Sonntag, 4. Oktober 2026

Rezension: Ein ganz normales Wunder von Woody Brown

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ein ganz normales Wunder
Autor: Woody Brown
Übersetzer: Stephan Kleiner
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783462016482
----------------------------------------------------------------------

Der Roman „Ein ganz normales Wunder“ handelt von den KlientInnen und MitarbeiterInnen der Tagesbetreuungsstätte „Upward Bound“ in Kalifornien, in der Menschen mit Behinderung betreut werden, darunter auch einige Autisten. Einer der Figuren des in elf Episoden geschriebenen Romans ist Walter, ein Alter Ego des Autors Woody Brown, der einen Masterabschluss in Fine Arts der Columbia University in New York City besitzt.

Hierzu beginnt nun leider eine rege Diskussion in den Medien, die die Autorenschaft des jungen Manns in Frage stellt. Seit einem Auftritt im US-amerikanischen Fernsehen, unmittelbar nach Erscheinen der Originalausgabe, wird in Erwägung gezogen, dass seine Mutter Mary, die ein Literaturstudium abgeschlossen hat, seine Äußerungen mittels einer Buchstabentafel frei interpretiert und daher einen wesentlichen Anteil an der Entstehung des Romans habe. Ausgerechnet diese Diskussion berührt jedoch einen zentralen Aspekt des Buches: die Schwierigkeiten eines nicht- (beziehungsweise nicht kontrolliert) sprechenden Autisten, sich seinen Mitmenschen verständlich zu machen.

Für mich ist es letztlich weniger entscheidend, wem die Urheberschaft des Romans zugesprochen werden kann, als die Inhalte, die er vermittelt. Die Episoden, die aus dramaturgischen Gründen nicht immer zeitlich geordnet sind, gewähren Einblicke in den Alltag einer Tagesstätte, die nur jemand erhalten kann, der diesen selbst erlebt hat. Auch ich hatte vor längerer Zeit die Möglichkeit, Einsicht in ein ähnliches Umfeld zu nehmen.

Beim Lesen hat mich bewegt, wie überzeugend Woody Brown die Gefühlswelt der im jeweiligen Kapitel im Fokus stehenden Figur vermittelt. Neben Walter sind dies unter anderem ein weiterer Klient mit Zerebralparese, eine neue Betreuerin, ein langjähriger Mitarbeiter sowie der gestresste Leiter der Betreuungsstätte. Außerdem beschreibt die Angestellte eines Warenhauses stellvertretend für Außenstehende, wie die Gruppe in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Der Autor beschreibt detailliert die Schwierigkeiten von Autisten mit anderen zu kommunizieren und vermittelt dadurch ein differenziertes Verständnis der Beeinträchtigung.

Deutlich wird auch, wie wenig ansprechend sich der Tagesablauf bei der Betreuung abspielt. Dabei nimmt Woody Brown, der aus eigener Erfahrung schöpft, nicht nur die Perspektive des Klienten Walter ein, der die wenigen angebotenen Förderangeboten nutzt und dabei, wie der Autor es selbst beschreibt, häufig infantilisiert wird. Ebenso betrachtet er aus Sicht eines Mitarbeitender die herausfordernde Aufgabe, eine Gruppe mit verschiedensten Behinderungen über viele Stunden hinweg zu beschäftigen. Jede Aktivität muss dabei auf ihre Auswirkungen auf den Einzelnen abgestimmt werden, denn was den einen anregt, kann bei einem anderen beispielsweise Überforderung und Frustration auslösen. Auch ein Hinweis auf fehlende finanzielle Mittel für die weitere Ausstattung der Betreuungseinrichtung fehlt nicht. Besonders bewegend ist es, wenn deutlich wird, wie schwierig es aufgrund des fehlenden sprachlichen Austausches sein kann, Liebe und Zuneigung für einen anderen Menschen auszudrücken. Hier und da hätte ich mir noch eine weitere Ausarbeitung eines Charakters gewünscht.

Mit seinem Roman gelingt es Woody Brown auf den Facettenreichtum und die Individualität der Menschen hinzuweisen, Vorurteile gegenüber Behinderten abzubauen und damit eines der Ziele zu erreichen, die er sich mit seinem Buch gesetzt hat. Zum Ende hin gibt es noch eine unerwartete, ergreifende Wendung in Bezug auf einen der Protagonisten. „Ein ganz normales Wunder“ regt dazu an, die eigenen Vorstellungen von Kommunikation, Selbstbestimmung und geistiger Teilhabe zu hinterfragen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

-->