Dupin muss in „Bretonische Spezialitäten“ erneut außerhalb des eigenen Départements ermitteln. Der Grund ist diesmal ein Seminar, dass er gemeinsam mit seinem Präfekten besucht und das ihn nach Saint-Malo führt. Schon der Titel macht deutlich, dass Speisen hier eine größere Rolle spielen und schon auf den ersten Seiten werden dem Kommissar und dadurch auch dem Leser die Vorzüge einiger Käsesorten angepriesen.
Samstag, 20. Juni 2020
Rezension: Bretonische Spezialitäten - Jean-Luc Bannalec
Dupin muss in „Bretonische Spezialitäten“ erneut außerhalb des eigenen Départements ermitteln. Der Grund ist diesmal ein Seminar, dass er gemeinsam mit seinem Präfekten besucht und das ihn nach Saint-Malo führt. Schon der Titel macht deutlich, dass Speisen hier eine größere Rolle spielen und schon auf den ersten Seiten werden dem Kommissar und dadurch auch dem Leser die Vorzüge einiger Käsesorten angepriesen.
Freitag, 19. Juni 2020
Rezension: Zwei in einem Herzen von Josie Silver
Lydia und Freddie sind verlobt und möchten im nächsten Jahr
heiraten, die Planungen dazu sind bereits angelaufen. Doch am späten Nachmittag
ihres Geburtstags im März 2018 steht die Zeit für Lydia still als sie vom
Verkehrsunfall ihres Freunds erfährt, der an den Folgen seiner Verletzungen
verstirbt. Seine letzten Worte an sie, so unwichtig und nebensächlich sie auch
sind, bleiben ihr im Gedächtnis, sie sehnt sich nach seiner Nähe und will über
Wochen und Monate nicht das Unabänderliche akzeptieren.
Im Roman „Zwei in einem Herzen“ schildert die britische
Autorin Josie Silver wie Lydia sich ihre eigene Traumwelt schafft, in der
Freddie lebendig ist und sie gemeinsam in die geplante Zukunft gehen. Fortan
lebt Lydia im Schlaf in ihrer Fantasiewelt, in der sich die Handlungen
unabhängig von der Realität, aber kontinuierlich weiterentwickeln. Allerdings
stellt Lydia bald fest, dass sie die geträumte Welt nicht mit ihren Gedanken
leiten kann und diese auch nicht frei ist von Kummer und Sorgen.
Die Autorin schreibt über eine besondere Form der Trauerbewältigung.
Es verdeutlicht, dass jeder seinen eigenen Weg dazu finden muss, den erlittenen
Verlust zu verarbeiten. Lydia klammert sich fest an ihrem bisherigen Leben an
der Seite von Freddie. Gerade weil sie glaubt, alle Facetten von ihm zu kennen
ist es umso schwieriger für sie, sich auf neue Freundschaften und Bekannte
einzulassen und Vertrauen aufzubauen. Jonah, der gemeinsame Freund des Paars,
der bei dem Unfall auf dem Beifahrersitz saß, verarbeitet den Verlust des
Freunds auf eine andere Weise und streckt Lydia sinnbildlich eine hilfreiche
Hand entgegen. Doch um bereit zu sein, Hilfe anzunehmen, muss sie gleichzeitig
wieder bereit sein, sich auf die Realität einzulassen und zu lernen, dass es
ohne Freddie Möglichkeiten für sie gibt, die sie an seiner Seite vermutlich
nicht gehabt hätte.
Josie Silver räumt der Trauerphase in ihrem Roman einen
breiten Raum ein, währenddessen die Romantik zurücksteht. Leider führte dieses
Vorgehen zu leichten Längen. Die Autorin schreibt mit viel Gefühl, berührend
und trotz der anhaltenden Melancholie der Protagonistin ist stellenweise ein
heiterer Unterton vorhanden. Den Rückzug in eine Traumwelt fand ich eine
freundliche Idee, doch ich halte es für mystisch, dass beim Träumen mit
Unterbrechungen und der Wiederaufnahme an weiteren Tagen eine so wie
beschrieben durchgehende Handlung möglich ist.
Im Roman „Zwei in einem Herzen“ beschreibt Josie Silver die
besondere Form einer Trauerverarbeitung ihrer Protagonistin Lydia, die mit dem
plötzlichen Tod ihres Verlobten konfrontiert ist. Wer nach einer emotional
erzählten Geschichte über Liebe, Verlust und den Weg, sich auf neue Beziehungen
einzulassen sucht, dem empfehle ich gerne das Buch.
Donnerstag, 18. Juni 2020
Rezension: Die Lilienbraut von Teresa Simon
Die 23-jährige Kölnerin Nelly Voss ist „Die Lilienbraut“ für
den von ihr geliebten Mann, denn nach dessen Meinung bringt sie einen Raum zum
Leuchten sowie die entsprechenden Blumen. Ihr Problem im gleichnamigen Roman
von Teresa Simon, der in der Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt, ist die
Aussichtslosigkeit, die ihre Liebe begleitet, denn es darf nicht sein, dass sie
mit ihrem Geliebten zusammenlebt und ihre Liebe darf nicht öffentlich bekannt
werden.
Das Cover ist entsprechend der Geschichte romantisch gestaltet,
aber Nelly lebt nicht, wie die Aufmachung vermuten lässt, in herrschaftlichen
Verhältnissen, sondern ihre Mutter ist Kneipenwirtin, ihr Vater längst
verstorben. Sie selbst arbeitet im Büro der Parfümerie-Fabrik Mülhens. Aber auf
der Handelsschule hat sie Greta Farina kennengelernt, die Tochter des berühmten
Unternehmers, der das Eau de Cologne erfunden hat. Gegenseitig geben die beiden
sich Halt in den schweren Zeiten des Zweiten Weltkriegs.
Auf einer zweiten Zeitebene erzählt Teresa Simon die
Geschichte der jungen Biologin Liv van Geeren, die in der Gegenwart spielt. Liv
hat einen kleinen Sohn und ist frisch getrennt. Eine Erbschaft führt sie aus
Maastricht nach Köln, wo sie in Ehrenfeld ein Geschäft für Düfte eröffnet.
Durch Zufall trifft sie eine ältere Frau von der sie als „Nellie“ angesprochen
und beschimpft wird. Hier ergab sich für mich schon ein Bezug zu der Geschichte
der Nellie Voss. Doch bevor ich erfuhr, wie beide Erzählebenen
ineinandergreifen musste ich noch viele Seiten lesen.
Eigenständig laufen beide Geschichten nebeneinander her und
konnten mich auf ihre je eigene Art begeistern. Sie sind nicht nur über die
besondere Nase ihrer jeweiligen Protagonistin für Düfte verbunden. Die Autorin fasst
in ihre Erzählungen historische Fakten ein und umkleidet sie gekonnt mit
Fiktion, die sich so liest, als ob die Ereignisse tatsächlich geschehen wären.
Sie lässt Nellie in weiten Teilen die Begebenheiten in Tagebuchform erzählen
und ich konnte mich auf diese Weise die tiefen Gefühle ihrer Protagonistin zu ihrem
Liebsten nachvollziehen.
Es ist aufwühlend, vom Leben der Bevölkerung und den
gegebenen Umständen im kriegszerstörten Köln zu lesen. In einem Nachwort greift
die Autorin bestimmte Begriffe auf und erklärt sie im historischen Kontext. Zur
weiteren Einbettung in das Kölner Umfeld gehört auch das zeitweilige Kölsche
Platt bei Gesprächen beispielsweise in der Kneipe und der Verzehr typischer
Speisen und Getränke. Eine treffende Auswahl dazu, die mir, als im Rheinland
geborene, bekannt und empfehlenswert sind, findet sich im Anhang in Form von
Rezepten zum Zubereiten wieder
Sowohl Nellie wie auch Sophie sind junge Frauen mit starkem
Charakter, die ihre Ideale verfolgen, auch wenn sie gegen allgemein übliche
Konventionen handeln und damit rechnen müssen, kritisiert zu werden. Auf beiden
Erzählebenen hat Teresa Simon einige überraschende Wendungen eingefügt, die dem
Roman eine hintergründige Spannung verleihen.
Die ansprechenden Geschichten, unterstützt durch den
ständigen Perspektivenwechsel, sorgen für ein schnelles Lesen um zu erfahren,
wie beide Erzählstränge zusammenfließen und verbunden sind. Der Roman „Die
Lilienbraut“ von Teresa Simon hat mich bestens unterhalten und daher empfehle
ich ihn gerne weiter.
Dienstag, 16. Juni 2020
Rezension: Wie uns die Liebe fand von Claire Stihlé
Im Roman „Wie uns die Liebe fand“ erzählt Marie-Anne Nanon, von
allen Madame Nan gerufen und inzwischen 92 Jahre alt, aus ihrem bewegten Leben,
vor allem von einer Zeit von vor etwa vierzig Jahren. Die Autorin des Romans,
Claire Stihlé, ist im Elsass geboren, wo auch ihre Erzählung spielt, wohnt
heute aber in Deutschland. Obwohl sie ihre Geschichte in deutscher Sprache
verfasst hat, erinnerte mich der Schreibstil an Romane, die auf dem
französischen Buchmarkt zu finden sind.
Madame Nan ist früh verwitwet und hat vier Töchter. Bis zur
Geburt der ältesten Tochter Marie war sie als Pharmazeutisch-Technische
Assistentin tätig, nach dem Tod ihres Ehemanns sind ihre Mittel knapp. Im Jahr
1979 kommt ihr der Zufall zu Hilfe in Form ihres Nachbarn Monsieur Boberschram,
der ihr den seit langem in Familienhand befindlichen Lebensmittelladen schenkt,
den er nach dem Tod seiner Frau nur nachlässig geführt hat. Marie erfindet
gemeinsam mit ihrem Freund Manou Liebesbomben, die im Dorf für reichlich
Verwirrung in Liebesbeziehungen sorgen.
Der Verkauf der Kugeln im inzwischen aufblühenden Geschäft der Nanons ist
ein Erfolg und sichert die Familie finanziell ab. Zu gerne hätten Madame Nans
Töchter, dass auch ihre Mutter einen neuen Partner findet, aber sie weigert
sich die Kugeln für sich selbst einzusetzen.
Lange erscheint es unrealistisch, dass Monsieur Boberschram
sein Geschäft einfach so verschenkt hat, obwohl die Autorin hierzu Erklärungen gibt.
Um den wahren Grund zu erfahren dauert es jedoch bis fast zum Ende des Romans.
Die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung und führt viele Jahre zurück in
die Vergangenheit des Elsasses, einer Gegend die zeitweilig von Frankreich und
Deutschland umkämpft war.
Die Töchter der Madame Nan haben je einen ganz eigenen
Charakter, der zu einigen Auseinandersetzungen der jungen Frauen über
verschiedene Themen führt. Die Drittgeborene Chloé beschäftigt sich mit ihren
fünfzehn Jahren mit der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, was Ende der
1980er Jahre nicht alltäglich war. Ich habe mich in dieser Zeit wiedergefunden
und konnte mir die Umstände gut vorstellen, weil ich in etwa zu dieser Zeit im
Elsass zu Besuch war. Die Autorin flechtet immer wieder Informationen über Land
und Leute in ihren Roman ein. Etwas befremdlich fand ich allerdings die
Wirkungsweise der Liebeskugeln, die wohl eher mit Humor zu sehen sind und der
Geschichte einen mystischen Touch verleihen.
Der Roman „Wie uns die Liebe fand“ von Claire Stihlé ist
eine Geschichte, die die Protagonistin als Ich-Erzählerin im leichten
Plauderstil schildert. Mit wenigen Längen im mittleren Teil führt die Erzählung
zu einer berührenden Vergangenheit der Hauptfigur, die eng verbunden ist mit der
Geschichte des Elsasses. Im Schlussteil des Buchs finden sich viele Seiten mit
Rezepten aus dieser Gegend, die zum Nachkochen auffordern. Gerne vergebe ich
eine Leseempfehlung für diesen bewegenden Roman mit heiterem Unterton.
Montag, 15. Juni 2020
Rezension: Marta schläft von Romy Hausmann
Im Thriller „Marta schläft“ von Romy Hausmann steht Nadja,
die seit einigen Jahren in einer großen Anwaltskanzlei in Berlin arbeitet, im
Mittelpunkt der Geschehnisse. Sie ist in einem Wohnblock in Polen ohne Vater
aufgewachsen, ihre Mutter Marta verdiente gerade genug, damit sie die Miete
bezahlen und genug zu essen für sich und ihre beiden Kinder kaufen konnte. Für
Nadja brach ihre Welt an dem Tag zusammen, als sie glaubte, dass Marta
schlafen würde, sie jedoch tatsächlich verstorben war. Inzwischen lebt sie
zurückgezogen in Berlin. Als eine ihrer Freundinnen sie um ihre Mithilfe
bittet, um eine Straftat zu vertuschen, erklärt sie sich dazu bereit.
Die Geschichte spielt auf zwei zeitlichen Ebenen, einerseits
im heutigen Berlin und andererseits schwenkt sie zu Ereignissen, die sich vor
sechs Jahren zugetragen haben, darin ist die junge Gastwirtstocher Nelly die Hauptfigur. Obwohl die Erzählungen zunächst nichts miteinander verbindet,
verknüpfen sie sich später durch die handelnden Personen. Unterbrochen werden
die Handlungsstränge von Briefen, deren Absender und Empfänger zunächst
unbekannt bleiben.
Wie bereits bei ihrem Thriller-Debüt blickt Romy Hausmann
auch diesmal wieder tief in die Abgründe der Psyche ihrer Figuren, die
bisweilen unerwartet reagieren und die nach außen hin, anderen Personen
gegenüber, ganz andere Eigenschaften zeigen, meist positiv besetzt. Die Autorin
versieht ihre Figuren mit einer bewegten Vergangenheit durch die sie, vom Leben
gezeichnet, Macken und Kanten aufweisen. Das ist überaus faszinierend, aber ich
fand es diesmal nicht ganz so glaubhaft wie in „Liebes Kind“.
Von Beginn an ist es schwierig, zwischen Opfer und
Schuldigen zu unterscheiden und das ist auch die Absicht der Autorin. Dadurch
bleibt der Thriller immer auf einem spannenden Level, der auf neue
Entwicklungen hoffen lässt und damit nicht enttäuscht.
Zurück bleibt die Frage, ob Strafe von Schuld befreien kann
oder den Täter ein Leben lang begleiten wird. Der Thriller „Marta schläft“ von
Romy Hausmann stimmt darüber nachdenklich und ist erschreckend aufgrund der
geschilderten fiktiven Taten zu denen Menschen möglicherweise fähig sind. Gerne
empfehle ich das Buch an alle Thrillerfans weiter.
Sonntag, 14. Juni 2020
Rezension: Mein Jahr im Café am Rande der Welt (Taschenkalender 2021)
Die erfolgreichen Bücher von John Strelecky wurden in 30
Sprachen übersetzt und sind dadurch in vielen Ländern der Welt bekannt. Für das
Jahr 2021 gibt der dtv-Verlag jetzt einen Taschenkalender heraus, für den der
Autor ein Vorwort und zu jedem Monat einen gedanklichen Anstoß geschrieben hat.
Jeder Denkanstoß hat ein zur jeweiligen Zeit passendes Thema. Ergänzt wird das
Ganze von den wunderschönen Illustrationen von Root Leeb, der auch die Bücher aus
dem Bereich Lebenshilfe von John Strelecky gestaltet.
Jeder Woche sind vier Seiten gewidmet, zweiwöchentlich
findet sich eine Aussage aus einem der Bücher des Autors. Im Anhang gibt es
sowohl eine kalendarische Übersicht für 2021 wie auch für 2022, ergänzt durch
einen Ferienkalender für 2021 für Deutschland, eine Feiertagsauflistung für
Österreich und die Schweiz sowie auf mehreren Seiten die Möglichkeit für
Notizen. Damit man die für sich selbst wichtigste Seite schnell aufblättern
kann, verfügt der Kalender über ein Leseband.
Ich finde den Taschenkalender „Mein Jahr im Café am Rande
der Welt“ dank seiner farbenfrohen Gestaltung, der beinhalteten Texte des
Autors John Strelecky und mit einer Größe, die in eine normale Handtasche passt
sehr gelungen und empfehle ihn gerne weiter.
Donnerstag, 11. Juni 2020
Rezension: Das Café am Rande der Welt von John Strelecky
Schon häufig sind mir die Bücher von John Strelecky im
Buchhandel oder online begegnet, daher habe ich jetzt seinen Bestseller „Das
Café am Rande der Welt“ gelesen. Der Autor schreibt seine Geschichte als
Ich-Erzähler und nennt seine Figur nach sich selbst. Wie viel
Autobiographisches von John Strelecky in seine Schilderung eingeflossen ist,
bleibt aber unklar.
John ist orientierungslos, nicht nur in seinem Job als
überlasteter Manager, der nicht mehr weiß, in welche Richtung ihn sein Leben
führen und nach welchem Leitbild er sich richten soll. Sondern er findet sich
eines Tages auf der Reise in den Urlaub auf einer Straße wieder, die in die
endlose Weite zu führen scheint und sein Ziel rückt nicht näher. Plötzlich
steht er vor dem titelgebenden Café und wird dort mit Freude bewirtet. Die
Speisenkarte enthält nicht nur das Angebot, sondern auch drei Fragen, über die John
sich im Laufe seines Aufenthalts mit den Besitzern und Gästen austauscht. Er
bemerkt, dass es manchmal sehr nützlich sein kann, die Betrachtungsweise zu
ändern.
John Streleckys Erzählung ist nicht belehrend, sondern
Anstoß gebend, sich mit dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen, worauf auch
der Untertitel hinweist. Seine Überlegungen führen nicht sinnbildlich über eine
Einbahnstraße, sondern lassen für Wendemöglichkeiten Platz. Ihm ist bewusst,
dass jede Person seine eigenen Lebenserfahrungen mit einbringt und
unterschiedliches Wissen. Jeder Mensch ist als Individuum mit seinen je eigenen
Ansichten zu sehen, von dem er ausgehend für sich das herausfinden sollte, was
für ihn gut ist. Der Autor gibt für diesen Weg entsprechende Anregungen in der
kompakten Form dieser kleinen Geschichte mit mehreren eingestreuten Parabeln.
Ich empfehle das humorvoll und leicht lesbare Buch gerne
jedem, der mit seinem Leben unzufrieden ist und nach Denkanstößen sucht, die ihm
dabei helfen können, sich persönlich weiterzuentwickeln.
Sonntag, 7. Juni 2020
Rezension: Arbeit von Thorsten Nagelschmidt
Das Buch „Arbeit“ ist ein in Szenen erzählter Roman von
Thorsten Nagelschmidt. Die einzelnen Geschichten der enthaltenen Kapitel spielen
alle innerhalb weniger Stunden in Berlin, von Freitag bis zum Samstagmorgen.
Sie handeln von unterschiedlichen Figuren, die ihren Berufen oder ihrer
Berufung nachkommen und ließen mich als Leserin tief eintauchen in die quirlige
lebhafte nächtliche Welt der Großstadt.
Hier begegnete ich Drogenhändlern und Türstehern, einer
Fahrradkurierin, dem Nachtportier eines Hostels, der Inhaberin eines Spätkaufs,
Sanitätern, Polizisten und weiteren arbeitsamen Personen. Jedes Kapitel wird
von der Fortsetzung der Schilderung über die nächtlichen Ereignisse des
Taxifahrers Bederitzky unterbrochen, der neben seinen üblichen Geldproblemen in
den nächsten Stunden große Pläne für sich und seine Lebensgefährtin hat.
Von Kapitel zu Kapitel wechselt zeitweilig der Schreibstil,
den der Autor entsprechend der Situation anpasst, um dadurch deren jeweilige
Besonderheit herauszustellen und deren Wahrnehmung bei den Lesern zu
intensivieren. Die Erzählungen ergänzen sich, verbinden sich und ergeben einen
großartigen Roman über Begebenheiten in einer nächtlichen Gesellschaft.
Thorsten Nagelschmidt gestaltet seine Figuren eigenwillig
und sehr realistisch, seine Beschreibungen ließen für mich die Lichter in einer
dunklen Welt aufblitzen, die mir sonst verborgen bleibt. Dadurch, dass die
einzelnen Storys nicht zu Ende erzählt sind bleibt immer die Hoffnung, die
Charaktere später wiederzufinden, was meinen Lesefluss ständig steigerte. Auch
die Fortsetzungsgeschichte sorgte für eine unterschwellige Spannung, denn ich
wollte wissen, ob Bederitzky seine Pläne umsetzen konnte.
Es sind die Träume und Wünsche, aber auch die Sorgen und
verpassten Chancen der Figuren, deren sie sich mehr oder weniger bewusst sind
und denen sie in dieser einen Nacht nachhängen, die den Roman so berührend und
bewegend machen. Die Darstellung der Arbeit der einzelnen Personen brachte mir
unbekannte Einsichten dank der sehr guten Recherche und des
Einfühlungsvermögens des Autors zum jeweiligen beruflichen Verhalten. Es ist
vor allem die Gewöhnlichkeit mit denen die Figuren ihren Tätigkeiten
nachkommen, die das Ganze eindringlich sein lässt und bewusst macht, dass diese
eine Nacht sich immer wieder so oder so ähnlich abspielt.
Der Roman „Arbeit“ von Thorsten Nagelschmidt ist die
überzeugende Schilderung einer Nacht in Berlin mit leuchtenden Figuren und
überraschenden Wendungen in mal düsteren, mal glitzernden Settings, immer sehr
nah an der Realität. Es hat mir große Freude bereitet das Buch zu lesen und
daher vergebe ich gerne ein uneingeschränkte Leseempfehlung.
Freitag, 5. Juni 2020
Rezension: Das sternenlose Meer von Erin Morgenstern
Übersetzerin: Karin Will
Donnerstag, 4. Juni 2020
Rezension: Fleishman steckt in Schwierigkeiten von Taffy Brodesser-Akner
Toby Fleishman ist 41 Jahre alt, Vater einer elfjährigen
Tochter und eines neunjährigen Sohns und lebt gerade in Scheidung mit Rachel.
Als angesehener Hepatologe arbeitet er an einer Klinik in New York. Er ist der
Protagonist im Roman „Fleishman steckt in Schwierigkeiten“ der US-Amerikanerin
Taffy Brodesser-Akner. Seit der Trennung nach 14 Jahren Ehe steht seine Welt mitten
in der brodelnden Metropole redenswörtlich auf dem Kopf, was sich im Cover sehr
gut ausdrückt.
Der Titel bezieht sich auf das unbestimmte, andersartige
Gefühl Tobys, dass er jetzt im Vergleich zu den langen Jahren seiner Ehe empfindet.
Aber dieses „irgendwas“, dieses „anders“ kann er nicht in Worten beschreiben. Zuletzt
war es ein schleichender Prozess der zum Ende der Ehe führte. Toby fühlt sich
immer noch unwohl bei dem Gedanken daran. Die Liebe zu seiner Noch-Ehefrau ist
unbestritten, doch mehrere Punkte haben dazu geführt, dass Rachel und er keinen
Konsens mehr für eine gemeinsame Zukunft gefunden haben. Die Trennung bringt in
gewisser Weise Freiheiten für beide mit sich. Allerdings bleibt die Sorge um
die beiden Kinder bestehen und damit auch die Notwendigkeit für konkrete
Absprachen über die Betreuung der beiden.
Toby hat immer mehr die Organisation der Freizeit seiner
Kinder arrangieren müssen, weil Rachel als selbständige Leiterin einer
Künstleragentur zunehmend gefragt war. Er hofft darauf, endlich eine
Beförderung in der Klinik zu erhalten. Als Rachel eines Nachts Tochter und Sohn
unangekündigt in der neuen Wohnung von Toby absetzt stellt ihn das kurzfristig
vor Probleme, die ihn wütend machen. Sein Zorn steigert sich umso mehr, je
länger Rachel nicht erreichbar ist. Toby versucht für sich die Situation zu
analysieren, doch das ist nur seine Ansicht. Als Leserin durfte ich schließlich
auch die Meinung von Rachel erfahren. Der Roman ist eine Auseinandersetzung mit
den Anforderungen, denen berufstätige Eltern heute ausgesetzt sind um den
Spagat zwischen Beruf und Kindererziehung erfolgreich zu gestalten.
Ich war verwundert, dass nach einigen Seiten die Geschichte
in eine Ich-Erzählung überging. Wie sich dann herausstellte, werden einige
Teile von einer guten Bekannten Tobys geschildert. Elizabeth Epstein ist
Journalistin, schreibt gerade an einem Coming-of-Age-Roman und hat den
Protagonisten vor vielen Jahren in ihrem Auslandjahr in Tel Aviv kennengelernt.
Sie ist lose in Kontakt mit ihm und Rachel geblieben. Teils erschien es so, als
ob sie alle Geschehnisse schildert, jedoch spricht ihre Nichtanwesenheit und
die Gedankengänge von Toby und Rachel dagegen.
Einen großen Raum im Roman nehmen die Versuche Tobys ein, mittels
einer Dating-App mit einer Frau anzubandeln. Die Autorin geht bei ihren
Beschreibungen sehr ins Detail, egal ob es um die im Rückblick geschilderten
Szenen aus dem Eheleben geht, um die Freundschaft zwischen Elizabeth und Toby,
das aktuelle Erfassen der Situation oder die Figurenbeschreibung und deren
familiärer Hintergrund bis hin zu den von Toby gedateten Frauen. Leider wird
dabei die Beziehung des Ehepaars Fleishman zu ihren Kindern zweitrangig. Ihre
Stärke zeigt die Autorin im Analysieren von Beziehungen und schildert mit viel
Empathie die heutigen Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme bei der Suche nach
einem Geschlechtspartner.
„Fleishman steckt in Schwierigkeiten“ von Taffy
Brodesser-Akner fehlt aufgrund deutlicher Längen durch detailverliebten Schilderungen
nach einem gelungenen Anfang leider die Faszination für das weitere Geschehen.
Die Figuren kamen mir mit ihren Sorgen auf hohem Niveau nicht wirklich nah. Die
Grundidee des Romans hat mir dennoch gefallen und das letzte Kapitel fand ich
versöhnlich, da es die Geschichte schließlich abgerundet hat.









