. Stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf Kim, die einen Tapetenwechsel als einzigen Ausweg sieht, um sich auf das zu besinnen, was das Leben für sie bereit hält. In Antibes angekommen konzentriert sie sich auf ihre neue Rolle als Gesellschafterin von Gilonne und darauf, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Parallel zum Handlungsstrang in der Gegenwart springt das Buch immer wieder in die Vergangenheit und berichtet über das Schicksal eines kleinen Jungen, bei dem eine schreckliche Tat sein Leben für immer verändert. Diese Einblicke konnten mich berühren und als Leser ahnt man bald, was das mit der Gegenwart zu tun hat. In dieser wird Kim allmählich mit den Abläufen im Seniorenheim vertraut und lernt auch einige andere mehr oder weniger liebenswerte Bewohner kennen.

Bald kommt Kim einem Geheimnis auf die Spur, weshalb sie alte Bekannte von Gilonne kontaktiert, um mehr herauszufinden. Diese zeichnen ein völlig anderes Bild der alten Dame, die mich ins Nachdenken darüber brachte, wie sehr Demenz einen Menschen verändern kann und ob dies mit Vergebung einhergehen kann. Kims Liste mit den Pros und Kontras des Lebens füllt sich bei diesen ganz unterschiedlichen Begegnungen zunehmend. Die Erfahrungen, die sie in ihrer Zeit in Antibes macht, sind berührend, traurig und schön zugleich – genau wie das Ende, welches die Geschichte gelungen abrundet.

In „Die Farben des Lebens“ reist Kim nach dem Tod ihrer Großmutter von Groix nach Antibes, um dort vorübergehend in einem Seniorenheim zu arbeiten und über das Leben und Sterben nachzudenken. Das Buch bringt ins Nachdenken über das Altern und den Tod, behält dabei aber stets eine gewisse Leichtigkeit. Ein Geheimnis sorgt zusätzlich für ein wenig Spannung und Überraschungen. Sehr gern empfehle ich diesen bittersüßen französischen Roman weiter.


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Die Farben des Lebens
Autorin: Lorraine Fouchet
Übersetzerin: Katrin Segerer
Hardcover: 320 Seiten
Erschienen am 14. März 2018
Verlag: Atlantik

Sonntag, 8. April 2018

[Rezension Hanna] Invisible - Ursula Poznanski & Arno Strobel




Ein neuer Mordfall wartet auf Nina und Daniel, wobei der Täter nicht lange gesucht werden muss. Mitten in einer Herz-OP betritt ein Kollege des operierenden Arztes den Raum und ersticht den Patienten vor den Augen aller Anwesenden. Danach kann er seine Tat kaum fassen. Er sei so wütend gewesen, nachdem der Ermordete ihn wochenlang online bedroht hat. Wenige Tage später ereignet sich ein weiterer Mord – ein Mann wurde in seiner Wohnung mit zahlreichen Messerstichen niedergestreckt. Die Opfer scheinen sich gekannt zu haben, doch der erste Täter war zum Tatzeitpunkt schon in Haft – was geht hier vor sich?

Mit „Invisible“ legen Ursula Poznanski und Arno Strobel ihr drittes gemeinsames Buch vor, auf das ich mich sehr gefreut habe. Der zweite Fall für Nina Salomon und Daniel Buchholz startet gleich mit einer dramatischen Szene. Ein Arzt betritt den OP-Saal eines Kollegen, um dessen Patient zu erstechen – was ist sein Motiv? Auf Nachfrage der Polizisten gibt er ein nicht allzu überzeugendes Motiv an: Er kenne das Opfer eigentlich kaum, aber sei nach dessen wochenlangen Bedrohungen über das Internet unglaublich wütend gewesen.

Schon wenige Tage und Seiten später ereignet sich ein zweiter Mord und zahlreiche Messerstiche weisen darauf hin, dass der Täter in Rage gehandelt hat. Fast gleichzeitig zeigt die Untersuchung des Täters vom ersten Mord, dass die Drohmails von seinem eigenen Rechner versendet wurden. Die Ereignisse überschlagen sich und ich war im Nu mitten in der Geschichte. Wie die Ermittler hatte ich zahlreiche Fragen im Kopf und hoffte darauf, bald Antworten zu erhalten.

Die Kapitel sind wie schon im ersten Fall „Anonym“ abwechselnd aus der Sicht von Nina und Daniel geschrieben. Die Entwicklungen in ihrem Privatleben nehmen einigen Raum ein. Daniel muss sich damit auseinandersetzen, ob er seine Beziehung mit Isabell vertiefen will, und das Grübeln lässt ihn oft gereizt reagieren. Nina arbeitet nicht nur mit Daniel, sondern auch mit dem neuen Kollegen Philipp eng zusammen, der ihr Avancen macht und Daniel ein Dorn im Auge ist. Ich fand es interessant, mehr über die beiden zu erfahren. Im Mittelteil nahmen mir diese Handlungsstränge aber zu viel Raum ein.

Der Druck auf die Ermittler steigt im Verlauf der Geschichte immer weiter, denn weitere Morde passieren auf ähnliche Weise. Es zeichnet sich ein Muster ab, das kein Zufall mehr sein kann. Was ist es, das die Täter so wütend werden lässt? Etwas merkwürdig fand ich, dass fast die ganze Ermittlungsarbeit von Nina und Daniel gemacht wird, obwohl sie von zahlreichen Kollegen unterstützt werden. Für mich war nicht so klar, welche Aufgaben diese in der Zwischenzeit wahrnehmen und ich hatte das Gefühl, dass man mit großer Mannstärke einige Dinge schneller hätte herausfinden können. Als endlich die ersten Puzzlestücke an ihrem Platz fallen steigt die Spannung noch mal an bis hin zu einem dramatischen Showdown. Obwohl ich eine Vermutung hatte, worauf das Ganze grundsätzlich hinaus läuft, konnte dieser mich überraschen.

„Invisible“, der zweite Fall für Nina Salomon und Daniel Buchholz, startet temporeich und dramatisch. Die beiden Ermittler versuchen fieberhaft, den Ursprüngen einer Mordserie auf die Spur zu kommen. Was ihr Privatleben betrifft müssen sie außerdem einige wichtige Entscheidungen treffen. Das Buch schildert ein erschreckendes Szenario, das für mich allerdings ein wenig zu überzogen war und dadurch an Glaubwürdigkeit verloren hat. Insgesamt konnte mich die Geschichte aber gut unterhalten, weshalb ich knappe vier Sterne vergebe.


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Invisible
Autoren: Ursula Poznanski & Arno Strobel
Broschiert: 368 Seiten
Erschienen am 27. März 2018
Verlag: Wunderlich

Die Reihe


Band 1: anonym (Rezension)
Band 2: Invisible

Samstag, 7. April 2018

[Read & Speak] Nachtwild - Verstecke im Zoo


*Werbung* für "Nachtwild" von Gin Phillips

Liebe Leser,

im Rahmen unserer Read & Speak Tour rund um das Buch "Nachtwild" von Gin Phillips geht es bei mir heute rund um das Thema Verstecke im Zoo. Im Buch besucht Jean mit ihrem vierjährigen Sohn Lincoln den Zoo, als Schüsse fallen. Sie muss sich schnellstmöglich entscheiden, wo sie sich versteckt. Das hat mich ins Nachdenken gebracht, wie ich mich in einer solchen Extremsituation verhalten würde.

Jeans erste zündende Idee im Buch ist es, sich in einem leeren Gehege zu verstecken. In fast jedem Zoo stehen immer einige Gehege wegen Umbau oder Renovierung leer. Und die Tiere sind in der Zwischenzeit hinter den Kulissen untergebracht. Das wäre vermutlich auch eine meiner ersten Ideen – allerdings nur wenn ich mir ganz sicher wäre, dass es nicht doch einen tierischen Bewohner gibt, auf dessen Speisekarte ich stehe.

Eine Alternative sind die Gehege von großen Tieren, die keine Gefahr für Menschen sind. Elefanten, Giraffen und Kamele, alles Pflanzenfresser, kommen mir hier gleich in den Sinn. Hier sollte auch genug Platz sein, um sich ein gutes Versteck zu suchen und sie sind vergleichsweise leicht zu betreten – je kleiner und geschickter Tiere sind, desto besser ist das Gehege gesichert und desto schwerer wird es, selbst hinein zu gelangen.

Sich in einem Restaurant zu verstecken würde für mich eher ausscheiden – hier finde ich das Risiko zu groß, entdeckt zu werden. Gleiches gilt für Buden und Spielplätze. Da eignet sich meiner Meinung nach eine Lagerhalle mit technischen Geräten oder Futtervorräten schon besser. Hier besteht aber die Gefahr, dass man vor verschlossener Tür steht.

Schließlich gibt es auch noch die Möglichkeit, zum Eingang zu laufen. Das ist für mich allerdings mit einem zu hohen Risiko verbunden, entdeckt zu werden. Bei den meisten Zoos ist das eine lange Strecke, die man dann ungeschützt ist und der Eingang selbst ist meistens ein Nadelöhr, denn hier soll ja schließlich jeder auch nur einzeln rein. Deshalb würde ich mir doch eher ein Versteck innerhalb des Zoos suchen, bis die Gefahr vorüber ist.

Jetzt seid ihr gefragt: Wo würdet ihr Euch in einer solchen Extremsituation im Zoo verstecken?

Eure Hanna

Freitag, 6. April 2018

[Rezension Ingrid] Der Zopf von Laetitia Colombani


Meine unten stehende Rezension wurde zur "Rezension des Monats Mai 2018" von der Lesejury (www.lesejury.de) gewählt. Das macht mich sehr stolz. Vielen Dank dafür.

Hinter dem kurzen schlichten Titel des Romans „Der Zopf“ verbirgt sich eine fulminante Erzählung. Das Buch ist das Debüt der Französin Laetitia Colombani. So wie man zum Flechten eines Zopfs drei Stränge benötigt verwebt sie in der Handlung geschickt die Geschichte von drei Frauen, die auf drei verschiedenen Kontinenten leben. Kurz innehalten ließ mich die Autorin beim Lesen einer Ballade, die das Knüpfen einer Perücke beschreibt und deren Strophen das Geschehen immer wieder unterbrechen.

Die erst 20-jährige Guilia ist die Tochter des letzten Perückenfabrikanten Siziliens. Als ihr Vater nach einem Unfall bewusstlos im Krankenhaus liegt, übernimmt sie die Führung des Unternehmens und stellt schon bald fest, dass die Firma kurz vor dem Konkurs steht, weil die benötigten Haare aus Italien für die Produktion nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen. Sarah ist 40 Jahre alt und eine erfolgreiche Anwältin, die im kanadischen Montreal lebt und neben ihrem Vollzeitjob ihre drei Kinder alleine großzieht. Eine schwere Krankheit schwächt sie, die Therapie zur Genesung lässt ihre Haare ausfallen. Eine Echthaarperücke würde ihr Aussehen verbessern und dadurch ein wenig ihres Selbstwertgefühls zurückgeben. Die Inderin Smita zählt in ihrem Land zu den Dalit. Sie ist Schmutzsammlerin wie bereits Generationen vor ihr. Ihr größter Wunsch ist es, dass ihre Tochter es einmal besser haben soll wie sie. Dazu ist sie bereit ihr Haar dem Gott Vishnu, den sie verehrt, zu opfern.

Der Roman spielt in der Gegenwart und ist schnörkellos geschrieben, mit spürbarem Ausdruck. Durch den Wechsel zwischen den drei Perspektiven entstanden kleine Cliffhanger die mich zum schnellen Weiterlesen verführten. Jeder der drei Frauen möchte ihren eigenen Traum von einem selbstbestimmten Leben verwirklichen, dazu kämpft jede ihren eigenen Kampf. So sehr die Geschichten sich auch unterscheiden mögen, so ähneln sie sich doch darin, dass die Erfüllung jedes Traums von gesellschaftliche Erwartungen aufgehalten wird.

Am meisten hat mich die Stigmatisierung Smitas als Dalit berührt und ihr Mut dazu, dem für sie und ihren Nachfahren vorgesehenen Leben zu entkommen. Der Weg dahin ist steinig und mit sehr viel Hoffnung verbunden, aber auch ohne über den Ausgang Gewissheit zu haben. Guilia ist eingebunden in die Traditionen ihrer Familie und der Branche, ihre gesamte Familie ist vom Erfolg des Unternehmens abhängig. Ihr Wagnis und das Risiko neue Wege zu gehen, sind beeindruckend und führen sie weg von der Alternative einer Heirat mit einem begüterten Mann. Sarahs Traum ist es, zum Partner in der  Kanzlei aufzusteigen, die Anforderungen dazu sind hoch. Die Krankheit bringt ihr eine unwillkommene Auszeit, die jedoch dazu führt, ihren Wunsch zu überdenken, ihre Chancen abzuschätzen, weitere Möglichkeiten zu erkennen und bewundernswerterweise mit neuer Energie und Courage ihr Leben neu auszurichten.

„Der Zopf“ ist ein tief bewegender, ergreifender Roman, der einen Ausschnitt aus dem Leben dreier Frauen einfängt. Sie zeigen Kraft und Entschlossenheit von ihrem Lebensweg abzuweichen, um ihre Ziele zu verwirklichen. Gerne vergebe ich hierzu eine uneingeschränkte Leseempfehlung.


Hannas Rezension zum Roman -> KLICK

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Titel: Der Zopf
Autorin: Laetitia Colombani
Erscheinungsdatum: 21.03.2018
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Donnerstag, 5. April 2018

[Rezension Hanna] Das Geheimnis der Muse - Jessie Burton



London, 1967: Odelle Bastien ist mit großen Hoffnungen von Trinidad nach London gekommen, doch trotz ihrer ausgezeichneten Bildung sehen potentielle Arbeitgeber meist nur ihre schwarze Hautfarbe. Sie arbeitet in einem Schuhgeschäft, bis sie endlich eine Chance erhält: Sie wird am Skelton Institute als Schreibkraft eingestellt. Bei der Hochzeitsfeier ihrer besten Freundin lernt sie Lawrence kennen, dem seine kürzlich verstorbene Mutter nur ein Gemälde vermacht hat. Doch als er dieses Odelles Arbeitgeber zeigt, sorgt das für einige Aufregung.

Andalusien, 1936: Olive ist mit ihren Eltern gerade erst von London in ein Herrenhaus in Südspanien gezogen. Ihr Vater ist als Kunsthändler ständig unterwegs, ihre Mutter psychisch angeschlagen und unberechenbar. Ihre heimliche Leidenschaft ist das Malen, denn in den Augen ihres Vaters können nur Männer Kunst schaffen. In der Haushälterin Teresa findet sie bald eine Freundin, während deren Bruder Olive von der ersten Minute an fasziniert.

Zu Beginn nimmt sich das Buch Zeit, die beiden Protagonistinnen Odelle und Olive ausführlich vorzustellen. Odelle hat es als Einwanderin aus der Karibik im London der 60er trotz der Bildung, die sie genossen hat, nicht einfach. Doch mit Marjorie Quick und der Stelle im Skelton wendet sich das Blatt für sie. Olive hingegen muss sich in einem südspanischen Dorf der 30er einleben, nachdem sie bislang vor allem in Großstädten unterwegs war. Die beiden Handlungsorte stehen im Kontrast zueinander und die Geschichte springt regelmäßig zwischen den Zeitebenen hin und her.

Der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist ein Gemälde, das Odelles Freund Lawrence zum Skelton Institute bringt. Ist das etwa ein verschollenes Bild von Isaac Robles? Genau diesen lernt Olive kurz nach ihren Eintreffen in Andalusien kennen. Was ist die Geschichte des Bildes, und wie verbindet es die Schicksale von Odelle und Olive? Meine Neugier war geweckt. Auf beiden Zeitebenen taucht man immer tiefer in das Leben der Protagonistinnen ein und erfährt mehr über ihre Wünsche und Ängste. Der Autorin ist es gelungen, die beiden ganz unterschiedlichen Atmosphären einzufangen und in Kontrast zu setzen.

Odelle fühlte ich mich schnell nahe. Sie merkt schon bald, dass ihr Dinge verschwiegen werden und zeigt Entschlusskraft bei ihren Versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen. Olive hingegen blieb für mich ein wenig rätselhaft. Mit ihrer egozentrischen Denkweise fällt es ihr schwer, die Konsequenzen ihres Handelns abzusehen. Immer tiefer verstrickt sie sich in Lügen und Geheimnisse, während es politisch brodelt. Der Bürgerkrieg steht kurz bevor, und unter diesen Bedingungen verhält sich Isaac als Objekt ihrer Begierde und Teil ihrer Geheimnisse überhaupt nicht so, wie sie es sich wünschen würde.

Die Situation spitzt sich auf beiden Zeitebenen immer weiter zu. Als Leser erhält man immer mehr Hinweise, die allmählich ein Gesamtbild entstehen lassen. Zu diesem tragen beide Handlungsstränge gleichermaßen bei, was mir gefallen hat. Ich hatte nie das Gefühl, gerade lieber in der anderen Zeit unterwegs sein zu wollen, denn beide waren auf ihre Weise interessant und wichtig, um das Geschehene und dessen Konsequenzen zu begreifen. Alle drängenden Fragen werden schließlich beantwortet und die Geschichte konnte mich bis zum Schluss immer wieder überraschen.

In „Das Geheimnis der Muse“ lernt man zwei ganz unterschiedliche Frauen kennen. Vom London der 60er, in der Odelle ihre Chance als Schreibkraft im Skelton Institute nutzen will, geht es ins schwüle Spanien der 30er kurz vor dem Bürgerkrieg, um an der Seite von Olive mehr über das rätselhafte Gemälde zu erfahren, das am Skelton für Aufregung sorgt. Ein gelungener Roman über Geheimnisse, Leidenschaft und Entschlossenheit mit starken Frauenfiguren, den ich gerne weiterempfehle.


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Das Geheimnis der Muse
Autorin: Jessie Burton
Übersetzer: Peter Knecht
Broschiert: 461 Seiten
Erschienen am 11. März 2018
Verlag: Insel Verlag

Mittwoch, 4. April 2018

[Rezension Ingrid] Ginny Moon hat einen Plan von Benjamin Ludwig


„Ginny Moon hat einen Plan“ ist der Debütroman des US-Amerikaners Benjamin Ludwig. Die Protagonistin Ginny ist Autistin und hat Entwicklungsstörungen. Sie sieht die Welt auf ihre eigene Weise. Das bunte Cover symbolisiert die Vielfalt der Möglichkeiten sein Leben bunt und abwechslungsreich zu gestalten. Die vielen weißen Punkte mit dem Titel in schwarzen Buchstaben zeigen, dass dabei gewisse Vorschriften zu beachten sind. Der Titel verspricht einen Spannungsbogen, denn von Beginn an wollte ich als Leser wissen, worin der Plan besteht den Ginny hat und ob es ihr gelingt ihn auszuführen.

Ginny ist dreizehn Jahre alt und wurde vor etwa einem Jahr adoptiert. Als sie neun Jahre alt war, wurde sie ihrer leiblichen Mutter Gloria durch das Jugendamt weggenommen. Bis sie zu ihren Adoptiveltern kam war sie auf mehreren Pflegestellen. Ihren leiblichen Vater kennt sie nicht. Seit sie von ihrer leiblichen Mutter fort ist macht sie sich Sorgen um ihre Schwester, die damals noch ein Baby war. Gloria nahm Drogen und hat sich wenig um ihre Kinder gekümmert, so dass Ginny in die Mutterrolle für ihre Schwester geschlüpft ist. Sie hat etwas Dummes mit ihr getan bevor die Polizei sie von ihrem Zuhause mitgenommen hat. Weil es ihr nicht gelingt, ihr Problem zu kommunizieren, entwickelt sie einen turbulenten Plan, um ihre Schwester zu retten.

Am besten kommt Ginny im Alltag klar, wenn alles möglichst nach einem festen Ablauf erfolgt. Das beginnt bereits mit dem Aufstehen, hin zum Frühstück, Schule und bis zur Freizeitbeschäftigung. Durch ihre Behinderung ist die Kommunikation mit ihr an gewisse Regeln gebunden die sie für sich oder mit anderen aufgestellt hat. Von ihrer Familie erwartet sie sich Sicherheit und sieht diese als Gleichung mit den Familienmitgliedern auf beiden Seiten. Doch seit dem Auftreten ihres Problems gibt es ein Ungleichgewicht, welches nur durch ihre eigene Position in der Gleichung überhaupt noch aufgehen kann. Das ist sehr beunruhigend für sie.

Der Roman ist in der Ich-Form aus Sicht von Ginny geschrieben und das ist gut so, denn ihre Gedankengänge folgen einer besonderen Denkstruktur und nur auf diese Weise konnte sie mir ihre Ansichten näher bringen und ihre Handlungen wurden mir verständlicher. Ginny ist eine sympathische Protagonistin, im Rahmen ihrer Möglichkeiten ist sie fürsorglich und hilfsbereit. Ihre eher emotionslose Herangehensweise an Aufgabenstellungen ist ihrer Behinderung geschuldet. Benjamin Ludwig konnte mir auch die Schwierigkeiten im Zusammenleben mit einem Autisten näher bringen. Jedoch fand ich es seltsam, dass sich niemand zum besseren Verstehen genauer mit ihren Handlungen zum Trost des Babys, von denen sie ständig erzählt hat, mit ihr gemeinsam auseinandergesetzt hat.

Mit Ginny habe ich gebangt und gehofft. Benjamin Ludwig hat mit ihr eine bezaubernde Persönlichkeit geschaffen und sie in eine berührende und ergreifende Geschichte eingebunden. Sein Roman trägt er zu einem besseren Verständnis für autistisches Verhalten bei. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

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Titel: Ginny Moon hat einen Plan
Autor: Benjamin Ludwig
Übersetzerin: Edith Beleites
Erscheinungsdatum: 11.09.2017
Verlag: Harper Collins (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag

Dienstag, 3. April 2018

[Rezension Ingrid] Tyll von Daniel Kehlmann


Daniel Kehlmann hat in seinem Roman „Tyll“ der im 16. Jahrhundert geschaffenen Figur des Dil Ulenspiegel, die durch seine Schelmengeschichten bekannt ist, einen neuen Handlungsrahmen gegeben. Seine Erzählungen hat er hundert Jahre später angesiedelt, der Hauptteil spielt im 30-jährigen Krieg. Tyll wird als Sohn eines Müllers geboren  und wächst dort am Rand des kleinen Dorfes als einziges Kind seiner Eltern heran. Zart, feinsinnig und geschickt ist er. Sein Vater ist des Lesens mächtig, schaut hinter die Bedeutung von Alltagsgegenständen und hinterfragt diese. Sein Verhalten ist auffällig, so dass er in die Hände der Inquisition gelangt. Am Tag seiner Hinrichtung läuft Tyll davon und beginnt ein Leben als freier Mann mit all seinen Vor- und Nachteilen auf die der Autor hinweist.

Hätte ich nun nach den ersten beiden Kapiteln eine weitere Beschreibung der Eulenspiegeleien erwartet, so überraschte der Autor mich damit, dass er im Folgenden seinen Blick mehr auf die Machthabenden der damaligen Zeit wirft. In Szenen, die nicht chronologisch geordnet sind, zeichnet er das Bild der Gesellschaft der damaligen Zeit, die gebunden ist an viele undurchschaubare, manchmal unlogische Gesetze. Jeder Beruf ist mit Pflichten und Rechten streng belegt. Unterschiede in den Rängen sind schwer zu überbrücken, Rollen müssen eingehalten werden, Ehen dienen dem Zweck. Alles Unverständliche wird mit überirdischer Macht und Mysterien beschrieben. Wer Macht erlangt versucht diese durch blutige Kämpfe zu sichern, die Unterlegenen haben zu folgen.

Tyll wird zur Randfigur und dient lediglich zum Zusammenhalt der einzelnen Episoden. Er setzt jedoch deutliche Akzente durch seine Kunst durch eigene Ausdrucksformen die Wahrheit ans Licht zu bringen und den Menschen wie in einem Spiegel ihr eigenes Verhalten vorzuführen. Daniel Kehlmann übernimmt in seinem Roman die Rolle des Tyll, der mir als Leser in zahlreichen Schilderungen die verschrobene Denkweise ad absurdum vor Augen führt. Auf seine philosophische Weise lässt er die Mächtigen sich mit ihrer Welt auseinandersetzen bei denen es manchmal so scheint, dass das Verständnis dazu noch zu groß für das 17. Jahrhundert ist. Leider sind einige Ansichten bis heute aktuell. Der Schalk des Tyll der ursprünglichen Geschichten bleibt dabei zurück, der Wahnsinn des Kriegs tritt in den Vordergrund. Wer philosophisch geschriebene, gesellschaftskritische Romane mag, ist bei diesem Buch von Daniel Kehlmann richtig.

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Titel: Tyll
Autor: Daniel Kehlmann
Erscheinungsdatum: 09.10.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Montag, 2. April 2018

[Rezension Ingrid] Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes


Der Eiffelturm in der oberen rechten Ecke des Covers weist den Leser schon beim ersten Betrachten des Buchs darauf hin, dass der Roman ihn beim Lesen nach Paris entführen wird, denn hier lebt Vernon Subutex, Protagonist und Titelgeber des gleichnamigen Buchs von Virginie Despentes. Vernon hat mit seinem Plattenladen selbst erlebt wie es ist beliebt und bekannt, „ganz oben“ zu sein, jetzt findet er sich gesellschaftlich gesehen ganz unten am Rand der Gesellschaft, synonym dargestellt auf dem Titel durch den Einblick in den U-Bahn-Schacht. Sein Name ist von der Autorin bewusst satirisch gemeint, Subutex ist die Bezeichnung einer Ersatzdroge in Frankreich.

Der Vorname der Autorin ist auf dem Umschlag nicht zu finden. Sie hat selbst ein ereignisreiches Leben geführt und Einblicke in die unterschiedlichsten sozialen Schichten gewonnen, mit ihren Werken im Film und im Buch hat sie vielfach schockiert und Diskussionen ausgelöst, gleichzeitig wurde sie auch dafür ausgezeichnet. Ihr Nachname steht für Kontroversen, wie auch die Farbgebung und deren Anordnung auf dem Cover.

Vernon hat mehr als zwanzig Jahre als Verkäufer im Schallplattenladen in Paris gestanden, zunächst als Angestellter später dann als Besitzer, bis er aufgrund der zu geringen Umsätze schließen mußte. Das ist schon ein paar Jahre her und zuerst hat er noch durch den Verkauf von Restbeständen gelebt. Alex Bleach, Rockstar und sein guter Freund, hat ihm seit geraumer Zeit seine Miete bezahlt, doch jetzt ist er tot. In der Wohnung von Vernon hat er ein letztes Interview aufgenommen. Die Kassetten sind Vernons größtes Vermögen. Er nimmt sie mit als er seine Wohnung aufgrund des Mietrückstands räumen muss. Auf die Idee sich eine anderweitige bezahlte Arbeit zu suchen kommt er nicht, lediglich ein Dach über dem Kopf soll es sein. Daher nimmt er reihum, meist über facebook, Kontakt zu Freunden und Bekannten auf, die er hauptsächlich aus seiner Zeit als Plattenverkäufer kennt.

Mit Wehmut denkt er an den Tod einiger seiner besten Freunde und stellt fest, dass diejenigen, die ihm Obdach gewähren, sich im Laufe der Zeit geändert haben und wie er findet, nicht immer zu ihrem Vorteil. Für jeden hat er eine kleine erfundene Geschichte bereit, warum er eine Unterkunft sucht. Virginie Despentes bietet dem Leser eine bunte Mischung von Charakteren an, die insgesamt die französische Gesellschaft gut abbilden. Dazu verlässt die Autorin den Handlungsstrang über ihren Protagonisten und wendet sich dem Leben der entsprechenden Person zu. Sex, Alkohol, Drogen und natürlich Musik, über die sie die Verbindung zu Vernon meist hergestellt, sind fast in jeder Beschreibung der Figuren mehr oder weniger zu finden. Es ist oft eine rauhe, ungeschliffene Sprache die sie benutzt und die den Figuren Authentizität verleiht. Themen wie beispielweise Vor- und Nachteile der zunehmenden Digitalisierung, häusliche Gewalt und Ängsten vorm Älterwerden flechtet sie in die Hintergrunderzählungen ihrer Charaktere ein.

Virginie Despentes hat mit Vernon Subutex einen Charakter kreiert, der sich selbst noch nicht aufgegeben hat, aber im Laufe des Romans tief in der gesellschaftlichen Anerkennung sinkt. Glücklicherweise geht seine Geschichte weiter und ich bin sehr gespannt darauf, ob mit Hilfe seiner Freunde ein sozialer Aufstieg für ihn möglich ist und ob er diesen überhaupt will.

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Titel: Das Leben des Vernon Subutex (1. von 3. Bänden)
Autorin: Virginie Despentes
Übersetzerin: Claudia Steinitz
Erscheinungsdatum: 17.08.2017
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
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