Mittwoch, 14. August 2019

Rezension: Die Leben der Elena Silber von Alexander Osang


Rezension von Ingrid Eßer

*Werbung*
Titel: Die Leben der Elena Silber
Autor: Alexander Osang
Erscheinungsdatum: 14.08.2019
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783103974232
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Mit dem Roman „Die Leben der Elena Silber“ von Alexander Osang näherte ich mich beim Lesen der möglichen Wahrheit über den Lebensweg der im russischen Gorbatow geborenen Jelena Viktorowna Krasnowa. Bereits der Umschlag deutet an, dass so ein erzähltes Leben sich aus vielen Bildern, die da im Kopf hängen bleiben, zusammensetzt. Jelena, Elena, Lena, je mehr Buchstaben ihr Vornamen verliert, desto mehr Menschen verliert sie, die ihr bisher Halt gegeben haben, denen sie vertraut hat und von denen sie hilfreich unterstützt wurde. Den Blick immer auf die Zukunft gerichtet, umschifft sie viele Hindernisse. Die Sorge um ihre Familie begleitet sie ständig, durch die politischen Wirrungen des letzten Jahrhunderts muss sie sich immer wieder anpassen. Dennoch ist sie nicht die einzige Protagonistin des Romans, ihr Enkel Konstantin ist eine weitere Hauptfigur.

Jelena wird Anfang des vorigen Jahrhunderts geboren. Im Alter von zwei Jahren wird ihr erzählt, dass ihr Vater, Seiler von Beruf und Vertreter der Meinung der Landbevölkerung, von Beamten der Stadt hingerichtet wurde, weil er auf der Seite derjenigen stand, die über Anweisungen des Zaren gelästert hatten. Um weiteren Übergriffen zu entgehen, flieht die Mutter mit Jelena und ihrem Sohn nach Nischni Nowgorod.

Im Sommer des Jahres 2017 kehrt der Filmemacher Konstantin Silber von einer Reise in die Ukraine zurück. Von seiner Mutter Maria erfährt er, dass sein Vater aufgrund seiner Krankheit ins Heim ziehen wird, was für ihn eine wenig vorstellbare Situation ist, denn damit verbindet er die Endlichkeit des Lebens. Mit seiner beruflichen Karriere ist er unzufrieden und auf der Suche nach einem das Publikum ansprechenden Thema.

Ausgehend von den beiden obigen Anfängen des Romans ergänzen sich die Geschichten nun einerseits in der Gegenwart auf der Suche nach dem Wahrheitsgehalt, andererseits in kontinuierlich fortschreitenden Szenen aus der Vergangenheit. Eine Übersicht der wichtigsten Familienmitglieder auf den ersten Seites des Buchs half mir dabei, die Charaktere namentlich und zeitlich besser einzuordnen, auf den Innenseiten ist eine Landkarte mit den Handlungsorten gedruckt, die die Reisen der Familie nachvollziehen lassen.

Jelena ist beim Pogrom an ihrem Vater selbst nicht anwesend, aber sie spürt die Angst ihrer Mutter vor den Schergen, die größer ist als die vor einem Neuanfang. Für Jelena ist dieser Tag ein strenger Einschnitt in ihr Leben, dessen Bedeutung sie in ihrem kindlichen Alter noch nicht erfassen kann. Sie entwickelt sich zu einer starken Frau. Die häusliche Umgebung ändert sich örtlich für sie in den nächsten Jahren mehrfach. Durch ihren Beruf erlangt sie Unabhängigkeit vom Elternhaus. Schließlich heiratet sie einen deutschen Ingenieur, dem sie Mitte der 1930er Jahre nach Berlin folgt, als der Krieg bereits seine langen Schatten voraus wirft.

Dem Autor gelingt es, ein fiktives Frauenschicksal über Jahrzehnte hinweg ergreifend aufzuzeigen. Dabei ist seine Erzählung inspiriert von seiner eignen Familiengeschichte. Seine Schilderung ist bewegend, aber durch das Einflechten einiger heiterer Begebenheiten gelingt es ihm, seine Erzählung stellenweise aufzulockern. Seinen Fokus richtet er auf die Menschen, die das Schicksal tragen, dass ihnen durch die aktuelle politische Lage vorgegeben scheint. Seine Protagonistin Jelena bekennt sich nie bewusst für eine Richtung in der Politik, sie handelt, um sich selbst und ihre Liebsten zu schützen. An der Seite ihres Mannes führt sie ein wohlsituiertes Leben, doch auch hier stellt sie fest, dass sie durch Konventionen gebunden ist. Nichtwissen wird für sie zuweilen zur Überlebensfrage. Schon früh stellt sie fest, dass es häufig besser ist, Geheimnisse für sich zu behalten. In der Kommunikation mit ihren Töchtern verlässt sie ihr Mut, denn die Erinnerungen an bestimmte Dinge in ihrem Leben sind nahezu unbeschreiblich. Unzureichende Sprachkenntnisse und dadurch fehlende Übersetzungsmöglichkeiten ergänzen die mangelnde Kontinuität in Jelenas Erzählungen. Ganz im Innersten führt sie aber ständig eine Liebe mit sich, aktuell oder vergangen, die ihr keiner nehmen kann.

Für Konstantin wird die Vergangenheit seiner Familie zu einer Suche nach Details. Der Weg zurück zu seinen Wurzeln führt Konstantin in die Seele des russischen Reichs. Dabei wird ihm zunehmend deutlich was ihm selber wichtig ist.

Alexander Osang hat mit dem Buch „Die Leben der Elena Silber“ einen bewegenden Familienroman geschrieben, der nicht nur das gesamte Leben der Titelfigur umfasst, sondern auch noch das der nachfolgenden Generation. Der Autor erzählt episodenhaft. Die Suche nach den fehlenden Erzählteilen ist berührend und führt Jelenas Enkel Konstantin und mich als Leser nicht nur zu den Verwicklungen in der Familiengeschichte, sondern auch zu einem tieferen Verständnis für die Gefühle der Beteiligten, die mit der Ohnmacht verbunden sind, das Gesehene und Erlebte in Worte zu kleiden. Gerne empfehle ich diesen beeindruckenden Roman weiter.

Dienstag, 6. August 2019

[Rezension] Der Gesang der Flusskrebse - Delia Owens


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Der Gesang der Flusskrebse
Autorin: Delia Owens
Übersetzer: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann
Hardcover: 464 Seiten
Erschienen am 22. Juli 2019
Verlag: Hanserblau
Link zur Buchseite des Verlags

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North Carolina, 1969: Im Marschland lebt Kya Clark allein in einem abseits gebauten Haus. Als sie sechs war, hat ihre Mutter ihren gewalttätigen Ehemann und die Kinder ohne ein Wort verlassen, kurz darauf folgten alle vier Geschwister. Zurück blieb nur Kya, die von ihrem Vater gerade genug Geld für die allernötigsten Lebensmittel erhielt, während er den Rest in Alkohol investierte. Inzwischen ist die Mittzwanzigerin seit vielen Jahren auf sich selbst gestellt. Die Flora und Fauna des Marschlandes kennt sie besser als jeder andere. Als Chase Andrews, der beste Quarterback der Stadt, tot am Fuß des Feuerwachturm gefunden wird, tappt die Polizei zunächst im Dunkeln. Ist er allein vom Turm gefallen oder wurde er gestoßen? Bald bringt jemand das Marschmädchen ins Spiel, das häufiger mit Chase gesehen wurde. Ist nicht gerade die Abwesenheit jeglicher Spuren ein Beweis dafür, dass sie den Mord verübt hat?!

Das Cover zeigt ein Mädchen im einem Boot, das durch eine weitläufige Landschaft fährt und der dabei nur die Vögel Gesellschaft leisten. So sieht das Leben von Kya Clark aus, auf die man als Leser zum ersten Mal trifft, als ihre Mutter gerade die Familie verlässt. Einfühlsam wird beschrieben, wie Kya sich durch ihren Weggang fühlt. Auch ihre älteren Geschwister halten es nicht länger zu Hause aus, sie alle suchen anderswo ihr Glück, wo sie nicht vom Vater geschlagen werden.

Zurück bleibt eine Siebenjährige, die sich und ihren Vater mit einem verschwindend geringen Geldbetrag versorgen soll. Schließlich steht ihr nicht einmal der mehr zur Verfügung. Doch vor der Vorstellung, irgendwo anders untergebracht zu werden, graut es ihr. Sie ist entschlossen, um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Hilfe erhält sie nur von wenigen Menschen. Zum einen von Jumper, einem Schwarzen, der ihr Muscheln gegen Benzin und Lebensmittel abkauft. Zum anderen von Tate, einem ehemaligen Freund ihres Bruders, der selbst oft im Marschland unterwegs ist und der von Kyas Wesen fasziniert ist.

Ich wurde mitgenommen in die 1950er und 1960er Jahre, in denen ich Kya aufwachsen sah. Es war interessant, ihre Entwicklung zu verfolgen. Sie ist eine soziale Außenseiterin, die nie irgendwo dazugehört hat und stark davon geprägt wurde, immer wieder verlassen zu werden. Ich konnte gut verstehen, dass sie hin- und hergerissen ist, ob sie Tate wirklich vertrauen kann. Hat er dabei Hintergedanken oder ist er wirklich nur freundlich? Gleichzeitig zeichnet sie ihre Klugheit und Naturverbundenheit aus. Sie lässt sich in ihren Entscheidungen von ihrem Instinkt und dem leiten, was die Natur ihr zeigt, denn gesellschaftliche Normen sind ihr fremd. Ihre Beobachtungen sind dabei überaus treffend, denn sie ist alles andere als auf den Kopf gefallen. Die Beschreibungen von Kyas Streunen durch das Marschland werden intensiv und sehr atmosphärisch beschrieben, sodass ich tief in die Geschichte eintauchen konnte.

Die Kapitel rund um Kyas Erwachsenwerden wechseln sich ab mit solchen aus dem Jahr 1969, in denen es um den Tod von Chase Andrews geht. Zwei Polizisten nehmen hier die Ermittlungen auf, wobei nichts eindeutig darauf hindeutet, dass es sich wirklich um Mord handelt. Bald werden Stimmen laut, die Kya für verdächtig halten. Das es das Marschmädchen war, an dessen Tür zu klopfen früher als Mutprobe galt und mit der Chase eine Zeit lang etwas hatte, erscheint vielen plausibel.

Während mir der Coming of Age-Part des Romans sehr gut gefallen hat, zogen sich die Ereignisse rund um den Tod von Chase Andrews für mich zunehmend in die Länge. Sie dominieren vor allem das letzte Drittel des Buches mit einem ausführlichen Ausflug ins amerikanische Rechtssystem. Das Ende konnte mich überraschen, lässt mich aber mit einigen Fragezeichen zurück.

Insgesamt überzeugt „Der Gesang der Flusskrebse“ mit einer besonderen Protagonistin, die als Außenseiterin um Unabhängigkeit, Sicherheit und Erfüllung kämpft. Kya ist eins mit der Natur des Marschlandes, das durch die gelungenen Beschreibungen der Autorin greifbar wird. Ein gelungener Entwicklungsroman, den ich gerne weiterempfehle!

Montag, 5. August 2019

Rezension: Something in the water von Catherine Steadman


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Something in the water
Autorin: Catherine Steadman
Übersetzer: Stephan Lux
Erscheinungsdatum: 02.07.2019
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783492235297
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„Something in the water“ ist ein Thriller der Engländerin Catherine Steadman, der eine subtile Spannung aufbaut, die sich vor allem aus dem Umstand ergibt, dass die Protagonisten Erin und Mark in ihren Flitterwochen bei einem Ausflug eine Tasche aus dem Wasser fischen mit einem brisanten Inhalt. Schon der Untertitel des Buchs „Im Sog des Verbrechens“ deutet an, dass eine verwerfliche Tat weitreichende Konsequenzen haben wird.

Erin ist Dokumentarfilmerin, Mark ist Bankkaufmann. Sie sind schon seit einigen Jahren in einer festen Partnerschaft. Wenige Wochen vor der lang ersehnten, pompös geplanten Hochzeit wird Mark arbeitslos. Aus Furcht davor, dass die Kosten unbezahlbar werden, kürzt er sowohl das Budget für die Feierlichkeiten wie auch die Tage der Flitterwochen im Luxushotel auf Bora Bora. Erste Drehtage zu einem Film über drei Strafgefangenen, die vor ihrer Entlassung stehen, verlaufen für Erin nach Plan. Schließlich heiraten beide und begeben sich auf Hochzeitsreise. Der Fund der Tasche, verbunden mit einer grausamen Entdeckung im Wasser, bringt beide in eine emotional angespannte Ausnahmesituation.

Aus dem Prolog wusste ich, dass Erin ein Grab für ihren verstorbenen Ehemann schaufelt. Meine Neugier war dadurch natürlich geweckt, um zu erfahren, was in der Zeit zwischen dem Fund und dem Schaufeln mit dem verliebten Paar geschehen ist. Erin erzählt die Geschichte als Ich-Erzählerin, so war ich als Leserin immer an ihrer Seite. Sie liebt ihren Beruf, obwohl der Verdienst eher bescheiden ausfällt. Dank der Einkünfte von Mark kann sich das Paar einen gewissen Wohlstand leisten. Erin reagiert zunächst recht naiv auf die Bedenken von Mark in Bezug auf zukünftige Ausgabenbeschränkungen.

Bei einigen ihrer Gedankengänge, wie beispielsweise zur weiteren Verwendung des Inhalts der gefundenen Tasche, wendet die Protagonisten sich direkt an den Leser, besorgt um dessen Verständnis. Oft konnte ich ihre Handlungen gut nachvollziehen, aber manchmal erschienen mir die Entscheidungen dieser intelligenten Frau unlogisch. Allerdings muss man berücksichtigen, dass Erin in kurzer Zeit viele, mehr oder weniger schnelle Entscheidungen zu treffen hat, die sie gefühlsmäßig stark mitnehmen. Auf die große Freude über ihre Heirat folgt die Enttäuschung durch die Entlassung ihres Manns, bald darauf ist sie Stolz über den Fortschritt ihrer Arbeit verbunden mit Nervosität vor den ersten Interviews mit den Straftätern. In den Flitterwochen versucht sie ihre Tiefenangst zu überwinden und genießt in vollen Zügen die bevorzugte Behandlung im Hotel und die Idylle. Ihre Gefühle fahren also Achterbahn.

Die Autorin verliert sich bei ihren Schilderungen in vielen Einzelheiten, die gelegentlich die Handlung ausbremsen, manchmal aber, wie im Fall des Aufenthalts auf Bora Bora, zum Träumen einladen oder, wie bei den Schilderungen der Dreharbeiten, inhaltlich interessant waren. Die Geschichte verläuft weitestgehend unblutig. Dem Ende fehlte ein wenig die Würze, weil es vorhersehbar ist.

Catherine Steadman ist ein gut konstruierter Thriller mit unterschwelliger Spannung über ein Beziehungs-Drama gelungen. Das Buch ist unterhaltsam und lesenswert trotz kleinerer Schwächen, darum spreche ich gerne eine Leseempfehlung aus. 

Sonntag, 4. August 2019

Rezension: Radio Activity von Karin Kalisa


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Radio Activity
Autorin: Karin Kalisa
Erscheinungsdatum: 18.07.2019
Verlag: C.H. Beck (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag (Leseexemplar)
ISBN: 9783406740930
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„On“ heißt das erste der drei Kapitel des Romans „Radio Activity“ von Karin Kalisa. „On Air“ trifft es noch besser, denn bereits auf der ersten Seite konnte ich verfolgen, wie Holly Gomighty alias Nora Tewes ihre erste Radiosendung beim neuen Sender „Tee und Teer“ moderiert. In Rückblicken erfuhr ich in diesem ersten Teil des Buchs, wie Nora gemeinsam mit zwei Jugendfreunden den Sender gründet. Vorher war Nora, 25 Jahre alt, Teil eines Ballettensembles in New York. Als ihre Mutter im Sterben liegt, kündigt sie ihre Arbeit und kehrt in ihre Heimat im Norden Deutschlands zurück, um ihre Mutter zu pflegen. Die Geschichte rund um die Gründung schreitet zügig voran. Das Team des neuen Senders hat einige kreative Ideen zur Programmgestaltung, unter anderem ein Quiz, welches wie beim Geocachen zu bestimmten Orten hinführt. Doch dann nutzt Nora ihre Sendung dazu, die Zuhörer auf ein längst verjährtes Verbrechen aufmerksam zu machen und sie zum Täter zu führen. Wie Radioaktivität soll ihre Nachricht unsichtbar sein, aber mit durchdringenden, bleibenden Folgen.

Im Kapitel „Stay“ steht für eine Weile die Zeit scheinbar still, denn als Leser verharrte ich an der Seite von Nora am Sterbebett ihrer Mutter, die Nora ein für schwer fassbares Geständnis macht. Auf diese Weise konnte ich alles über die Hintergründe von Noras Aktion und ihr waghalsiges Vorgehen erfahren. Im letzten Kapitel, „Off“ betitelt, konnte ich dann erfahren, wie die von Nora initiierte Aktion weiter verläuft.

Karin Kalisa erzählt detailgenau und intensiv. Ihren Figuren gibt sie einen interessanten Hintergrund, so versammeln sich einige Lebenswege mit Hochs und Tiefs in diesem Buch. Obwohl Nora sich ihre Karriere beim Ballett vorgestellt hat, bleibt sie doch der Heimat verbunden. Immer deutlicher spürt sie einen Sinn nach Veränderung und kann sich ihre zunehmenden Fehler beim Tanz doch zunächst nicht erklären. Der kurzfristig gewählte Weg nach Hause ist eine logische Folge für sie aus den aktuellen Ereignissen.

Nach dem Bekenntnis ihrer Mutter reift in Nora ein Plan, dessen Umsetzung die Autorin auf glaubhafte Art und Weise schildert. Immer wieder wird die Wut in Nora aufgrund des für sie Unglaublichen spürbar. Sie fühlt die tiefe Verletzung ihrer Mutter, die diese über Jahre in sich getragen hat. Aus der dadurch resultieren Hilfslosigkeit von Nora werden bald Rachegedanken. Durch das Ziel, dass sie sich gesetzt hat, versucht sie ihre Gefühle zu kanalisieren. Ihr Vorgehen wird zu einer gesellschaftspolitischen Angelegenheit, in die der Rechtsreferendar Simon eine tragende Rolle spielt und für Nora in mehrfacher Hinsicht zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Davon ausgehend, dass die Autorin genau recherchiert hat, eröffnete sie mir in diesem Roman ein Stück aktueller Rechtsgeschichte, das empörend ist und der allgemeinen Wahrnehmung nach wohl von den meisten als ungerecht empfunden wird. Ich war fasziniert darüber, wie die Autorin die Handlung fortführt.

„Radio Actity“ berührt ein wichtiges Thema, das in unserer Gesellschaft oft tabuisiert wird. Die Kraft der Protagonistin, ihre Handlungen ganz auf Gerechtigkeit auszurichten, die von Freundschaft und Beherztheit getragen wird, ist bewundernswert und berührend. Karin Kalisa erzählt mit viel Esprit und guten Ideen. Beim Lesen war ich tief betroffen und werde die Geschichte in Erinnerung behalten. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

Dienstag, 30. Juli 2019

Rezension: Kein Sturm, nur Wetter von Judith Kuckart


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Kein Sturm, nur Wetter
Autorin: Judith Kuckart
Erscheinungsdatum: 12.07.2019
Verlag: Dumont (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN. 9783832183868
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Der Roman „Kein Sturm, nur Wetter“ von Judith Kuckart beginnt handlungsmäßig am Flughafen Tegel und endet dort auch. Auf den dazwischenliegenden Seiten wurde meine Aufmerksamkeit gefordert, die zu einigen Déjà-Vues führte, denn im Lesefluss fielen mir immer wieder Handlungsschnipsel auf, die mir bekannt vorkamen, die so oder so ähnlich vorher schon eiinmal eine Situation beschrieben. Die namenlose Protagonistin misst den wiederkehrenden Szenen einiges an Bedeutung bei und glaubt auch eine Kontinuität im Zeitabstand zu sehen, in dem sie zu einer festen Beziehung findet. Sie war 18 Jahre, dann 36 Jahre alt, als sie mit Viktor beziehungsweise Johann zusammenkam. Jetzt ist sie 54 Jahre alt, Zeit also, dass sie wieder dem passenden Partner begegnet?

Die Langeweile der Mietwohnung ihrer Kinder- und Jugendjahre verlässt sie kurz nach dem Abitur und hofft mit dem Abschluss eines Studiums der Medizin in der Hauptstadt auf eine abgesicherte Zukunft. Schon bald begegnet sie hier dem doppelt so alten Viktor. Er gibt ihr die Zärtlichkeiten, nach denen sie sich als junge Frau sehnt. Beide gewähren sich gewisse Freiheiten bis zum Rand der Akzeptanz. Mit 36 Jahren lernt sie als Single den gleichaltrigen Johann kennen. Seine Karriere scheint, wie ihre eigene, nicht in Schwung zu kommen. Sie folgt ihm auf seinen beruflichen Stationen in verschiedenen Städten und verliert sich dabei ein Stück selbst. Zu Beginn des Romans wohnt sie seit mehreren Jahren wieder in der Hauptstadt und genießt ihren Sonntag in der Abflughalle. Hier lernt sie bei einem kurzen Gespräch Robert Sturm kennen, der für eine Woche nach Moskau fliegt. Als Leser begleitete ich die Protagonistin in dieser Zeit, in Ihrer Erwartung, ihn dort wieder zu treffen.

Als promovierte Neurologin, die hauptsächlich verwaltend an einem zum Fach gehörenden Institut arbeitet, fühlt sie sich nicht gefordert. Dennoch gibt ihr die Stelle genügend Kontinuität und ein gesichertes Einkommen. Mit Gefühlen hat sie sich wissenschaftlich beschäftigt und fragt sich, ob deren Auftreten sich allein nur durch neurophysiologische Vorgänge erklären lassen. Sie grübelt über die Worte ihrer Vorgesetzten, die Ereignisse in der Gegenwart stets im Geschehen der Vergangenheit begründet sieht.

In der Woche, in der die Protagonistin auf Robert wartet, gleiten ihre Gedanken immer wieder in die Vergangenheit, zum Beginn ihrer Beziehungen und zu deren Ende. Ihr Wunsch danach, dass es auch jetzt nochmal geschehen wird, ist spürbar. Für mich als Leser ergab sich aus den einzelnen Versatzstücken ihrer Gedanken mit und mit, das Leben einer wenig beachteten, bewusst im Schatten anderer stehenden intelligenten Frau, die immer noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben ist, den sie gemeinsam mit einem Partner einnehmen möchte. Sie beansprucht für sich, in ihrer Unsichtbarkeit, in ihrem Innersten ganz tief jemand anderen zu lieben und idealerweise Erwiderung darauf zu finden. Dabei wünscht sie sich auch Vertrauen und ein sicherer Rückhalt in allen Lebenslagen.

Bewusst lässt Judith Kuckart ihre Hauptfigur ohne Namen, so kann sie in vielen Menschen wiedergefunden werden oder sich selbst darin finden. Unwillkürlich begann ich darüber nachzudenken, ob sich auch in meinem Leben Parallelen finden, wie sie die Protagonistin für sich entdeckt. Die Frage wirft sich auf, ob sich gewisse Situationen durch eigenes Einwirken erzwingen lassen. Der Charakter der Neurologin passt sehr gut zum Schreibstil der Autorin, der weniger leidenschaftlich, aber dennoch einfühlsam und bewegend ist. In den Handlungen, die in der Vergangenheit spielen sind die Figuren abwechslungsreich gestaltet und sorgen für einige unerwartete Wendungen. Für die promovierte, an bestimmten Erfahrungen reiche Namenlose bleibt die Hoffnung, dass Krisen sie nicht gleich vom Weg abbringen werden und sie die Erfüllung ihrer Wünsche finden wird. Den Roman empfehle ich gerne an anspruchsvollere Leser weiter.

Samstag, 27. Juli 2019

[Rezension] Die Spiegelreisende: Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast - Christelle Dabos


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Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast
Autorin: Christelle Dabos
Übersetzerin: Amelie Thoma
Hardcover: 613 Seiten
Erschienen am 27. Juli 2019
Verlag: Insel Verlag
Link zur Buchseite des Verlags

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Orphelias Identität als Thorns Verlobte ist am Hof von Faruk enthüllt. Jetzt muss sie den Familiengeist dazu bewegen, sie unter seinen Schutz zu stellen, damit sie bis zur Hochzeit überlebt. Denn am Hof gibt es zahlreiche Personen, die ihr nach dem Leben trachten und von denen eine gerade erst Thorns gesamte Familie bis auf seine Tante Berenilde ausgelöscht hat. Auf ihren Vorschlag, sich mit der Eröffnung eines Museums nützlich zu machen, ernennt Faruk sie jedoch zur Vize-Erzählerin des Hofes - eine Position, die der leisen Orphelia abwegig erscheint. Doch sie hat keine Wahl und muss Faruk und dem Hof etwas bieten, um in Sicherheit zu sein. Der Hochzeitstermin rückt unterdessen näher und Thorn lässt sich kaum blicken, während ihre Familie sich angekündigt hat. Die Lage spitzt sich weiter zu, als Orphelia Drohbriefe erhält und andere Personen am Hof, die ähnliche Schreiben erhalten haben, spurlos verschwinden.

Die Handlung dieses zweiten Bandes führt die Ereignisse des Vorgängers nahtlos weiter. Orphelia befindet sich gemeinsam mit ihrer Tante Roseline und Thorns Tante Berenilde, die ein Kind von Faruk erwartet, auf dem Weg zu einer Audienz beim Familiengeist. Sie benötigen den Schutz von Faruk dringend, um nicht aus Neid oder strategischen Überlegungen hinterrücks ermordet zu werden.

Im ersten Band habe ich den Familiengeist Faruk zwar schon kennengelernt, doch erst jetzt erfährt man mehr über ihn. Er ist extrem vergesslich, weshalb er stets von einem Gedächtnishelfer begleitet wird und die Dinge entscheidend sind, die er sich in sein Merkheft notiert. In dieses schreibt er auch den Preis, den er Orphelia für den gewährten Schutz nennt: Sie soll als Vize-Erzählerin in Aktion treten. Eine echte Herausforderung für die zurückhaltende Persönlichkeit, die ihre Stimme nicht gern erhebt.

Orphelias Bewegungsfreiheit ist nun nicht mehr so stark eingeschränkt, sodass ich an ihrer Seite den wundersamen Mondscheinpalast ausführlicher erkunden konnte. Die Autorin beschreibt diesen mit großer Kreativiät, an jeder Ecke wartet eine neue Überraschung. Bald wird es jedoch wieder ernst für die Spiegelreisende, denn ihr Auftritt im Theater steht an und Botschafter Archibald kontaktiert sie, weil einer seiner Gäste spurlos verschwunden ist.

Die Frage nach dem Verbleib der Verschwundenen ist ein spannender Handlungsstrang, welcher der Geschichte einen guten Rahmen gibt. In der Zwischenzeit dreht sich die Handlung um zahlreiche Fragen, auf die man stückweise Antworten erhält und durch die ein gutes Tempo erhalten bleibt: Können Orphelia und Berenilde ihre Plätze am Hof verteidigen? Warum ist Faruk so besessen von seinem Buch? Welche geheime Agenda verfolgt Thorn? Und wie wird Orphelias Familie auf das Leben am Pol reagieren? Es gab viele unterhaltsame und schöne Momente, aber auch Rückschläge, die mich um die liebgewonnenen Charakteren bangen ließen. Diese Sorge stellt sich als berechtigt heraus, denn die Autorin ist nicht zimperlich und auch diesmal müssen einige ihr Leben lassen.

Im zweiten Teil des Buches gibt es einen vorübergehenden Wechsel des Schauplatzes, der durch das Cover schon angedeutet wird. Dieser Tapetenwechsel hat der Geschichte gut getan und ich habe die Zeit außerhalb des Mondscheinpalastes genossen. Was zuerst wie eine Verschnaufpause wirkt führt bald ganz neuen Herausforderungen, und schließlich holt das bisher Erlebte die Charaktere schnell wieder ein. Zum Ende hin wird es richtig brenzlig und ich konnte das Buch kaum mehr aus der Hand legen. Es gibt so manchen Aha-Moment und zahlreiche Antworten werden geliefert, die zum Teil aber auch neue Fragen aufwerfen. Im Gegensatz zum ersten Band ist das Ende recht abgeschlossen, doch die offenen Fragen wecken schon jetzt meine Vorfreude auf den nächsten Band. Mir hat dieser zweite Band deutlich besser gefallen als sein Vorgänger.

Insgesamt ist „Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast“ ein lebhaft erzähltes Fantasy-Abenteuer mit einem intriganten Hof, schillernden und gefährlichen Illusionen, mysteriösen Charakteren und einer sympathischen Protagonistin.

Mittwoch, 24. Juli 2019

Rezension: Aber Töchter sind wir für immer von Christiane Wünsche


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Aber Töchter sind wir für immer
Autorin: Christiane Wünsche
Erscheinungsdatum: 24.07.2019
Verlag: Krüger (Imprint von S.Fischer) (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783810530714
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Im Roman „Töchter sind wir für immer“ nahm Christiane Wünsche mich mit nach Büttgen, einer Ortschaft am Niederrhein, die zur Stadt Kaarst gehört. Weil ich nur etwas mehr als 30 km davon entfernt ebenfalls am Niederrhein wohne, fühlte ich mich hier gleich heimisch. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Familie Franzen mit ihren vier Töchtern, die im Bahnwärterhäuschen unmittelbar an den Schienen der S-Bahn zwischen Mönchengladbach und Düsseldorf lebt, etwas außerhalb des Dorfs. Die Apfelblüten und der Apfel, die das Cover des Buchs zieren, stehen als Symbol für den Apfelbaum im Garten der Familie. Hier findet Johanna, die älteste der Töchter, in jüngeren Jahren einen Zufluchtsort. Er ist aber auch Zeuge für eine Handlung, die viel zu lange unausgesprochen bleibt und verheimlicht wird.

Johanna, Heike und Britta kehren zum bevorstehenden 80. Geburtstag ihres Vaters nach Hause zurück. Zu dritt kommen sie selten im Elternhaus zusammen, was nicht nur daran liegt, dass Johanna in Berlin lebt, sondern auch weil sie grundverschieden sind. In der vorderen Klappe findet sich ein kleiner Stammbaum, in dem vier Töchter des Ehepaars Franzen aufgeführt sind. Dort steht hinter dem Namen der Tochter Hermine das Jahr ihrer Geburt sowie das ihres Todes. Damit war meine Neugier von Beginn an geweckt, denn ich wollte erfahren, warum sie mit 22 Jahren verstorben ist.

Christiane Wünsche lässt Britta in der heutigen Zeit von den aktuellen Planungen zu den Festivitäten rund um den Geburtstag ihres Vaters in der Ich-Form erzählen. Britta ist die mit großem Altersabstand zu den Schwestern jüngste der Töchter, inzwischen 28 Jahre alt und lebt als Reiseverkehrskauffrau in Düsseldorf. Unterschwellig ist von Beginn an ein Unbehagen in der Familie zu spüren. Nicht nur, dass Britta aufgrund ihres Alters viele angesprochene vergangene Erlebnisse in der Familiengeschichte nicht zu teilen vermag, sondern auch die Rivalitäten zwischen den Geschwistern aus der Kinder- und Jugendzeit sowie ihr Verhältnis zu den Eltern scheinen immer noch präsent.

Geschickt blendet die Autorin zwischen den Kapiteln, die in der Gegenwart spielen, auf die Vergangenheit der einzelnen Mitglieder der Familie, nicht nur bis zur Geburt der einzelnen Kinder, sondern auch bis zur Kindheit von Vater Hans und Mutter Christa. Der Rückblick reicht zurück bis in die 1930er Jahre. Christiane Wünsche nähert sich bedeutsamen Geschehnissen in der Familie von mehreren Seiten ohne darauf zu verharren. Dadurch konnte ich mir selbst eine Meinung dazu bilden, wer welchen Anteil hat an Verrat, Missgunst, Hass, Unrecht, Liebe und Freude, die wie in jeder Familie auch bei den Franzens anzutreffen sind. Das Geheimnis rund um die Krankheit und den Tod von Hermine öffnete sich für mich Schritt um Schritt. In der drittältesten Tochter der Franzens begegnete mir eine hochsensible Persönlichkeit, die über mehr wie fünf Sinne verfügt.

Desto tiefer ich in die Vergangenheit blicken konnte, desto mehr wurde mir deutlich, warum die jeweilige Figur sich entsprechend so entwickelt hat, wie sie in der Gegenwart dargestellt wird. Dazu beigetragen hat auch die Einflechtung von weltpolitisch bedeutsamen Ereignissen und Entwicklungen. Angesagte Filme, Musik und Bücher sind ebenfalls gelegentlich erwähnt. Bis auf wenige Einwürfe im Dialekt weist die Autorin nur darauf hin, dass dieser früher in der Familie gesprochen wurde. Der Lesefluss bleibt daher ungebrochen.

Im Roman „Aber Töchter sind wir für immer“ von Christiane Wünsche wurden durch die mit mir etwa gleichaltrigen Töchter Johanna und Heike, die wie ich am Niederrhein aufwuchsen, Erinnerungen bei mir wach an meine eigene Kindheit und Jugend. Ich empfand die Beschreibungen als authentisch und übereinstimmend mit meinen eigenen Erinnerungen. Die Autorin zeigt, dass trotz unterschiedlicher Meinungen und der daraus resultierenden Differenzen die Bande, die eine Familie zusammenhält, sehr stark sind und der Ort an dem man aufgewachsen ist, seinen besonderen Reiz durch die beinhalteten Erinnerungen hat und man dadurch untrennbar mit ihm verbunden ist. Der Roman hat mich bewegt und wird mir in Erinnerung bleiben. Gleichzeitig hat er mich sehr gut unterhalten, daher empfehle ich ihn gerne weiter. 

Sonntag, 21. Juli 2019

Rezension: Die Stille des Todes von Eva García Sáenz


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Stille des Todes
Autorin: Eva García Sáenz
Übersetzerin: Alice Jakubeit
Erscheinungsdatum: 26.06.2019
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783651025882
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Das Buch „Die Stille des Todes“ ist der erste Teil der „Trilogie der Weißen Stadt“ der Spanierin Eva García Sáenz. Haupthandlungsort im Thriller ist Vitoria, die Hauptstadt des Baskenlands. Die Ermittlungen übernimmt Inspector Unai López de Ayala gemeinsam mit seiner Kollegin Inspectora Estíbaliz Ruiz de Gauna. Seit seiner Jugend hat Ayala den Spitznamen „Kraken“, vielleicht weil es bei ihm schwierig ist, wie bei den gleichnamigen Tieren,, etwas über ihn zu erfahren. Als Leser blieb ich an seiner Seite, denn er erzählt die Ereignisse in der Ich-Form im Rückblick. Allerdings unterbricht ein weiterer Handlungsstrang, der zu Beginn der 1970er Jahre spielt, das in zeitlicher Reihenfolge ablaufende Geschehen. Eine Ausnahme dazu bildet der Prolog, in dem Ayala kurz ein Statement zu den vorigen erfolgten Ermittlungen abgibt. Das Erschreckende daran war für mich, dass er von einem Schuss des Mörders auf ihn erzählt. Spannender konnte der Einstig kaum sein, denn nun wollte ich natürlich wissen, ob der Mörder gestellt werden konnte und Ayala überlebt hat. Ich mag Bücher mit Ich-Erzähler, die rückblickend aus dem Jenseits erzählen, nicht. Wird der Thriller wieder in diese Kategorie fallen? fragte ich mich daher nach der Einleitung.

Vitoria wurde vor zwanzig Jahren von einer Serie von Morden erschüttert. Erst waren es ein neugeborenes Mädchen und ein neugeborener Junge, dann zwei Fünfjährige, des Weiteren ein zehn Jahre altes Pärchen und schließlich ein Fünfzehnjähriger und eine Fünfzehnjährige, die ermordet, entkleidet und auf besondere Weise arrangiert an jeweils einem historischen Ort in der Stadt aufgefunden wurden. Der Täter wurde damals gefasst, doch das Prekäre war, dass es sich dabei um einen aus dem Fernsehen bekannten Archäologen handelte der von seinem eineiigen Zwilling, einem Polizeiinspektor, verhaftet wurde. Jetzt werden Ayala und Gauna an einen Tatort gerufen, bei dem alles an die damalige Mordserie erinnert. Die beiden Opfer sind zwanzig Jahre alt, was an den Altersabstand der früheren Tötungen anknüpft. Aber der Mörder sitzt noch im Gefängnis, soll allerdings in zwei Wochen entlassen werden. Wurde er unschuldig verurteilt oder ist es möglich, dass er aus der Haft heraus die Taten veranlasst? Die Ermittler stehen vor einem Rätsel und die Zeit drängt, denn die 25-jährigen der Stadt geraten in Panik, diesmal auf der Liste des Täters zu stehen …

Die Autorin legt von Beginn an die Spannungslatte sehr hoch. Ich habe mitgerätselt und darauf gehofft, dass sich die Morde schnell klären lassen, obwohl mir das schon aufgrund der über 500 Seiten schlichtweg nicht möglich erschien. Im Einschub von Kapiteln mit der Einflechtung von Geschehnissen in den 1970ern erfuhr ich mehr über die Mutter der eineiigen Zwillinge und hoffte darauf, dadurch einen Erkenntnisvorsprung gegenüber den Ermittlern zu erhalten. Eva Garciá Sáenz lässt ein um die andere Wendung in ihre Geschichte einfließen. Mit den beiden Inspektoren schafft sie ganz unterschiedliche Charaktere über deren Privatleben ich zunehmend mehr erfuhr. Oftmals denken die beiden in unterschiedlichen Richtungen, was zu konstruktiven Auseinandersetzungen untereinander führt. Zwar ist die Suche nach Indizien kleinteilig, aber nie langweilig. Die Inspektoren gehen gelegentlich ihren eigenen Vermutungen nach. Durch ihre längere Zusammenarbeit lässt sich dabei das Vertrauen in die Fähigkeiten des anderen spüren.

Die Autorin beschreibt die Leichenfunde so, dass ich mir die Szene gut vorstellen konnte. Bei den Ermittlungen fließt wenig Blut, der Fokus liegt eindeutig auf der Suche nach Indizien. Nicht nur die Fundorte, sondern die gesamte Erzählung ist eingebunden in die Historie der Stadt Vitoria und ihrer Umgebung zu der Eva Garcia Saenz einiges zu erzählen hat. Außerdem lässt sie die Morde im Juli und August geschehen, in einer Zeit in der wichtige Festivität in der Stadt stattfinden. Trotz des Grausens aufgrund der Verbrechen bekam ich Lust dazu, die Region im Baskenland bei Gelegenheit zu besuchen. Einen kleinen Eindruck gewinnt man vom Cover des Buchs, das den Weg vom Markt zur Kirche San Vicente Martir zeigt. Dabei blitzt im Hintergrund der Glockenturm der Kirche San Miguel Arcangel heraus, einem Ort der im Buch eine Rolle spielt.

Der Thriller „Die Stille des Todes“ von Eva Garcia Sáenz konnte mich von Beginn an begeistern. Aufgrund zahlreicher unerwarteter Wendungen, gut ausformulierter Charaktere und einer fein abgestimmten Konstruktion ist der Thriller fesselnd bis zum Schluss. Ich freue mich darüber, dass es noch zwei weitere Fälle für das Ermittlerpaar Inspector Unai López de Ayala und Inspectora Estíbaliz Ruiz de Gauna sowie ihren Kollegen vom Kommissariat im baskischen Vitoria gibt, die bald in deutscher Sprach erscheinen werden. Klare Leseempfehung an Thrillerfans!

Mittwoch, 17. Juli 2019

Rezension: Aufbruch in ein neues Leben von Linda Winterberg


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Aufbruch in ein neues Leben - Die Hebammen-Saga Teil 1 von 3
Autorin: Linda Winterberg
Erscheinungsdatum: 12.07.2019
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783746635460
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Der Roman „Aufbruch in ein neues Leben“ ist der Auftakt einer Hebammen-Saga von Linda Winterberg, die als Trilogie angelegt ist. Im Mittelpunkt des Romans stehen die drei junge Frauen Margot, Luise und Edith, die sich in der Mitte des Jahres 1917 dazu entschlossen haben, eine
18-monatige Ausbildung zur Hebamme an der neuen Frauenklinik in Neukölln bei Berlin zu absolvieren. Alle drei hoffen darauf, mit dem Abschluss in einem Beruf finanzielle und wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erreichen.

Die drei Protagonistinnen kommen aus ganz unterschiedlichen Lebensverhältnissen. Während Helen mit ihrer Familie im vierten Hinterhof in einer kleinen Wohnung lebte, ist Edith im wohlsituierten Haushalt eines Bankiers aufgewachsen. Luise kommt aus Ostpreußen und wurde dort von ihrer Oma, einer Hebamme, aufgezogen, weil ihre Eltern früh verstorben sind. Der größte Wunsch der drei ist es, jedem neuen Erdenbürgen einen möglichst guten Start ins Leben zu ermöglichen und ihn und seine Mutter auch in den folgenden Wochen zu begleiten. Doch der Erste Weltkrieg dauert an. Viele Kinder verlieren noch vor ihrer Geburt ihren Vater an der Front. Krankheiten treten verstärkt auf und Lebensmittel sind immer schlechter zu erhalten. Hinzu kommen persönliche Schicksalsschläge der drei jungen Frauen, die als Freundinnen zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen.

Linda Winterberg ließ mich Einblick nehmen in eine schwierige Zeit der Gesellschaft 1917/1918. Während die einen noch auf einen Sieg Deutschlands hoffen, nimmt der Anteil der Bevölkerung, die sich einfach nur nach Frieden sehen, beständig zu. Trotz der widrigen Umstände fand ich es bemerkenswert, dass in Neukölln eine neue Frauenklinik eröffnet hat. Dieser Teil der Geschichte ist eine wahre Begebenheit, so wie die Autorin viele historische Ereignisse der damaligen Zeit in ihre Erzählung einflechtet. Abwechslungsreich wird ihr Roman vor allem durch die unterschiedliche Herkunft der Protagonistinnen, weil dadurch ein Einblick in verschiedene gesellschaftliche Verhältnisse möglich ist.

Das Buch lässt sich einfach und zügig lesen. Durch unerwartete Wendungen bleibt es durchgehend unterhaltsam. Der Fokus liegt auf den Geburten, deren Ablauf selbstverständlich in allen Gesellschaftsschichten gleich ist. Mehrfach wird eine Frau im direkten Umfeld der drei jungen Frauen schwanger oder sie sind zufällig in der Nähe, wenn eine Geburt ansteht. Sie wurden mir auf ihre je eigene Art sympathisch und ich bangte mit ihnen, wenn sie von Not und Leid getroffen wurden.

„Aufbruch in ein neues Leben“ von Linda Winterberg erzählt nicht nur von der Ausbildung dreier junger Frauen zur Hebamme in den Jahren 1917/1918, sondern bindet auch die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Zeit des Ersten Weltkriegs mit ein. Glück, Erfolg und Liebe einerseits, aber andererseits auch Verlust, Leid und Armut bewegten nicht nur die Protagonistinnen, sondern auch mich als Leser. Ich bin gespannt darauf, welche Entwicklung die jungen Frauen in der Fortsetzung nehmen werden.

Sonntag, 14. Juli 2019

Rezension: Hier sind Löwen von Katerina Poladjan


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Hier sind Löwen
Autorin: Katerina Poladjan
Erscheinungsdatum: 26.06.2019
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783103973815
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„Hic sunt leones“ (lat.), ins Deutsche übersetzt „Hier sind Löwen“ wurde früher von den Römern auf die Bereiche einer Landkarte geschrieben, die außerhalb des römischen Reiches lagen. Dort war für sie unbekanntes Gebiet auf dem ihre Gesetze keine Geltung hatten und der Aufenthalt risikoreich war. „Hier sind Löwen“ heißt auch Katerina Poladjans Roman, in dem sie von Helene Mazavian erzählt, einer deutschen Buchrestauratorin die beruflich nach Jerewan fliegt, der Hauptstadt Armeniens. Für Helene ist es eine Reise entsprechend des Titels ins Neuland. Eigentlich freut sie sich nur darauf, weitere Kenntnisse und Fertigkeiten im Job zu erlangen, doch für sie führt die Fahrt auch zu ihren familiären Wurzeln und in die Vergangenheit Armeniens.

Ihr Vor- und Nachname ist Helene bisher nicht wichtig gewesen. Von Freunden wird sie Helen gerufen, von ihrer Mutter Lena, mit den Abwandlungen ihres Namens hat sie in Kinderjahren gespielt. Ihren Nachnamen hat sie von ihrer Mutter, die armenischer Abstammung ist. Aufgrund seiner Phonetik fällt er in Deutschland auf. Bei ihrer Ankunft in Jerewan reiht sich ihr Name in den Klang der Sprache ein, was bei ihr ein gutes Gefühl auslöst. In den Werkstätten des zentralen Archivs für armenische Handschriften kommt ihr die Aufgabe zu, ein Evangeliar aus dem 18. Jahrhundert zu restaurieren. Bei diesem Erzählstrang lässt Katarina Poladjan ihre profunden Kenntnisse über Buchbinderei immer wieder einfließen. Helen versieht ihre Arbeit mit Achtung gegenüber dem Buch. Zwar versteht sie kein Armenisch, doch die Ausgestaltung des Textes zieht sie immer mehr in ihren Bann. In Helens Gedanken entsteht eine Geschichte um ein armenisches Geschwisterpaar in der Zeit der Massaker und Todesmärsche des Jahres 1915, die das Buch auf ihrer Flucht im Gepäck haben.

Helen ist die Tochter einer Künstlerin. Als sie noch ein Kind war, hat ihre Mutter ihre Spielsachen in ihre Kunst eingearbeitet und so versucht, ihren Bildern mehr Tiefe zu geben und sie zum Betrachter sprechen zu lassen. Helen nimmt diesen Spirit mit in ihre eigene Arbeit. Mit dem Restaurationsgegenstand in ihren Händen formen sich Bilder in ihrem Kopf über dessen Gebrauch und Nutzen. Durch eine Randnotiz im Evangeliar verbindet die Autorin die Zeitebene der Gegenwart mit derjenigen der Vergangenheit. In eingeschobenen Kapiteln erzählt sie in bewegender Weise von der Flucht des armenischen Jungen Hrant, der erst sieben Jahre alt ist, und seiner einige Jahre älteren Schwester Anahid, die die einzig Überlebenden ihrer Familie sind. Bei ihrer Flucht vor Deportationen haben sie das Buch im Gepäck.

Von ihrer Mutter hat Helen ein Familienbild aus den 1950ern vor der Reise erhalten mit dem Wunsch, nach den darauf abgelichteten Verwandten zu suchen. Statt sich nur dem Erlernen der besonderen armenischen Buchbindekunst zu widmen, beginnt sie aufgrund des Bilds und des Evangeliars, sich für die Geschichte des Landes zu interessieren. Immer stärker wird ihr bewusst, welches Leid die Bewohner im vergangenen Jahrhundert erfahren haben, das bis heute nachhallt. Spätestens jetzt interessierte ich mich für die Geschichte Armeniens und warum die Armenier in großer Zahl verfolgt, ausgewiesen und getötet wurden.

In Armenien erlebt Helen so viel Neues, Ungewohntes, dass sogar ihr Lebensgefährte in Deutschland für sie in den Hintergrund tritt. Ihre Neugier treibt sie dazu, Grenzen auszuloten und sich auf Unbekanntes einzulassen. Die Autorin schaffte es, die Empfindungen ihrer Protagonistin an mich zu übermitteln. Nicht nur durch das Fremde ist Helen von einer Unruhe ergriffen, sondern auch von den Gefühlen zu einem Mann, über deren Tiefe sie sich nicht im Klaren ist und die für sie nicht vergleichbar sind. Deutlich spürte ich den Zwiespalt in ihr, die richtigen Entscheidungen in Bezug auf ihre Zukunft zu treffen.

Katerina Poladjan nahm mich in ihrem Roman „Hier sind Löwen“ mit nach Armenien. Ihre Protagonistin und Ich-Erzählerin Helen entwickelt sich durch das Erlernen einer neuen Bindetechnik eines Buchs nicht nur beruflich weiter, sondern nähert sich durch die Beschäftigung mit Land und Leuten auch ihren eigenen Wurzeln. Durch die Begegnung mit der Fremde und dem Vergleich mit ihren bisherigen Wertvorstellungen erfährt sie mehr über sich selbst. Die Schilderungen der Autorin berührten mich und von den Erlebnissen des armenischen Geschwisterpaars in der Nebenhandlung war ich erschütternt. Gerne bin ich an der Seite Helens in die Geschichte Armeniens eingetaucht und empfehle daher den Roman weiter.

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