In ihrem Roman „Geteiltes Haus“ erzählt Alice Horáčková ein
Stück Geschichte des Sudetenlandes, mit dem ihre eigene Familie eng verbunden
ist. Die Handlung erstreckt sich vom Beginn des vorigen Jahrhundert an bis 1948
und spielt hauptsächlich in der kleinen Gemeinde Benetzko im westlichen Riesengebirge,
am Westabhang des Heidelbergs. Während die politischen Zugehörigkeiten wechselten,
lebten Tschechen und Deutsche Seite an Seite, lachten und weinten miteinander, heirateten
untereinander und und gerieten ebenso häufig über vermeintliche oder
tatsächliche Vorrechte aneinander.
Benetzko ist die Heimat des Vaters der in Prag geborenen
Autorin. Da er nur wenig über seine Kindheit und Jugend erzählte, machte Alice
Horáčková auf die Suche nach weiteren lebenden Verwandten, um mehr über ihre
familiären Wurzeln zu erfahren. Im Rahmen einer umfangreichen Recherche
sichtete sie Dokumente in Archive, bereiste die Gegend und sprach mit den
Menschen vor Ort. Die Figuren ihres Romans sind fiktiv, tragen jedoch
Eigenschaften und Wesenszüge, die von denen ihrer Familienmitglieder inspiriert
sind.
Als die Tschechin Zdenka Honců und die Deutsche Anežka Braun
sich als Kinder anfreunden, ahnen sie noch nicht, dass sie später beide in die
Familie Hollmann aus Benetzko einheiraten werden. Obwohl ihre Ehemänner Brüder
sind, unterscheiden sie sich in ihren Lebenszielen und ihrer Weltanschauung. Gemeinsam
ist ihnen jedoch, dass sie ihre Haltung gegenüber gesellschaftlichen
Veränderungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer wieder daran ausrichten, welchen
persönlichen Vorteil sie daraus ziehen können. Allerdings trägt auch ein
Portion Glück zum Gelingen ihrer Anliegen bei.
Eine wichtige Rolle im Roman nimmt auch der Lehrer der
tschechischen Schule im Ort ein. An seiner Anstellung und seines Ansehens lassen
sich die Veränderungen im politischen Geschehen nachvollziehen. Zu ersten
größeren Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen Nordböhmens kommt es zu
Beginn der ersten Tschechoslowakischen Republik im Herbst 1918. Das Münchner
Abkommen, das eine Angliederung an das Deutsche Reich vorsah, führte zu
Ressentiments gegenüber den Tschechen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde
hingegen die vorige Ordnung wieder hergestellt und die deutschsprachigen
Bewohner vertrieben.
Alice Horáčková gestaltet ein lebendiges Miteinander der
Einwohner im Randgebiet Böhmens, statt auf historische Daten zu schauen. Es
finden sich wenige Geschichtszahlen im Text, die Handlung spricht für sich. Der
Erzählstil der Autorin umfasst üppig ausgestaltete Szenen im Wandel der Zeiten,
die Bilder im Kopf entstehen lassen, sodass man sich beinahe mitten im
Geschehen wähnt. Sie schildert den Alltag, die beruflichen Verrichtungen,
gleichwohl auch Gedanken der Hauptfiguren über ihre Mitmenschen und aktuellen Entwicklungen.
Dabei eröffnet sie immer wieder neue Perspektiven auf die Personen und ihre
Lebensumstände, sodass die Geschichte facettenreich und abwechslungsreich
bleibt. Eine Vielzahl der auftretenden Personen
ist unumgänglich, wobei die wichtigsten Figuren am Ende des Buches in einem
Überblick zusammengestellt sind. Es hat mir gefallen, dass manches Kapitel mit
einer kleinen Ausblick auf die Zukunft einer Person endet, von der diese noch
nichts ahnt.
„Geteiltes Haus“ von Alice Horáčková ist nicht nur ein
Roman, der auf wahren Familienereignissen der Autorin beruht, sondern zugleich auch
eine Dokumentation des Geschehens im Sudetenland in der ersten Hälfe des 20.
Jahrhunderts. Die Autorin zeigt, wie eng persönliche Lebenswege mit den
politischen Umbrüchen ihrer Zeit verbunden sind und wie schwierig es für die
Menschen sein konnte, zwischen nationaler Zugehörigkeit, persönlichen
Überzeugungen und eigenen Interessen ihren Weg zu finden Sehr gerne empfehle
ich das Buch weiter.
