Samstag, 24. August 2024

Rezension: Das größte Rätsel aller Zeiten von Samuel Burr


Das größte Rätsel aller Zeiten
Autor: Samuel Burr
Übersetzer: Karl-Heinz Ebnet
Hardcover: 448 Seiten
Erschienen am 13. August 2024
Verlag: DuMont Buchverlag
Link zur Buchseite des Verlags

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Im Jahr 1991 findet Pippa Allsbrook, die Gründerin der Gemeinschaft der Rätselmacher, vor ihrem Haus in Bedfordshire ein Findelkind in einer Hutschachtel. Fünfundzwanzig Jahre später hegt Clayton, das besagte Findelkind, den Wunsch, endlich mehr über seine Herkunft herauszufinden. Die kürzlich verstorbene Pippa hat ihm dazu Hinweise in Rätselform hinterlassen. Um diesen zu folgen, muss er zu einem Abenteuer aufbrechen und sich allein auf den Weg nach London machen. Was wird er am Ende dieses Weges finden?

In einem kurzen Prolog wurde ich Zeugin, wie Clayton von der vierundsechzigjährigen Pippa vor dem Haus der Gemeinschaft der Rätselmacher gefunden wird. Im nächsten Kapitel fand ich mich auf ihrer Trauerfeier im Jahr 2016 wieder, wo der inzwischen erwachsene Clayton auf Antworten seine Herkunft betreffend hofft. Und ein weiterer Erzählstrang brachte mich gleich im Anschluss ins Jahr 1979 zum Gründungstreffen der Gemeinschaft der Rätselmacher. Meine Neugier, mehr über die Charaktere und ihren Weg zu erfahren, war geweckt.

Im weiteren Verlauf wird die Geschichte abwechselnd auf zwei Zeitebenen erzählt. Auf der gegenwartsnahen Ebene begleitete ich Clayton dabei, der Spur aus Hinweisen in Rätselform zu folgen, die Pippa ihm vor ihrem Tod hinterlassen hat, damit er mehr über seine Herkunft herausfinden kann. Für Clayton, der den Großteil seines Lebens wohlbehütet im Haus der Gemeinschaft der Rätselmacher verbracht hat, ist diese Reise etwas Außergewöhnliches, für die er seinen ganzen Mut zusammennehmen muss. Dabei macht er neue Bekanntschaften und erlebt so manche Überraschung. Clayton ist ein empathischer und sensibler Charakter, dessen Entwicklung ich sehr gerne verfolgt habe. Eine queere Liebesgeschichte fügt sich gelungen ins Geschehen ein.

Auf der Handlungsebene der Vergangenheit erfuhr ich mehr über die Gemeinschaft der Rätselmacher von ihrer Gründung bis zu dem Moment, in dem Clayton von Pippa gefunden wird. Hier gibt es zahlreiche Zeitsprünge, die mich mit durch die Jahrzehnte und zahlreiche Höhen und Tiefen nahmen. Die Gemeinschaft ist eine bunte Mischung aus ganz verschiedenen, etwas schrulligen, aber allesamt auf ihre Art liebenswürdigen Charakteren. 

Es gibt viele schöne, aber auch einige nachdenklich stimmende Momente, zum Beispiel im Hinblick auf Themen wie das eines unerfüllten Kinderwunsches und der Verarbeitung von Verlusten. Das Erzähltempo ist relativ ruhig, was mich in diesem Fall aber nicht störte. Die Geschichte war für mich wie ein Besuch bei lieben Freunden, bei der ich mich rundum wohl fühlte und gar nicht wollte, das sie endet. Sehr gerne empfehle ich den Roman weiter.

Rezension: Pi mal Daumen von Alina Bronsky

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Pi mal Daumen
Autorin: Alina Bronsky
Erscheinungsdatum: 15.08.2024
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462004250
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Für den Protagonisten Oscar des Romans „Pi mal Daumen“ von Alina Bronsky ist Mathematik keine Angelegenheit, bei der sich entsprechend der Redewendung des Buchtitels Ergebnisse nur ungefähr berechnen lassen. Das Zeichen für Pi, dass in der Mathematik für das Verhältnis vom Kreisumfang zu seinem Durchmesser steht, ähnelt dem von Doppelkirschen, weswegen auf dem Cover eine Frau für ebensolchen Kirschen als Ohrringe illustriert ist und einen Kirschkern ausspuckt. Diese Frau erinnerte mich beim Lesen an Moni Kosinsky, die im Roman ebenfalls eine tragende Rolle spielt. Der Zusammenhang zwischen dem Pi-Symbol und den Kirschen wird auch im Spruch „Come to the Math Side we have π“ deutlich, wobei das Zeichen wörtlich genommen und dem beliebtem Cherrypie (amerikanischer Kirschkuchen) gleichgesetzt wird.

Oscar Maria Wilhelm Graf von Ebersdorff ist ein Nerd der Mathematik und eher als nicht neurotypisch anzusehen. Er stammt aus einer betuchten Familie und ist bei Studienbeginn gerade mal sechszehn Jahre alt. Er ernährt sich vegan und liebt Anime, die der Grund dafür sind, dass er seine Haare blau färbt. Einen extremen Gegensatz zu ihm ist Moni, denn sie ist ein Familienmensch und hat ein großes Herz für alle, die ihre Hilfe benötigen. Moni ist 53 Jahre alt, trägt auffälligen Lippenstift und Leopardenmuster. Niemand aus der Familie darf von ihrem Studium wissen. Oscar und Moni lernen sich am ersten Tag des Semesters kennen und bilden fortan eine Zweckgemeinschaft. Obwohl sie sich zu Beginn einander anders eingeschätzt haben, wissen sie ihre Eigenarten bald gegenseitig zu schätzen.

Der Roman wird aus der Sicht von Oscar erzählt. Durch sein zunehmendes Interesse am familiären Hintergrund von Moni konnte auch ich als Leserin mehr über die manchmal chaotischen Zustände im Umfeld der Protagonistin erfahren. Oscar zeichnet sich zur besseren Übersicht einen Stammbaum, der auf den Vorsatzseiten des Buchs abgebildet ist. Während Oscar einiges an Organisationsgeschick aufweist, punktet Moni mit ihrer Lebenserfahrung. Irritierend fand ich die Einstellung von Monis Vater über die Intelligenz seiner Kinder, die ich der damaligen Zeit geschuldet zuschreibe.

Die Autorin bedient einige gängige Klischees und stellt manche Situation überspitzt dar. Aus meiner eigenen Schul- und Studienlaufbahn konnte ich in ihren Figuren, seien es Studierende, Lehrende oder Familienmitglieder Ähnlichkeiten zu mir bekannten Personen feststellen. Feine Ironie zieht sich durch den ganzen Roman und bildet zu den Sorgen und Ängste der Hauptfiguren ein Gegengewicht. Über allem steht die Botschaft, dass es nie zu spät ist, sich Herzenswünsche zu erfüllen. Außerdem verdeutlicht die Erzählung, dass man andere nicht unterschätzen und ihnen Talent absprechen sollte. Das Ende fand ich zum eigenen Weiterdenken anregend.

Gewohnt leichtfüßig schreibt Alina Bronsky in ihrem Roman „Pi mal Daumen“ über einen ungewöhnlichen Studenten des Erstsemesters Mathematik, der zu Studienbeginn ein weibliches Pendant findet. Humorvoll und teils übersteigert schildert sie, wie die beiden sich anfreunden, auch weil sie sich mit ihren jeweiligen Eigenschaften ergänzen. Die Geschichte untermalt das Statement sich zu trauen, große Träume zu haben und sie sich zu erfüllen, egal in welchem Alter. Wenngleich in der Geschichte immer wieder mathematische Themen angesprochen werden, ist deren Verständnis für die Botschaft der Erzählung nicht notwendig. Daher empfehle ich den Roman uneingeschränkt weiter. 



Donnerstag, 22. August 2024

Rezension: Genau so, wie es immer war von Claire Lombardo

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Genau so, wie es immer war
Autorin: Claire Lombardo
Übersetzerin aus dem Englischen: Sylvia Spatz
Erscheinungsdatum: 15.08.2024
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423284172
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In ihrem Roman „Genau so, wie es immer war“ beschreibt Claire Lombardo nach ihrem Debüt „Der größte Spaß, den wir je hatten“ erneut ein familiäres Drama rund um ihre Protagonistin Julia Grace Ames, geborene Marini. Julia möchte am 60. Geburtstag ihres Ehemanns Mark eine Party veranstalten, wozu sie eine spezielle Zutat zum Dinner benötigt. Es hat für sie weitreichende Folgen, dass sie zu einem anderen Supermarkt fährt als dem üblichen, denn dort begegnet sie Helen, einer früheren Freundin. Das unerwartete Treffen löst bei Julia Erinnerungen aus an Ereignisse, die zwanzig Jahre und länger zurück in ihrer Vergangenheit liegen.

Die Geschichte spielt auf mehreren Zeitebenen und ist in einer personalen Erzählperspektive geschrieben. In der Gegenwart steht Julias 17-jährige Tochter Alma kurz vor ihrem Highschool Abschluss, als ihr älterer Bruder Ben die Familie mit einer erfreulichen Nachricht überrascht. Julia lebt einen geregelten Alltag, aber die Begegnung mit Helen, die Teenagersorgen der Tochter und die Veränderung in Bens Leben bringen ihre Routinen aus dem Gleichgewicht, genau so, wie es vor langer Zeit schon einmal geschehen ist. Die Kapitel des Romans springen zwischen den Handlungsebenen.

Die Stärke der Geschichte basiert darin, dass die Autorin ihre Figuren sehr gut ausformuliert, die Interesse beim Lesenden wecken. In den Rückblenden erfuhr ich, warum Julias Kontakt zu Helen abgebrochen ist. Aber erst als ich zunehmend mehr Einzelheiten aus der Kindheit der Protagonistin erfuhr, konnte ich die Beweggründe zu den Handlungen der Protagonistin vor zwanzig Jahren besser verstehen.

Bevor Julia Mark durch Zufall kennenlernte hatte sie mehrere Jahre für sich allein gelebt. Sie war es gewohnt, Entscheidungen selbst zu treffen, was auch ein Ergebnis ihrer Erziehung ist. Julia wurde durch eine angespannte Beziehung zu ihrer Mutter geprägt, aus der sie mitgenommen hat, dass sie gelegentlich nicht deren Wertansprüchen entsprach. Es war nicht einfach für sie, sich am Beginn ihrer Ehe mit ihrem Mann über bestimmte Angelegenheiten abzusprechen. Sie neigt dazu, sich vergleichsweise lange Gedanken zu Sorgen zu machen, die nicht die ihren sind. Indem sie Kontakte meidet, verhindert sie, sich mit Problemen anderer zu beschäftigen. Von Beginn an schaut sie argwöhnisch auf die besten Freunde von Mark, dadurch bleibt immer ein Stück Misstrauen in ihrem Verhältnis. Nach der Geburt ihres Sohns fällt ihr der Umgang mit anderen Müttern nicht einfach. In Helen findet sie zu dieser Zeit eine mütterliche Ratgeberin, deren Selbstbewusstsein sie bewundert. Ihre neue, einige Jahre ältere Freundin weckt in ihr Gefühle, in denen sie nicht geübt ist.  

Claire Lombardo schreibt abwechslungsreich, denn im Leben ihrer Protagonistin geschehen immer wieder unerwartete Begebenheiten. Julia als Kind, Teenager, Ehefrau und Mutter erlebt Situationen, die vermutlich viele Lesende wiedererkennen, was sie mir nahbar machte. In Diskursen erlebt man, dass es oft unterschiedliche Meinungen über ein Thema gibt ohne eine beste Lösung.

Der Roman „Genau so, wie es immer war“ von Claire Lombardo konnte mich im gleichen Maß begeistern wie ihr Debüt. Tiefgründig und feinsinnig beschreibt die Autorin die Gefühlswelt ihrer Protagonistin Julia, die es gelernt hat, sich nach einer schwierigen Kindheit einen Weg im Leben zu suchen und an den Anforderungen des Lebens gereift ist. Einige Twists und wohlgehütete Geheimnisse sorgen für eine hintergründige Spannung. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.


Samstag, 17. August 2024

Rezension: Das Wohlbefinden von Ulla Lenze


Das Wohlbefinden
Autorin: Ulla Lenze
Hardcover: 336 Seiten
Erschienen am 17. August 2024

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Die Beelitzer Heilstätten sind im Jahr 1908 eine Art wahrgewordene Utopie: Hier werden tuberkulosekranke Arbeiterinnen und Arbeiter mit aufwändigen Therapien behandelt und mit reichhaltigem Essen wieder zu Kräften gebracht. Eine von ihnen ist Anna, die von den anderen Patientinnen aufgrund ihrer unheimlichen Vorhersagen gemieden wird. Ihre vermeintlichen Fähigkeiten lösen beim behandelnden Arzt Professor Blomberg, der sich wie wachsende Teile der Gesellschaft für okkulte Praktiken interessiert, den Wunsch aus, sie näher zu studieren. Auch die Autorin Johanna Schellmann, von Blomberg eingeladen, um über die Heilstätten zu schreiben, interessiert sich mehr für Anna als für die Einrichtung. Als Vanessa im Jahr 2020 Aufzeichnungen ihren Vorfahrin Johanna aus dem Jahr 1967 in die Hände fallen, ahnt sie bald, dass damals nicht die ganze Wahrheit ans Licht gekommen ist.

Der Roman beginnt im Jahr 2020, in welchem sich Vanessa auf der Suche nach einer neuen Bleibe befindet, da sie ihre Berliner Wohnung aufgrund einer Eigenbedarfskündigung verlassen muss. Als sie einem Makler bei einer Besichtigung in der Nähe der ehemaligen Beelitzer Heilstätten erzählt, dass ihre berühmte Urgroßmutter Johanna Schellmann über diese geschrieben hat, überlässt er ihr kurz darauf bislang unbekannte Texte von ihr. Über deren Ursprung im Jahr 1967 erfuhr ich auf einer zweiten Zeitebene. 

Die dritte Zeitebene, die den Großteil des Romans ausmacht, umfasst den Zeitraum von 1907 bis 1909 und erzählt die Geschichte von Anna und Johanna, beginnend kurz vor ihrer ersten Begegnung. Anna tanzt als Patientin mit ihrem eigensinnigen Verhalten immer wieder aus der Reihe und verstört mit ihren Aussagen die anderen Frauen, findet schließlich aber auch eine von ihr faszinierte Anhängerschaft. Auch Johanna, die als Arztgattin ein priviligiertes Leben führt, aber noch nach dem richtigen Stoff für ihre schriftstellerischen Ambitionen sucht, geht Anna nicht mehr aus dem Kopf. Doch was zwischen den beiden Frauen wirklich vorgegangen ist, im Hinblick darauf unterscheidet sich das allgemein Bekannte von den Aufzeichnungen in Vanessas Besitz. 

Ich war neugierig, der Wahrheit schrittweise auf die Spur zu kommen. Die Einblicke in das Leben in den Heilstätten fand ich faszinierend, der Schauplatz wechselt jedoch schneller, als ich erwartet hätte. Es gibt viele theologische und philosophische Diskussionen, welche tiefe Einblicke in die Debatten der damaligen Zeit geben, dazu Einblicke in Séancen und ähnliche Darbietungen, deren Manipulation ich hautnah miterlebte. Während immer wieder Charaktere versuchen, Anna zu instrumentalisieren, bleibt unklar, wie es um ihre tatsächlichen Fähigkeiten bestellt ist. Für meinen Geschmack zogen sich die Szenen im Jahr 1908 zu sehr in die Länge, während ich die anderen beiden Stränge als relativ kurz und eher als Mittel zum Zweck erlebte, um das Geheimnis, was damals tatsächlich vorgefallen ist, zu lüften. Gerne empfehle ich den Roman an Leserinnen und Leser weiter, die Lust haben, an den Beginn des 20. Jahrhunderts zu Reisen und Einblicke in die damalige Gesellschaft und insbesondere die Beelitzer Heilstätten und das wachsende Interesse am Okkulten zu erhalten.

Donnerstag, 15. August 2024

Rezension: Pi mal Daumen von Alina Bronsky


Pi mal Daumen
Autorin: Alina Bronsky
Hardcover: 272 Seiten
Erschienen am 15. August 2024
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Link zur Buchseite des Verlags

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Mit 16 Jahren hat es der Überflieger Oscar bereits an die Uni geschafft, um ein Mathematikstudium zu beginnen. Dazu hat er sich für die Uni entschieden, an welcher Daniel Johannsen forscht, der berühmteste lebende Mathematiker Deutschlands. Um bei ihm seine Bachelorarbeit schreiben zu dürfen, möchte sich Oscar voll auf sein Studium konzentrieren. An einem Austausch mit seinen Kommilitonen hat er wenig Interesse. Doch dann taucht Moni in der Vorlesung auf - mit schriller Kleidung und IKEA-Tasche, bald sogar mit Kleinkind auf dem Arm. Schnell ist sich Oscar sicher, dass sie nicht die geringste Chance hat, das Studium zu packen. Da er seine Übungsblätter jedoch nicht ohne Partner abgeben darf, bietet er ihr an, einfach ihren Namen dazuzuschreiben. Bis er feststellen muss, dass die Mittfünfzigerin zwar Herausforderungen hat, ihren Alltag zu organisieren, aber gar nicht so dumm ist, wie er dachte...

Der Roman beginnt mit der ersten Begegnung von Oscar und Moni in einer Mathematikvorlesung. Der ehrgeizige Oscar weiß nicht, wie er Monis Auftreten und ihre ganze Art einordnen soll und geht davon aus, dass sie ihr Studium schnell wieder an de Nagel hängt. Die lässt sich jedoch nicht beirren und verwickelt Oscar proaktiv in Gespräche, bis sie schließlich Partner für die wöchentlichen Übungsblätter werden.

Das Buch ist durchgängig aus der Sicht von Oscar geschrieben, sodass ich mich als Leserin genau wie er fragte, wer Moni eigentlich ist und was sie dazu gebracht hat, in ihem Alter ein Mahematikstudium zu beginnen. Mit ihrer offenen, lebensbejahenden und pragmatischen Art wuchs sie nicht nur mir schnell ans Herz, sondern hat auch im Roman bald viele Befürworter, was Oscar eher verwundert. Mit der Zeit lernen die beiden sich besser kennen und Oscar muss feststellen, dass Moni für so manche Überraschung gut ist. 

Es entsteht eine Freundschaft zwischen zwei Außenseitern, die sich gegenseitig unterstützen und füreinander da sind. Zunächst wirkt es so, als wäre Moni auf die Hilfe von Oscar angewiesen und nicht umgekehrt. Doch hier wurde ich eines besseren belehrt. Sehr gut gefallen hat mir, wie das Thema Vorurteile in der Geschichte bearbeitet wird. Es ist leicht, Moni nach wenigen Seiten in eine Box zu packen und ich konnte gut nachvollziehen, dass Oscar schnell den Deckel auf diese machen will. Doch mit ihrer unvergleichlichen Art springt Moni aus dieser Box heraus, belehrt alle eines besseren und bescherte mir eine Geschichte, die mich mitfiebern ließ, ins Nachdenken brachte und mir allerbeste Unterhaltung bot. Ich gebe eine große Leseempfehlung!

Mittwoch, 14. August 2024

Rezension: Brennende Felder von Reinhard Kaiser-Mühlecker

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Brennende Felder
Autor: Reinhard Kaiser-Mühlecker
Erscheinungsdatum: 14.08.2024
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783103975703
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Der Roman „Brennende Felder“ ist der dritte Band einer Reihe in der Reinhard Kaiser-Mühlecker die Kinder einer alteingesessenen Landwirtsfamilie aus einem fiktiven kleinen Ort Oberösterreichs, in der Nähe von Wels, in den Fokus nimmt. Nach Alexander und Jakob steht diesmal Luisa im Mittelpunkt, das zweitgeborene Kind der Familie Fischer. Während Erntemaschinen in Flammen aufgehen, weil sie bei anhaltend hohen Temperaturen zu schnell gefahren wurden, und es so aussieht, als ob Felder brennen, fühlt Luisa sich sicher im Gehöft ihres aktuellen Partner, das über viele Wassertanks verfügt und Bäume, die kühlende Schatten werfen. Die Klimakrise wird im Roman zwar thematisiert, aber nur am Rande.

Irgendwann in ihrer Kindheit hat Luisa von ihrer Mutter erfahren, dass deren Mann Robert, auch Bob genannt, zwar der Vater ihrer Brüder ist, aber nicht ihrer. Doch Luisa war ihm immer in besonderem Maße zugeneigt. Zum Studieren zieht sie in den Norden Deutschlands. Erst heiratet sie einen Schweden, danach einen Dänen. Sie zieht nach Schweden und anschließend nach Dänemark. Von jedem Ehemann bekommt sie ein Kind und lässt es beim Vater, als sie sich in Hamburg niederlässt. Zwanzig Jahre nachdem sie ihr Zuhause verlassen hat, steht Robert vor ihrer Tür und bekundet ihr seine Zuneigung. Die beiden beginnen ein Liebesverhältnis, aber Bob sehnt sich nach Oberösterreich und daher suchen sie ein Haus in der Heimat. Als angehende Autorin ist es Luisa egal, wo sie schreibt. Jedoch fällt es ihr in der Folgezeit nicht immer leicht, inzwischen gewonnene Freiheiten beizubehalten.

Reinhardt Kaiser-Mühlecker, der in Oberösterreich lebt, ist ein guter Beobachter seiner Mitmenschen und er verfügt über Erfahrungen mit dem Leben auf dem Land sowie landwirtschaftliches Kenntnisse. Dadurch gelingt es ihm, seine Figuren tiefgründig darzustellen und ein authentisches Umfeld zu schaffen. Verstörende Erlebnisse in ihrer Jugend ließen Luisa Abstand zu ihrem Elternhaus suchen. Die Entfremdung ist von Beginn an spürbar. Aber sie findet kein dauerhaftes Glück in der Ferne. Der Autor sorgt für einige unerwartete Wendungen in der Geschichte und zum Ende hin für eine verstörende Situation zwischen Luisa und dem Kind ihres Partners. Im Mittelteil gibt es leichte Längen durch die nicht weiterführenden inneren Auseinandersetzungen der Protagonistin.

In der Gegenwart las ich über Luisa von ihrer Angst, dass Bob sich von ihr trennen möchte. Sie kämpft mit ihrem Erscheinungsbild, denn sie möchte für Männer weiterhin attraktiv sein, wobei das die Frage aufwirft, ob mit der Beziehung zu ihrem Stiefvater ihr Lebenstraum noch nicht in Erfüllung gegangen ist. Ihre Suche nach Zugehörigkeit nimmt einen breiten Raum ein, in dem sie sich ausprobiert, aufgibt und weiterzieht. Dabei klagt sie gerne darüber, dass man sie nicht so wahrnimmt, wie sie es gerne hätte. Mir wurde die Protagonistin nicht sympathisch.

Im Roman „Brennende Felder“ beschreibt Reinhard Kaiser-Mühlecker in seinem dritten Roman über Familie Fischer aus einem kleinen Dorf in Oberösterreich die verschlungenen Wege, die die Tochter Luisa in ihrem Leben nahm. Die Protagonistin versucht mit allen Mitteln, ein Ziel zu erreichen, das sich ständig zu verschieben scheint. Der Autor zeigt, wie prägend familiäre Bindungen sein können und wie schwierig es ist, diese auszutarieren. 


Dienstag, 13. August 2024

Rezension: Yoko von Bernhard Aichner


Yoko
Autor: Bernhard Aichner
Hardcover: 336 Seiten
Erschienen am 13. August 2024

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Yoko hat einige Jahre als Metzgerin an der Seite ihres Vaters gearbeitet. Nach dessen Tod hat sie die Räumlichkeiten jedoch zur Glückskeksmanufaktur umgestaltet. Mit ihrem kleinen Unternehmen beliefert sie diverse chinesische Restaurants. Dabei trifft sie eines Tages am Hintereingang eines Restaurants auf zwei Männer, die einen Hund bis zum Tod quälen. Yoko mischt sich ein und wird selbst zum Opfer. Danach fühlt sie sich tagelang ohnmächtig, bis ein neuer Gedanke in ihr heranreift: Sie will die Männer ausfindig machen und sich rächen. Bald macht sie sich noch mehr Feinde, die vor absolut nichts zurückschrecken.

Gleich zu Beginn des Thrillers wurde ich Zeugin von grausamen Szenen, nach denen Yokos Leben in Scherben liegt. Kurze Sätze und ein schnörkelloser Stil brachten mich schnell mitten ins Geschehen, das mit hohem Tempo voranschreitet. Ich erfuhr mehr über Yokos Aufwachsen bei ihrem inzwischen verstorbenen Vater, wo eine schockierende Enthüllung lauert, und ihrer Beziehung zu Maren, die ihr Bestes gibt, um Yoko beizustehen. Bevor ich mich versah zog Yoko bereits los in der festen Absicht, einen Mord zu begehen.

Ich hatte leider von Beginn an Probleme damit, mich auf die Geschichte einzulassen. Es gibt wenig Rahmenhandlung, man erfährt das Nötigst über Yoko, bevor sich die Handlung auf den Rachefeldzug fokussiert. Dabei fand ich es erstaunlich, dass Yoko so leicht an Informationen gelangen kann. Außerdem fand ich es einfach zu weit hergeholt, dass eine schwer traumatisierte Glückskeksbäckerin plötzlich zur gnadenlosen Rächerin wird, die der chinesischen Mafia die Stirn bietet. Prinzipiell mag ich temporeiche Thriller, die Nervenkitzel bieten, dieser hat meinen Geschmack leider nicht getroffen.

Mittwoch, 7. August 2024

Rezension: Ex-Wife von Ursula Parrott

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ex-Wife, Erstveröffentlichung 1929
Autorin: Ursula Parrott
Übersetzerin aus dem Englischen: Tilda Engel
mit einem Vorwort von Mareike Fallwickl
Erscheinungsdatum: 24.07.2024
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783949465284
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Es ist fast einhundert Jahre her, dass der Roman „Ex-Wife“ von Ursula Parrott zum ersten Mal veröffentlich wurde, jedoch kann man das beim Lesen häufig vergessen, denn die Handlung wirkt häufig so, als könnte sie in der Gegenwart spielen. Die Geschichte dreht sich um die 24-jährige Patricia, die nach vier Jahren Ehe von ihrem Mann Peter verlassen wird.

Patricia ist eine lebenshungrige Frau, die nach der Hochzeit ihrem Beruf als Werbetexterin weiter nachkommt. Dennoch ist ihr Wohnort New York ein teures Pflaster und in der ersten Zeit der Ehe kann das Paar sich noch nicht alle Dinge leisten, die sie sich wünschen. Glamouröse Kleidung, Restaurantbesuche und reichlich Alkoholgenuss im Freundeskreis, den sie trotz Verbots leicht beschaffen können, lassen keinen Platz für Sparpläne.

Nachdem Peter ihr einen Seitensprung gesteht, lässt Patricia sich vom besten Freund ihres Ehemanns verführen. Sie gesteht ihm ebenfalls die Affäre, jedoch ohne den Namen ihres Liebhabers zu nennen. In den folgenden Wochen und Monaten schleicht sich ein Störgefühl in die Ehe, bis Peter die Scheidung fordert, doch Patricia verweigert sie ihm über einen längeren Zeitraum hinweg.  

Der Roman wird in der Ich-Perspektive von Patricia erzählt. Sie schildert ihr Leben nach der Scheidung, schaut aber auch zurück auf die gemeinsamen Jahre. Bereits im Vorwort zur Neuauflage verweist Mareike Fallwickl darauf, dass der erst seit wenigen Jahren mögliche Zugang zu Bildung zu einer Doppelmoral führte. Weil Frauen nun im Beruf, auch nach der Heirat, eigenes Geld verdienten, fiel es ihren Ehemännern leichter, sie zu verlassen. Die Phasen, die die Protagonistin im Anschluss an die Trennung durchläuft, scheinen allgemeingültig und heute noch zu gelten. Patricia sucht und findet Rat bei einer Freundin, die sich nach eigener Einschätzung bereits auf der nächsten Stufe nach ihrer Scheidung befindet.

Manchmal durchlebt Patricia die Tage und Nächte wie im Rausch, zu anderen Zeiten langweilt sie sich. Immer wieder erzählt sie von Frauen in ihrem Umfeld, die sich für eine klassische Rolle als Hausfrau und Mutter entscheiden, wodurch dann doch ein Unterschied zwischen der Handlungszeit zu heute spürbar wird. Die Protagonistin wurde mir, vor allem aufgrund ihres exzentrischen Auftretens, nicht sympathisch. Ihr Umgang in Bezug auf ihr Kind fand ich kaum begreifbar, aber das diesbezügliche Verhalten von Peter war empörend. Einige der Begebenheiten in der Geschichte basieren auf Erfahrungen der Autorin, wodurch ihre Schilderungen authentisch wirken.

Ich fand es sehr interessant, mit „Ex-Wife“ von Ursula Parrott in die schillernde Welt der gehobenen Gesellschaft im New York der 1920er Jahre einzutauchen. Die Ansichten und Handlungen der Protagonistin als unabhängige Frau sind auch heute noch aktuell. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.


Montag, 5. August 2024

Rezension: Mitternachtsschwimmer von Roisin Maguire

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Mitternachtsschwimmer
Autorin: Roisin Maguire
Übersetzerin aus dem Englischen: Andrea O'Brien
Erscheinungsdatum: 15.07.2024
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Leseband
ISBN: 9783832168292
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Die Protagonistin Grace des Romans „Mitternachtsschwimmer“ von Roisin Maguire ist genauso rau und sanft wie die See vor der Küste von Nordirland, an der der kleine Haupthandlungsort Ballybrady liegt. Das Dorf ist beschaulich und ähnelt dem, in dem die Autorin lebt, weswegen sie die dort vorherrschende Atmosphäre besonders gut eingefangen hat. Auch das Cover, das sehr schön vom Kölner Designbüro Lübbeke Naumann Thoben gestaltet wurde, strahlt die Unruhe und Stärke der See aus. Der Titel ist haptisch durch eine Tiefprägung im Papier spürbar und bezieht sich auf Grace, die es liebt, in der Nacht im Meer zu schwimmen und die Ruhe zu genießen.

Die Handlung spielt im Frühjahr 2020. Grace ist 50 Jahre alt, besitzt eine spezielle Art von Humor und ein großes Herz, das sie zu schützen versucht. Ihr Einkommen bestreitet sie durch Quilten, dem Verkauf von Seegras und der Vermietung ihres Elternhauses. Neben Grace spielt auch der in Belfast lebende Evan eine Hauptrolle. Evans Ehe ist nach einem schweren Verlust in eine Krise geraten. Um Abstand davon zu gewinnen, mietet er für eine Woche das Cottage von Grace. Als wegen Corona auch in Nordirland ein Lockdown verhängt wird, werden für Evan die wenigen Tage zu einem längeren Aufenthalt, in denen er sich mit Land und Leuten näher auseinandersetzt.

Mit Grace und Evan agieren zwei interessante Persönlichkeiten in der Geschichte, die beide an einer seelische Verletzung aus der Vergangenheit zu tragen haben. Während die psychische Belastung von Evan von Beginn an offen zu erkennen ist, vergräbt die Autorin die Wunden der Grace unter deren Zurückhaltung anderen Menschen gegenüber und deren oft schroffem Auftreten in Interaktionen. Erst nach und nach erfuhr ich als Leserin ebenso wie Evan davon, was in ihren jungen Jahren geschehen ist. Die Begebenheiten werden mit ausreichend Raum geschildert, den man mit eigener Fantasie ausmalen kann.

Neben den feinfühligen Beschreibungen zu brisanten Themen, erzählt die Autorin von den Herausforderungen des Lebens an der Küste in aller Härte. Es ist der besondere Charme des Buchs, der einerseits tiefsinnig die Probleme der Protagonistin und des Protagonisten aufgreift und dem andererseits das raubeinige Auftreten von Grace und der ungezähmten Natur der Küste entgegenstellt. Evan erfährt in der Gemeinschaft nicht nur Rückhalt, sondern schöpft im Laufe der Zeit die Hoffnung, dass ein Neubeginn möglich ist. Eine lebenskluge Verkäuferin und ein achtjähriger Junge, der Geborgenheit sucht, sorgen für aufheiternde Momente und geben der Geschichte einige unerwartete Wendungen.

Der Roman „Mitternachtsschwimmer“ von Roisin Maguire ist einfühlsam geschrieben und sorgt mit einem stimmungsvollen Setting und gut ausformulierten Figuren für ein abwechslungsreich gestalteten Lesevergnügen. Gerne empfehle ich die bezaubernde Geschichte weiter.

Donnerstag, 1. August 2024

Leseeindruck von Pirlo - Gegen alle Regeln von Ingo Bott

 

Leseeindruck von Ingrid Eßer

Titel: Pirlo - Gegen alle Regeln
Autor: Ingo Bott
Erscheinungsjahr: 2021

Bald wird Pirlo auf Max Bischoff, den Mörderfinder treffen
im Thriller "Gegenspieler - Bischoff und Pirlo ermitteln"
Autoren: Arno Strobel und Ingo Bott
Erscheinungstermin: 16.10.2024
Verlag: Fischer
ISBN: 9783596710485
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Der Strafverteidiger Dr. Anton Pirlo, unter anderem Namen geboren, beisitzt eine Wohnzimmerkanzlei in Düsseldorf. Sein früherer Professor vermittelt ihm die Doktorandin Sophie Mahler zur Mitarbeit. In ihrem ersten Fall verteidigen die beiden eine Mandantin, die ihren Ehemann in der Diele ihrer Villa getötet haben soll, während die Wohnungstür abgeschlossen war. 

Beim Lesen faszinierte mich besonders die fundierte Erläuterung der Rechtslage. Dem Autor Ingo Bott, der selbst Strafverteidiger ist, gelingt es, die Faktenlage auf unterhaltsame Weise zu vermitteln. Sein Ermittler und seine Ermittlerin kommen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Während Pirlo eigene Kontakte zu kriminellen Clans besitzt, hat Sophie Zugang zu betuchten Kreisen .Die beiden scheuen sich nicht, zu unkonventionellen Mitteln zu greifen, wenn es hilfreich für ihr Mandat ist. Mir gefällt das Konzept als solches sehr gut, aber auch, dass ich viele der Handlungsorte kenne. Der zweite Teil liegt bereits bei mir zum Lesen bereit.

Von der Serie "Mörderfinder" von Arno Strobel habe ich bisher alle vier Bände gelesen. Sie gehören zu meinen Lesehighlights im Thrillerbereich. Der Mörderfinder Max Bischoff ist Fallanalytiker der Polizeihochschule in Köln, aber früher hat er als Ermittler beim KK11 in Düsseldorf gearbeitet. 

Arno Strobel und Ingo Bott haben sich nun zu einem gemeinsamen Thriller zusammengetan, was bedeutet: Pirlo und Max Bischoff ermitteln gemeinsam! Der Thriller "Gegenspieler" erscheint am 16.10.2024 im S. Fischer Verlag. Ich bin darauf sehr gespannt.

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