Freitag, 11. Februar 2022

Rezension: Mrs Potts' Mordclub und der tote Nachbar von Robert Thorogood

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Mrs Potts' Mordclub und der tote Nachbar
Autor: Robert Thorogood
Übersetzer aus dem Englischen: Ingo Herke
Erscheinungsdatum: 10.02.2021
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783462001983

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Das Buch „Mrs Potts‘ Mordclub und der tote Nachbar“ von Robert Thorogood ist der erste Band einer Kriminalserie bei der es sich drei sehr unterschiedliche Frauen aus dem englischen Marlow zur Aufgabe gemacht haben, Verbrechen aufzuklären. Zu diesem Zweck gründen sie einen Club. Im vorliegenden Roman erfuhr ich wie es dazu gekommen ist. Alles begann mit dem Mord an einem Nachbarn von Judith Potts, die zu den drei selbsternannten Ermittlerinnen gehört.

Judith ist 77 Jahre alt und schon seit langer Zeit verwitwet. Sie hat von ihrer verstorbenen Großtante Betty ein altes Herrenhaus geerbt, das direkt an der Themse liegt. Immer noch fertigt sie für überregionale Zeitungen Kreuzworträtsel an bei denen man um die Ecke denken muss. Um sich körperlich fit zu halten nimmt sie jeden Tag ein Bad im Fluss. Dabei hört sie eines Tages vom gegenüberliegenden Grundstück einen verstörenden Ausruf. Es lässt ihr keine Ruhe dem Gehörten nachzugehen und tatsächlich findet sie ihren Nachbarn Stefan tot auf.

Weil die Kriminalpolizei nicht an einen Mord glaubt, begibt Judith sich selbst auf Spurensuche. Bei ihren Ermittlungen trifft sie zunächst auf Becks Starling, die Frau des Pfarrers und später dann auf Suzie Harris, die den Hund eines späteren ermordeten Opfers ausführt. Es scheint zwischen den Verbrechen keine Zusammenhänge zu geben. Die Getöteten kannten sich nicht und ein Motiv ist nicht auszumachen. Lediglich die Art und Weise und ein jeweils am Tatort aufgefundenes Medaillon deuten auf eine Verbindung hin.

Robert Thorogood gewann meine Aufmerksamkeit von der ersten Seite an. Judith Potts hat als Figur einige Marotten zu bieten. Während Becks einen aufgeräumten Haushalt liebt in dem sie es versteht köstliche Gerichte zuzubereiten, bemisst Judith Mahlzeiten keinen großen Wert bei, trinkt zur Anregung ihres Denkvermögens gern einen Scotch und räumt nur selten im Haus auf. Im Leben von Suzie nehmen Hunde, die sie für andere betreut, eine große Rolle ein sowohl zeitlich gesehen wie auch räumlich. Allen gemeinsam ist der Sinn für Gerechtigkeit und die Neugier daran, warum und wieso in ihrer Heimatstadt Menschen ermordet werden.

Von Beginn an habe ich mitgerätselt wie die Taten miteinander verknüpft sein könnten. Dazu legte der Autor Fährten aus, von denen sich einige als falsch erwiesen. Lange schien es so, als ob die perfekten Untaten geschehen wären, die nicht aufzuklären sind. Teils erinnerte mich der Handlungsablauf an die Kriminalromane von Agatha Christie mit Miss Marple als Ermittlerin. Allerdings stellt Robert Thorogood seine Geschichte in einen modernen Rahmen, denn der Mordclub bedient sich bei seiner Arbeit gerne den Sozialen Medien.

Auf dem Cover des Buchs ist idyllisch eine Straße mit Häusern abgebildet wie sie in England vorzufinden sind. Ich stellte mir vor, dass in einem von ihnen Judith Potts lebt. Überhaupt vermittelte mir der Autor ein anschauliches Bild des real existierenden kleinen hübschen Städtchens Marlow, das westlich von London liegt. Die Beschreibungen reizten mich dazu, mehr über den Ort im Internet zu recherchieren.

Entsprechend einem klassischen Kriminalroman brachte Robert Thorogood mich mit seiner Erzählung „Mrs Potts‘ Mordclub und der tote Nachbar“ dazu an der Seite der drei charakterlich verschiedenen Ermittlerinnen das spannende Rätsel zu lösen, wer die beschriebenen Morde ausgeführt hat, welches Motiv dabei eine Rolle spielte und wie der Hergang der Taten war. Er führt die kriminelle Geschichte zu einem Höhepunkt an dem die Ermittlerinnen in große Gefahr geraten. Mich konnten die Figuren bis in die Nebenrollen hinein überzeugen und ich fühlte mich bestens unterhalten. Darum empfehle ich das Buch gerne an Krimilesende weiter und freue mich auf die Fortsetzung. 


Donnerstag, 10. Februar 2022

Rezension: Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße von Maxim Leo

 

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Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
Autor: Maxim Leo
Hardcover: 304 Seiten
Erschienen am 10. Februar 2022
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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Michael Hartungs berufliche Laufbahn ist nicht sonderlich beeindruckend: Seinen ersten Job bei der Bahn hat er wegen mangelnder Arbeitsdisziplin verloren und die nachfolgenden fielen jeweils dem technologischen Fortschritt zum Opfer. Dieses Schicksal scheint ihn bald erneut zu drohen, denn im Jahr 2019 kommt nicht mehr viel Kundschaft in seine Videothek und die Miete ist bereits überfällig.

Da erhält er Besuch vom Journalist Alexander Landmann, der einen Artikel über die Flucht am Bahnhof Friedrichstraße am 12. Juli 1983 veröffentlichen will. Ob Hartung derjenige ist, der die Weiche so gestellt hat, dass der Zug in den Westen fahren konnte? Und er dafür im Stasi-Gefängnis saß? Hartung reagiert zurückhaltend, doch die von Landmann gebotenen 2000 Euro benötigt er dringend. Er bestätigt Landmann, dass er die Weiche gestellt hat, allerdings aus Versehen. Und dass er im Gefängnis war, aber nur ereignislose vier Tage. In Landmanns Artikel wird er jedoch zum Held, der eine Flucht geplant und Folter überstanden hat. Bald kann er sich vor Interview-Anfragen kaum mehr retten. Hartung ist hin- und hergerissen: Soll er die Wahrheit erzählen oder Landmanns Story weiterspinnen?

Zu Beginn des Buches lernte ich Hartung kennen, der in seinem Leben wahrlich nicht viel Glück gehabt hat und dessen Videothek kurz vor dem Ruin steht. Dennoch reagiert er zurückhaltend, als Landmann ihm Geld für seine nicht sonderlich beeindruckende Geschichte bietet. Doch den final gebotenen 2000 Euro kann er nicht widerstehen. Dass er in Landmanns Artikel zum Helden glorifiziert wird überrascht ihn dann aber doch. Die Geschichte ist von Beginn an in einem lockeren, humorvollen Ton erzählt und es wurde mir nachvollziehbar gemacht, warum Hartung schließlich dem Druck von Landmann nachgibt und die erfundene Version der Ereignisse bestätigt.

Eins führt in dieser Geschichte zum anderen. Schnell begriff ich, dass Hartung, einmal als Held gefeiert, als diesem Lügengespinst nicht mehr so schnell wird ausbrechen können. Nur etwas warten, dann verliert die Öffentlichkeit das Interesse. Nur noch ein paar Interviews. Nur noch ein TV-Auftritt... Dabei wird Hartung, der zu Beginn die Wahrheit erzählen wollte, zunehmend instrumentalisiert. Es wird eine frische Story benötigt, die das Interesse am Mauerfall neu befeuert, und seine kommt gerade zur rechten Zeit. Hartung wird zum Spielball anderer, die viel zu verlieren haben und gänzlich über ihn bestimmen wollen.

Ich fand die Darstellung der Ereignisse unterhaltsam und wurde gleichzeitig ins Nachdenken gebracht, wie eine kleine Beschönigung der Ereignisse zu einem gigantischen Kartenhaus der Lügen werden kann, das jederzeit zusammenbrechen könnte. Natürlich ist es unweigerlich eine Frage der Zeit, bis die Geschichte aufzufliegen droht. Zu diesem Zeitpunkt steht für einige Menschen schon viel auf dem Spiel. Ich war gespannt, welchen Weg der Autor seine Figuren einschlagen lässt. Für mich ist der Abschluss gelungen, auch wenn nicht alles auserzählt wird.

Sehr gerne empfehle ich die Geschichte an Leser:innen weiter, die Lust auf eine humorvolle und gleichzeitig ins Nachdenken bringende Geschichte über einen unfreiwillig und unberechtigterweise ernannten Helden haben, der zunehmend Gefallen an der Lügengeschichte findet, die ein anderer für ihn erfunden hat.

Montag, 7. Februar 2022

Rezension: Grabesstern von Anne Mette Hancock

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Grabesstern
Autorin: Anne Mette Hancock
Übersetzer aus dem Dänischen: Karoline Hippe
Erscheinungsdatum: 26.01.2022
Verlag: Scherz (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Broschur mit gestalteten Klappen
ISBN: 9783651000957
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Der Thriller „Grabesstern“ der Dänin Anne Mette Hancock ist der dritte Band einer Serie, in der Kommissar Erik Schäfer von der Mordkommission Kopenhagen und die Investigativ-Journalistin Heloise Kaldan ermitteln. Für die Tageszeitung, bei der Heloise angestellt ist, recherchiert sie momentan zu einem Artikel über Sterbebegleitung. Um ihren Bericht authentisch zu gestalten, hat sie sich an eine Gruppe Sterbebegleiter gewendet, die sie im Fall Jan Fischhof nun unterstützt. Schon bald wird er zu den Sternen gehen.

Eines Tages äußert sich der Sterbenskranke ihr gegenüber mit rätselhaften Worten. Er scheint vor etwas Angst zu haben, das in seiner Vergangenheit begründet liegt. Ein Name fällt. Heloise setzt alle Hebel in Bewegung, um die Person zu finden, von der Jan gesprochen hat. Ihre Suche führt sie nach Jütland. Dort findet sie heraus, dass die genannte Person bei dem Brand eines Boots ums Leben gekommen ist.

Außerdem führt ihre Recherche sie zu einem mehr als zwanzig Jahre zurückliegenden Fall eines verschwundenen Mädchens. Doch bei Befragungen im Umfeld des Mädchens trifft Heloise in bestimmten Punkten auf eine Mauer des Schweigens. Lange rätselt sie, welche Rolle Jan im Entführungsfall spielt.

Heloise wendet sich an Erik Schäfer, um an kritische Daten zu kommen. Nur widerwillig folgt er ihrer Anfrage und bittet einen alten Bekannten um Hilfe. Der bevorstehende Tod von Jan Fischhof lässt Heloise unter Zeitdruck stehen. Die Aufklärung der Taten, denen die Journalistin nachgeht, eilt daher nur in Bezug darauf, ob Jan zu den Ermittlungen beitragen kann, denn sie liegen schon sehr lange zurück. Zwar erinnern die in Jütland Befragten sich noch ganz gut an die damaligen Geschehnisse, die betroffenen Familien haben auch weiterhin ein Interesse an der Aufklärung, aber allgemein hat man sich mit der Lage abgefunden. Heloise trifft auf Erstaunen darüber, dass jemand Erkundungen zu dem alten Fall anstellt.

Es gelingt Anne Mette Hancock wieder ein spannender Aufbau mit unterschwelliger Spannung von Beginn an. Auch diesmal konnte ich am Privatleben der beiden Protagonisten, bei dem Heloise eine frühere Liebe wiedertrifft, teilhaben. Die Autorin deutet immer wieder gefühlsmäßige Verletzungen an, die die Journalistin früher erfahren hat und über die ich in den ersten beiden Teilen lesen konnte. Es ist angenehm von der vertrauensvollen, von Respekt geprägten Zusammenarbeit des Ermittlergespanns zu lesen.

Anne Mette Hancock führt die Ermittlungen zu einer unverhofften Wende am Schluss, die mich zwar überrascht, aber auch verwundert hat. Heloise hat anscheinend aus einem alten Foto nicht das jetzige Aussehen der Person ableiten können. Ich finde es außerdem eher unwahrscheinlich, dass der tiefe Biss eines aggressiven Hunds nach der erfolgten Schilderung mit schwerem Schaden keine weiteren Auswirkungen auf die Bewegungsfähigkeit des Angegriffenen haben soll, was ich schon aufgrund einer Attacke auf eine Bekannte in der Folge anders erlebt habe.

„Grabesstern“ von Anne Mette Hancock ist mitreißend konstruiert und hält die Spannung durchgehend durch unvorhersehbare Wendungen und der Klärung der über allem stehenden Frage nach der Verwicklung in die lange zurückliegenden Verbrechen eines durch die Protagonistin beim Sterben Begleiteten, was mich aber nicht ganz überzeugen konnte. Gerne empfehle ich das Buch an alle Fans der Serie rund um Heloise Kaldan und Erik Schäfer und jeden Leser und jede Leserin von Thrillern weiter.


Sonntag, 6. Februar 2022

Rezension: The Maid. Ein Zimmermädchen ermittelt von Nita Prose

 

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The Maid. Ein Zimmermädchen ermittelt
Autorin: Nita Prose
Übersetzerin: Alice Jakubeit
Hardcover: 368 Seiten
Erschienen am 1. Februar 2022
Verlag: Droemer HC

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Molly Gray ist fünfundzwanzig Jahre alt und glücklich mit ihrem Job als Zimmermädchen im Regency Grand Hotel. Tag für Tag versetzt sie mit ihren Fähigkeiten die Zimmer zurück in einen Zustand der Perfektion. Einige Gäste würdigen das mit hohen Trinkgeldern, und Giselle Black, die zweite Frau des bekannten Tycoons Charles Black, ist ihr sogar eine Freundin geworden. Doch ausgerechnet Mr. Black ist es, den Molly eines Tages tot auf seinem Bett auffindet. Hatte er einen Herzinfarkt oder wurde er ermordet? Molly fallen einige Dinge auf, doch sie teilt der Polizei nur das nötigste mit. Das bringt sie bald in eine verzwickte Situation...

Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive erzählt und beginnt an dem Tag, an dem Molly den toten Mr. Black in seinem Hotelzimmer findet. Das Geschehene hat sie sehr aufgewühlt, wodurch ihre Schilderungen zu Beginn etwas wirr sind und ich einige Zeit benötigte, um den Ablauf der Ereignisse zu begreifen. Währenddessen erhielt ich die Gelegenheit, Mollys Wesen besser zu verstehen. Sie mag ihren Job als Zimmermädchen wirklich gern. Am liebsten hätte sie eine Hotelfachausbildung gemacht, doch ihre Ersparnisse sind weg, seit sie einem Betrüger in die Falle gegangen ist. Seine Absichten hat sie nicht erkannt, denn sie ist zwar intelligent, hat aber große Schwierigkeiten beim Deuten sozialer Situationen.

In der Interaktion mit der Polizei, den anderen Hotelangestellten und der Witwe des Verstorbenen wird deutlich, wie schwer sich Molly in Gesprächen tut und beim Versuch, die Absichten ihres Gegenübers zu verstehen. Ich fand allerdings, dass sie trotz ihres Handicaps ein unrealistisch hohes Maß an Gutgläubigkeit und Begriffsstutzigkeit an den Tag legte. Als Leserin ahnte ich viel von dem, was vor sich geht, und sah Molly dabei zu, wie sie geradewegs ins Verderben läuft und nach gut 200 Seiten die Konsequenzen zu spüren bekommt.

Danach hat mir die Geschichte deutlich besser gefallen. Sympathische Charaktere eilen Molly zur Hilfe und sie versteht endlich, was eigentlich vor sich geht. Gemeinsam wird ein Plan ausgeheckt, wie das Schlamassel, in das Molly sich gebracht hat, behoben werden kann. Ich fieberte mit, ob die Bösewichte - beziehungsweise die „falschen Fuffziger“, wie Molly sagen würde - ihre gerechte Strafe erhalten werden.

Irreführend fand ich den Untertitel „Ein Zimmermädchen ermittelt“, denn das tut Molly nun wirklich nicht. Sie hat vielmehr einige Beobachtungen gemacht und ein großer Teil der Geschichte dreht sich darum, was davon sie wann wem erzählt oder nicht. In dem Zusammenhang erlebte auch ich ganz am Ende noch einen Twist, der in mir gemischte Gefühle hervorherufen hat. Er ließ mich Mollys Verhalten noch besser verstehen, aber der überraschende Effekt entsteht nur, weil Molly beim Erzählen von Beginn an eine sehr wichtige Information komplett verschwiegen hat.

„The Maid“ ist die Geschichte über das Zimmermädchen Molly, das eines Tages beim Putzen einen namhaften Dauergast tot im Hotelzimmer findet. Für meinen Geschmack brauchte die Geschichte zu lange, um in Fahrt zu kommen. Durchhalten lohnt sich aber, denn das letzte Drittel konnte mich sehr gut unterhalten. Ich bin schon sehr gespannt auf die Buchverfilmung mit Florence Pugh als Molly, die kürzlich angekündigt wurde!

Samstag, 5. Februar 2022

Rezension: Ende in Sicht von Ronja von Rönne

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Ende in Sicht
Autorin: Ronja von Rönne
Erscheinungsdatum: 12.01.2022
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783423282918

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Der Roman „Ende in Sicht“ von Ronja von Rönne lässt mich zwiegespalten zurück. Gerne hätte ich ihn gemacht, denn durch seinen Humor und der mit viel Phantasie gefüllten Reise der beiden ungleichen Protagonistinnen Hella und Juli hat er Unterhaltungswert. Aber die Handlung ist an manchen Stellen unglaubwürdig und es gelang mir nicht, mich in die Gefühlswelt von Hella und Juli einzufinden.

Hella ist 69 Jahre alt und lebt im Norden von Nordrhein-Westfalen. Früher war sie ein gefeierter Schlagerstar mit einigen Marotten, heute lebt sie allein in ihrer Wohnung und ignoriert jede Anfrage nach einem Auftritt. Der Titel des Romans lehnt sich an Textzeilen einer ihrer Songs an. Die fünfzehnjährige Juli lebt mit ihrem Vater in der Nähe von Bielefeld, ihre Mutter hat die Familie verlassen als ihre Tochter ein Kleinkind war. Juli überlebt den Sturz von einer Grünbrücke auf die erste Fahrspur einer Autobahn nahezu unverletzt. Hella ist währenddessen mit ihrem Auto auf dem Weg in die Schweiz um ihrem Leben mittels Sterbehilfe ein Ende zu setzen. Sie schafft es, rechtzeitig abzubremsen und die junge Frau auf den Standstreifen zu ziehen. Die Inhaltsangabe ist in der Beschreibung des Hergangs nicht korrekt.

Die Autorin zeigt anhand ihrer Protagonistinnen auf, dass die Krankheit Depression sich nicht an einem Alter festmachen lässt. Aber für mein Empfinden lässt sie die Gründe hierzu leider viel zu sehr im Verborgenen. Juli ist in einem schwierigen Alter. Sie ist auf dem Weg zu sich selbst zu finden. Ihre Stimmung schwankt und sie wendet sich zunehmend von möglichen Kontakten mit Menschen ab. Offensichtlich ist ihr verstörendes Verhalten bereits auffällig geworden, denn sie ist in Therapie. Es verwundert mich jedoch, dass ihr Vater dabei außen vor bleibt, niemand scheint ihn in die Behandlung seiner Tochter einzubeziehen. Es wirkte auf mich so, als ob die Vater-Tochter-Beziehung seit Jahren unverändert blieb, für mich ist keine Entwicklung zu erkennen. Ein Grund zu sterben, ist auch im schulischen Umfeld nicht zu finden. Ich halte Julis Wunsch für möglich, aber es fehlte mir die Tiefe in der Darstellung ihrer Gefühle und ich finde die geringen Folgen ihres Sturzes von der Brücke für anzweifelbar.

Die Beweggründe von Hella zum Sterben konnte ich noch weniger nachvollziehen. Wie ich im Laufe der Geschichte erfuhr, ist sie durchaus ein Mensch, der sich für bestimmte Dinge begeistern kann. Auf der anderen Seite sind auch weiterhin Fans, die sich immer noch an ihren Songs erfreuen. In ihr psychisches Leid hat sie sich durch ihre Abkapslung von der Umwelt selbst eingefunden. Sie verfügt immer noch über Willensstärke und es überrascht mich, dass sie auf der tagelangen Fahrt keinen Draht zu Juli findet für eine offene und ehrliche Aussprache, die eventuell zu mehr Verständnis füreinander geführt hätte. Stattdessen ist es in Ordnung für Hella Juli immer weiter mitzunehmen ohne sich einen tatsächlichen Beweis von ihr zu holen, dass sich kein Elternteil Sorgen macht. Auch aufgrund des übertriebenen Alkoholgenusses und der Aufforderung zur Fälschung wurde mir die Figur immer unsympathischer.

Ronja von Rönne hat mit „Ende in Sicht“ einen unterhaltenden phantasiereich ausgestalteten Roman geschrieben, in dem es zu einigen amüsanten Szenen kommt. Dennoch fehlte mir der ernste Tiefgang bei dem wichtigen Thema „Depression“ als Hintergrund für die Geschichte. Durch die schwankende Gefühlslage bei den Figuren kamen mir diese nicht nah, aber das bringt halt die Krankheit so mit sich. Manche Handlungen der Protagonistinnen empfand ich unrealistisch. Nach dem Lesen blieb ich nachdenklich und uneins über die konstruierte Darstellung der Ereignisse zurück. Ich spreche eine Triggerwarnung aus in Bezug auf die offene Beschreibung in der Erzählung, wie man seinem Leben ein Ende setzen kann. Am Schluss des Buchs gibt es glücklicherweise ein Hinweis auf eine helfende Anlaufstelle.


Donnerstag, 3. Februar 2022

Rezension: Unser kostbares Leben von Katharina Fuchs

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Unser kostbares Leben
Autorin: Katharina Fuchs
Erscheinungsdatum: 30.12.2021
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783426282656
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Der Roman „Unser kostbares Leben“ von Katharina Fuchs spielt in den 1970er und 1980er Jahren in Hessen in Mainheim. Der Name ist fiktiv, entspricht aber in der Realität einer ähnlichen Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt am Main. Im Titel spiegelt sich wider wie wertvoll unsere Existenz ist und wie wichtig es daher ist, alles dafür zu tun, damit Menschen, Flora und Fauna so geringen Schaden wie möglich nehmen. Die drei jungen Frauen auf dem Cover versinnbildlichen die drei Protagonistinnen der Geschichte.

Caro und Minka sind zwei der Hauptfiguren. Im Jahr 1972 sind beide zehn Jahre alt und beste Freundinnen. Caro ist die Tochter des Direktors der Schokoladenfabrik vor Ort, während Minkas Vater Bürgermeister von Mainheim ist. Als einer ihrer Klassenkameraden im nahegelegenen Schwimmbad verunglückt wird das Geschehen zu einer gesellschaftspolitischen Angelegenheit, die weitreichende Auswirkungen auf die führenden Kräfte der Kleinstadt und den von ihnen geleiteten Institutionen und Unternehmen hat. Zur gleichen Zeit trifft das vietnamesische Flüchtlingskind Claire im städtischen Kinderheim ein. Sie ist die dritte Protagonistin, genauso alt wie Caro und Minka und wird zu einem späteren Zeitpunkt von Caros Eltern adoptiert.

Die Erzählung trägt autobiographische Züge, denn das Leben der Autorin hat Ähnlichkeiten mit dem von Caro. Dadurch wirkten die Schilderungen auf mich besonders realistisch und ich konnte spüren, wie sehr Katharina Fuchs die von ihr für den Roman gewählten Themen am Herzen liegen, die sie teilweise seit ihrer Jugend beschäftigen wie beispielsweise Umweltverschmutzung und Tierversuche. Des Weiteren thematisiert sie in der Geschichte auch Arzneimittelstudien am Menschen. Was uns heute als verwerflich vorkommt, wurde damals nicht angezweifelt und oft als notwendig für den Fortschritt angesehen. Während die Beschreibungen auf Fakten beruhen, nimmt die Autorin sich die Freiheit einige Ereignisse zeitlich anzupassen, was den Roman noch bewegender gestaltet.

In ihren Beschreibungen vermittelte die Autorin mir als Leserin ein umfassendes Bild der Landschaft im Umfeld von Mainheim sowie als Gegenpol dazu die zunehmende Versiegelung der Kleinstadt durch die Ansiedlung weiterer Industrie und dem durch die steigende Arbeitnehmerzahl bedingten Bau von Wohngebieten. Ohne den technischen Standards von heute konnte man die Windrichtung am wechselnden Geruch erkennen, der in der Luft hing. Der Roman ist geschickt so konstruiert, dass sie im weiteren Verlauf immer dringlicher den Handlungsbedarf der Verantwortlichen aufzeigt. Dazu benötigt die Geschichte eine Anlaufzeit mit einigen Längen bis sie sich entfaltet und sich letztlich die Begebenheiten verschärfen.

In den Kapiteln des Romans stellt Katharina Fuchs unterschiedliche Figuren in den Fokus. Dadurch entsteht ein größeres Meinungsbild zu den verschiedenen Themen als bei einer Beschränkung auf die drei Protagonistinnen möglich wäre, von denen vor allem Minka sich schon früh beginnt politisch zu engagieren. Den Auffassungen der jungen Frauen gegenüber stellt die Autorin althergebrachte Ansichten der älteren Generation. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus kann ich die Darstellung als realistisch bestätigen.

Katharina Fuchs hat mit „Unser kostbares Leben“ einen Coming-Of-Age-Roman geschrieben, der authentisch die Jugend und Adoleszenzzeit von drei Mädchen beschreibt, die in einem Umfeld in den 1970er und 1980er Jahren aufwachsen, das geprägt ist von Seilschaften, die im Rahmen des Goodwill für Umweltzerstörung, Tierleid und menschenverachtendes Verhalten sorgen. Gleichzeitig stellt sie das wachsende Aufbegehren in der Bevölkerung gegen die Mangelzustände mit Zusammenschlüssen in Aktionsgruppen und entsprechenden Handlungen dar. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Sonntag, 30. Januar 2022

Rezension: Wege des Schicksals - Die Senfblütensaga (Band 2) von Clara Langenbach

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Wege des Schicksals - Die Senfblütensaga (2. Teil von 3)
Autorin: Clara Langenbach
Erscheinungsdatum: 27.10.2021
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783596700844

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Der historische Roman „Wege des Schicksals“ von Clara Langenbach, einem Pseudonym der Autorin Olga A. Krouk ist der zweite Teil der „Senfblütensaga“. Im Mittelpunkt steht die in Metz lebende Familie Seidel, die ein Fuhrunternehmen betreibt, das aktuell vom Schwiegersohn Antoine weitergeführt wird.

Die Geschichte spielt in der brisanten Zeit von 1914 bis 1918. Der Sohn des Hauses, Carl Seidel, hat sich inzwischen eine Produktionsstätte für Senf in der Stadt aufgebaut. Seine Verlobte Emma hat ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen und möchte ihr Können in seinem Unternehmen einsetzen. Eine prachtvolle Hochzeit der beiden ist geplant. Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus, was in Metz, das von den Deutschen seit vielen Jahren annektiert ist, sofort zu einer gesellschaftspolitisch angespannten Situation führt.

Emma hat sich ganz von ihren Eltern gelöst, die für sie ein Leben an der Seite eines gutsituierten Ehemanns vorgesehen hatten. Gerne würde sie noch selbstbewusster durchs Leben gehen, aber die Autorin zeigt ihre innere Zerrissenheit. Es ist nicht leicht sich selbst treu zu bleiben, wenn man vom Umfeld nur in der klassischen Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter gesehen wird. Außerdem trägt der Krieg mit den vielen Heeresangehörigen, die in die Stadt gespült werden, seinen Anteil daran, dass man gelegentlich mit einer gewissen Begierde von Männern in der Öffentlichkeit angesehen wird.

Ihr Verhältnis zu Carl, seinen Eltern und seiner Schwester ist ebenfalls von Spannungen gekennzeichnet. Es fällt Emma schwer loszulassen und sich in die Familie Seidel zu integrieren, obwohl ihre zukünftigen Schwiegereltern sie mit offenen Armen empfangen. Mit Carls Schwester Louise und deren Mann Antoine verbindet sie eine mit Problemen belastete Vergangenheit, die im ersten Teil der Serie dargestellt wurde.

Im vorliegenden Band beschreibt Clara Langenbach die Schwierigkeiten, mit denen Emma, ihre Freunde und ihre zukünftige Schwiegerfamilie während des Kriegs zu kämpfen haben. Obwohl sie zu denjenigen gehören, die über ausreichend Geldmittel verfügen, haben sie mit der Rationierung von Lebensmitteln und der Beschlagname kriegswichtiger Materialien zu kämpfen.

Mit Metz hat die Autorin sich einen interessanten Handlungsort ausgesucht, denn die in Lothringen liegende Stadt bildete den wichtigsten Vorposten des Deutschen Reichs im Westen. Die politischen Fakten bindet sie gekonnt in die Geschichte ein. Für Carls Unternehmen wird das Militär zu einer tragenden Säule, denn die bisherigen guten Beziehungen mit französischen Handelspartnern werden verboten.

Auch diesmal wieder bildet die wahre Geschichte von Otto und Frieda Frenzel, die mit ihrer Senfproduktion in Düsseldorf die Marke „Löwensenf“ etabliert haben, den Hintergrund der Ereignisse, die Clara Langenbach zugunsten eines noch mitreißenderen Hergangs des Geschehens fiktionalisiert hat. Die Figuren handeln in diesem Setting realistisch und vorstellbar. Eine Stärke des Romans ist es, dass jede von ihnen sich weiterentwickelt und ihr Denken und Handeln anpasst, nachdem die entsprechende Charaktere sich gefühlsmäßig mit der bestehenden Situation auseinandergesetzt hat. Ich habe den ersten Band gelesen und denke, dass die Vorkenntnisse daraus zwar nicht dringend erforderlich sind, aber das Lesevergnügen steigern können.

Der Roman „Wege des Schicksals“ von Clara Langenbach beschreibt die von den Kriegsereignissen der 1920er Jahre in der lothringischen Stadt Metz bestimmte Geschichte der Familie Seidel und ihrer zukünftigen Schwiegertochter Emma Bergmann. Es ist eine Erzählung von Liebe, Hass, Verlust, Verrat und voller Hoffnung. In den schwierigen Zeiten stehen die Familienangehörigen füreinander ein, obwohl sie sich bemühen ihre Selbstbestimmtheit nicht zu verlieren. Insgesamt finde ich diesen zweiten Teil der Senfblütensaga etwas stärker und noch berührender als den ersten. Daher freue ich mich schon auf den abschließenden Band und empfehle das Buch gerne weiter.


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