Samstag, 14. Mai 2022

Rezension: Terra di Sicilia. Die Rückkehr des Patriarchen von Mario Giordano

 

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Terra di Sicilia
Autor: Mario Giordano
Hardcover: 544 Seiten
Erschienen am 14. März 2022
Verlag: Goldmann

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Im Jahr 1880 wird in dem kleinen sizilianischen Dorf Taormina Barnaba Carbonaro als Sohn eines ehemaligen Pfarrers geboren. Dieser musste sein Amt aufgeben, nachdem er die Tochter des Schneiders geschwängert hat. Bereits mit fünf Jahren wird Barnaba zum Arbeiten auf die Orangenplantagen geschickt. Er besitzt eine Hose und ein Hemd, aber keine Schuhe. Bald zeigt er ein Talent fürs Rechnen, das Lesen lernt er hingegen nicht. Im Laufe der Jahre gelingt ihm der Aufstieg, immer wieder steht er jedoch mit leeren Händen da. So auch 1960, als er in München eintrifft und Quartier im Haus der Familie seines Sohnes Nino bezieht, welcher der Großvater des Erzählers und eins der vierundzwanzig Kinder ist, die Barnaba in seinem Leben gezeugt hat. Wie schon mehrfach zuvor in seinem Leben überlegt er, wie er ohne Vermögen, aber mit einer guten Idee wieder zu Geld kommen kann.

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen. Zum ersten Mal begegnete ich Barnaba, als er mit achtzig Jahren in München ankommt, um bei Nino und seiner Familie zu wohnen. Diese Kapitel sind im Vergleich zu den Rückblicken auf sein bisheriges Leben eher kurz. Die Rückblicke beginnen im Jahr 1890, als der zehnjährige Barnaba eine verlockende Bezahlung dafür erhält, dass er für Fotografien des Barons von Gloeden nackt Modell steht. Sein Plan, etwas davon für sich zu behalten, wird von seinem Vater durchkreuzt. Dieser stirbt am Tag darauf bei einem Erdbeben und lässt seinen Sohn mit der Verantwortung zurück, für sich selbst und seine Mutter zu sorgen.

Beim Lesen tauchte ich tief in das Sizilien am Ende des 19. Jahrhunderts ein. Barnaba ist arm, träumt aber vom Aufstieg. Als Kind ist er in den Augen der Erwachsenen jedoch ein Niemand und kassiert immer wieder Schläge, sowohl beim Arbeiten auf der Plantage als auch daheim. Er weiß, dass sein Chef ein Mafioso ist, wagt aber dennoch, mit einer Bitte an diesen heranzutreten. Seine Liebe zu Rosaria, der Schwester seines besten Freundes, wird in seiner Jugend zu einem zusätzlichen Antrieb, etwas aus sich zu machen.

Mehrfach spielt Barnaba der Zufall in die Hände und lässt ihn wertvolle Bekanntschaften machen. Er versucht, gute Beziehungen zu den richtigen Persönlichkeiten aufzubauen und Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Das gelingt ihm mal mehr und mal weniger gut. Er wird betrogen, gerät zwischen die Fronten und lässt sich von seiner Leidenschaft leiten. Mit seiner Geschäftstüchtigkeit, Mut und Gerissenheit kämpft er sich aber immer wieder zurück.

Ich begleitete Barnaba durch Höhen und Tiefen und wurde dabei gut unterhalten. Nebenbei lernte ich einiges Interessantes über Zitrusfrüchte. Auf das übersinnliche Element in Form von Geistern, die Barnaba und auch seine Familienmitglieder sehen können, hätte ich allerdings verzichten können. Barnabas Lebensstationen werden lange recht ausführlich geschildert, auf den letzten 150 Seiten zieht das Tempo dann deutlich an und die Jahre werden im Zeitraffer erzählt. Hier hätte ich mir eine ausgewogenere Verteilung gewünscht. Der Abschluss verspricht eine Fortsetzung, in welcher die Frauen der Familie im Mittelpunkt stehen - man darf gespannt sein.

Lest „Terra di Sicilia“, wenn ihr Lust auf ein deutsch-sizilianisches Familienepos habt und den Lebensweg eines Patriachen mit all seinen Höhen und Tiefen begleiten wollt!

Freitag, 13. Mai 2022

Rezension: Sommerschwestern von Monika Peetz

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Sommerschwestern
Autorin: Monika Peetz
Erscheinungsdatum: 07.04.2022
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783462002126
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Der Roman „Sommerschwestern“ von Monika Peetz ist eine Familiengeschichte mit einem Geheimnis, das Henriette Thalberg vor ihren vier Töchtern, den Protagonistinnen des Romans, verbirgt. Die Erzählung nahm mich mit an die nordholländische Küste nach Bergen. Hier verbrachte die Familie jeden Sommer bis es vor über 20 Jahren zum tragischen Unfalltod des Vaters kam. Das Cover zeigt das stilisierte Bild einer Frau im sommerlichen Kleid, die aufs Meer blickt und vermittelte mir dadurch eine gewisse Leichtigkeit, die man sonnigen Tagen anhängt. Doch hinter der Fassade brodelt es im Privatleben der Schwestern Doro, Yella, und der Zwillinge Amelie und Helen. Über das anstehende Ereignis tauschen sie sich bereits vorab in einer Chatgruppe aus, die den Titel des Buchs als Namen hat, mit dem sie Erinnerungen an die Vergangenheit verbinden.

Henriette hat ihre Töchter mit einer plötzlichen Einladung nach Bergen überrascht. Den Grund dafür hat sie nicht angegeben. Eigentlich sind nicht nur die Geschwister, sondern auch Partner und Enkelkinder eingeladen, aber Yellas Familienmitglieder hatten andere Termine. In der Chatgruppe fällt auf, dass die älteste sich nicht daran beteiligt, über den Anlass zu spekulieren. Die anderen mutmaßen, ob Doro mehr weiß als sie und wenn, warum ist das so?

Die Schwestern sind sehr unterschiedlich. Während Doro erfolgreich ist als Kostümbildnerin und mit einer großen Portion Selbstbewusstsein durchs Leben geht, hat Yella ihr Architekturstudium aufgegeben und arbeitet als Fachkraft im Büro, Amelie hilft einer Freundin auf deren Weg in die Selbständigkeit und Helen ist Naturwissenschaftlerin. Aufgewachsen sind sie in Köln, aber nur noch Henriette und Doro leben dort. Henriettes Art, ihre Töchter für ihr Tun abzuurteilen und ihnen ihre Meinung darüber mitzuteilen, bringen eine gewisse Distanz der Familienmitglieder zueinander nicht nur räumlich mit sich. Familienfeste sind selten geworden.

Die Einladung nach Bergen ist mit gemischten Gefühlen bei den Schwestern verbunden. Einerseits erwachen dadurch Kindheitserinnerungen an unbeschwerte Tage am Meer, andererseits wird das dramatische Ende durch den Tod des Vaters wieder lebendig. Aufgrund des Tonfalls der Aufforderung der Mutter, dem ihre Töchter Dringlichkeit entnehmen, machen sie sich Sorgen. Aber es erwacht auch ein Stück Heimat vor Ort in Bergen und sehr schön lässt die Autorin dank eigener Erfahrungen holländische Lebensart in den Roman einfließen.

Der Fokus der Erzählung ruht am häufigsten auf Yella, die mit ihrer Rolle als Frau und Mutter hadert. In Bergen bringt der Abstand zum Alltag und die Möglichkeit des Beisammenseins die Geschwister dazu, sich gegenseitig zu vergleichen und ihr jeweiliges Verhältnis zur Mutter auf den Prüfstand zu stellen. Wie in jeder Familie mit mehreren Kindern ist Verbundenheit, Respekt und Treue füreinander, aber auch Missgunst zwischen den Zeilen zu spüren. Der Streit um den Platz im Familiengefüge stellt sich, so wie früher, schnell wieder ein. Die Sorgen der Schwestern um die Mutter unter Nennung ihrer Vermutung senken ein wenig die Spannung auf das Ende, an dem diese ihr Geheimnis lüftet.

„Sommerschwestern“ von Monika Peetz ist nicht nur ein Roman, der den Lesenden mitnimmt zu Erinnerungen an unbeschwerte Sommertage an der niederländischen Küste und ein anstehendes freudiges Fest, sondern offenbart auch die Probleme im Alltagsleben der Geschwister und ihrer Mutter. Die unterhaltsame Familiengeschichte empfehle ich gerne weiter.



Dienstag, 10. Mai 2022

Rezension: Ein französischer Sommer von Francesca Reece

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Ein französischer Sommer
Autorin: Francesca Reece
Übersetzerin/Übersetzer: Juliane Gräbener-Müller und Tobias Schnettler
Erscheinungsdatum: 27.04.2022
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783103970685
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In ihrem Roman „Ein französischer Sommer“ beschreibt die gebürtige Waliserin Francesca Reece einen schwülen Sommer im Jahr 2016 an der südfranzösischen Küste, den ihre beiden Protagonisten dort verbringen. Leah und Michael sind zwei sehr unterschiedliche Figuren, die aus beruflichen Gründen zusammenfinden und jeweils aus der Ich-Perspektive erzählen.

Leah ist in der englischen Provinz aufgewachsen und hat später in London studiert. Drei Jahre nach ihrem Abschluss war sie immer noch orientierungslos in Bezug auf ihre Zukunft im Beruf. Um preiswerter leben zu können und sich selbst zu finden ist sie nach Paris gezogen und schlägt sich mit mehreren kleinen Jobs durchs Leben. Aufgrund einer Annonce des Autors Michael Young bewirbt sie sich als dessen Assistentin, erhält aber von seiner Frau eine Absage.

Wenig später begegnen sich Leah und Michael auf einer Ausstellung. Der fast 70-jährige Michael ist sofort von ihr angetan, weil sie ihn an jemanden erinnert. Er stellt sie ein und wenig später erhält sie seine Einladung, den Sommer mit ihm, seiner Familie und Freunden an der französischen Küste zu verbringen.

Leah nimmt das Angebot an und trifft vor Ort auf mehrere jungen Leute mit denen sie in den Tag hineinlebt und sich neben ihrer Arbeit vergnügt. Von anderen erfährt sie, dass Michael ihnen und anderen gegenüber oft griesgrämig ist, sich ihr gegenüber aber vergleichsweise freundlich verhält. Für Leah wirft sein Benehmen Fragen auf, das sich ihr mehr und mehr durch das Lesen seiner Tagebücher aus den Jahren 1968 bis 1970, deren Inhalt sie digital erfassen soll, erschließt.

Für Michael wird Leah zur Muse. Er selbst behauptet, dass er wieder schreibt seit er sie gesehen hat. Vorher hat er fast zwanzig Jahre nichts mehr in Romanform zu Papier gebracht, dennoch hat er sein selbstbewusstes Auftreten behalten. Von hübschen Frauen fühlt er sich nach wie vor angezogen. Die Ehe mit seiner Frau ist offen für außereheliche Beziehungen. Schon bald nach Beginn des Erfassens vom Inhalt der Tagebücher stellt Leah fest, dass Michael ein Geheimnis hat. Ende der 1960er Jahren hat es eine Frau gegeben über die er nicht spricht und auch nicht seine ältesten Freunde. Die Vergangenheit Michaels führt Leah und die Lesenden bis nach Griechenland zu einer Zeit in der die Militärdiktatur den Staat beherrschte und in Michaels Geheimnis hineinspielt.

Der Schreibstil von Francesca Reece ist bildungssprachlich durchzogen mit französischen Sätzen, die von denjenigen, die die Sprache nicht sprechen, nur aus der Situation heraus gedeutet werden können. Kursiv gedruckte Sätze beeinflussen den Lesefluss und drücken Gedanken aus oder einfach Betonungen. Aufgrund des Geheimnisses versucht die Autorin Spannung zu erzeugen, die sich aber nur behäbig aufbaut, weil die Rahmenhandlung sich stellenweise in die Länge zieht. Französisches Flair ist deutlich zu spüren, aber die Figuren kamen wir nicht wirklich nach.

Es liegt nicht nur Hitze in der Luft, sondern auch Liebe, die die Protagonisten Leah und Michael im Roman „Ein französischer Sommer“ nicht nur in Paris, sondern auch an der Küste im Süden Frankreichs finden. Die Geschichte ist ein sinnliches Vergnügen, konnte mich aber vor allem aufgrund der Figurengestaltung und -zusammenstellung nicht vollständig überzeugen. Wer aber beispielsweise gerne Sally Rooney liest, dem könnte dieses Buch aber gefallen.

Sonntag, 8. Mai 2022

Rezension: Anleitung für dein Leben - Dr. Sophie Mort

 

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Anleitung für dein Leben
Autorin: Dr. Sophie Mort
Übersetzerinnen: Franka Reinhart & Karin Schuler
Broschiert: 528 Seiten
Erschienen am 28. März 2022
Verlag: Penguin

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Wie baut man am Besten ein besseres Selbstverständnis für sich und alles auf, was die eigene Person zu der gemacht hat, die man ist? Dr. Sophie Mort hat in Klinischer Psychologie promoviert und teilt ihr seit einigen Jahren Wissen online, unter anderem auf Instagram, wo ihr inzwischen mehr als 50.000 Menschen folgen. Mit „Anleitung für Dein Leben“ hat sie eine strukturierte Einstiegslektüre in das Thema verfasst. Ich habe selbst einen Masterabschluss in Psychologie und das Buch überraschend vom Verlag zugeschickt bekommen. Entsprechend habe ich es ohne konkreten Anlass, aber mit Neugier im Hinblick die Aufbereitung des Themas gelesen.

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt: „Wie konnte es soweit kommen“ beschäftigt sich mit der Frage, durch welche Einflüsse von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter die Persönlichkeit geformt wird, also vor allem die familiäre und soziale Konditionierung. „Was hält euch gefangen“ hilft Leser:innen dabei, ihr Innenleben besser zu verstehen, insbesondere die Wirkung von Gedanken und Gefühlen als Bremser. „Wie kann es weitergehen“ enthält konkrete Tipps und Anleitungen, zum Beispiel aus den Bereichen Erdung, Entspannung und Achtsamkeit. Wer sich durch die Lektüre ermutigt fühlt, eine Therapie zu beginnen, der findet abschließend eine kurze Vorstellung unterschiedlicher therapeutischer Ansätze.

Dr. Sophie Mort schlägt einen lockeren Ton an und nutzt häufig eine direkte Ansprache der Leser:innen. Die Sprache ist aktivierend und wachrüttelnd. Mit positiven Affirmationen ermutigt sie dazu, eigene Denkmuster zu verstehen und zu durchbrechen. Sie gibt Tipps zur Arbeit mit dem Buch, gibt Triggerwarnungen und empfiehlt Lesepausen nach potenziell aufwühlenden Kapiteln. Dadurch hatte ich beim Lesen trotz oft ernster oder nachdenklich stimmender Themen stets das positive Gefühl, dass sich die Autorin aufrichtig dafür interessiert, mir mit diesem Buch etwas Gutes zu tun.

Das Buch beginnt bei den Basics und richtet sich meines Erachtens vor allem an Leser:innen, die sich bislang nur wenig mit Psychologie beschäftigt haben. Viele wichtige psychologische Erkenntnisse werden hier in verständlicher Sprache erklärt, Fachbegriffe werden spärlich verwendet und stets erläutert. Die Zusammenstellung hat mir gut gefallen und ein paar neue Dinge habe auch ich noch erfahren, zum Beispiel die Erweiterung der relativ bekannten "Fight-Flight-Freeze" Optionen bei einer (vermeintlichen) Bedrohung um die Option „Fawn“.

Indem sie ihre persönlichen Erfahrungen rund um einen unsicheren Bindungsstil und Panikattacken einbringt, erhält das Buch eine persönliche Note. Zu diesen Themen findet man im Buch vergleichsweise viele Informationen. Aufgrund der genutzten Beispiele hatte ich allgemein den Eindruck, dass die Autorin sich schwerpunktmäßig an Personen von etwa 18 bis 35 Jahren richtet, wobei das Buch sicherlich in jedem Alter hilfreich sein kann. Ich kann das Buch als Einstiegslektüre klar weiterempfehlen.

Freitag, 6. Mai 2022

Rezension: Gran Paradiso von Grit Landau

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Gran Paradiso
Autorin: Grit Landau
Erscheinungsdatum: 02.05.2022
Verlag: Droemer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 978342628270
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Der Roman „Gran Paradiso“ von Grit Landau erzählt eine von einem Geheimnis umhüllte Geschichte, die auf zwei Zeitebenen spielt. Im Jahr 1982 wird die in Turin lebende Journalistin Gianna Perrin von der im kleinen Ort Sant’Amato an der Riviera lebenden Mafalda Amoretti angerufen. Mafalda ist die inzwischen 82-jährige Cousine ihrer vor zwei Jahren verstorbenen Mutter Maria, die die erste Bürgermeisterin von Turin war. Im zweiten Weltkrieg hat Maria sich aktiv als Partisanin betätigt. Über diese Zeit hat sie ein Tagebuch geschrieben und veröffentlicht. Mafalda hat Gianna angerufen, damit sie baldmöglichst kommt um den Inhalt eines Koffers durchzuschauen, den Maria nach dem Krieg bei ihr abgestellt hat.

Gianna, Mitte 30, hat sich von ihrem Mann getrennt. Im Beruf benötigt sie eine Auszeit, darum folgt sie dem Anruf von Mafalda. Im Koffer findet sie Kleidung, ein paar Postkarten, eine Kette mit Anhänger sowie eine Kladde und zwei Notizbücher. Schnell erkennt Gianna, dass es sich dabei um das Tagebuch ihrer Mutter handelt. Doch nachdem sie mit dem Lesen begonnen hat, fallen ihr einige Abweichungen auf und sie findet eine Zeichnung, die einem ihr bekannten Bild ähnlichsieht. Giannas Interesse ist geweckt und auch ich wurde neugierig und begleitete die Protagonistin auf die zweite Handlungsebene, die im Jahr 1944 im Aostatal spielt.

Das Buch ist betitelt nach einem über 4000 m hohen Berg in den Grajischen Alpen, an denen die Regionen Aostatal und Piemont Anteil haben. An seinem westlichen Fuss liegt das Dorf Cogne in einem Hochtal in dem die Handlung des Jahrs 1944 spielt. Der Roman basiert auf der Geschichte des Orts. Dank der sehr guten Recherche der Autorin, auch vor Ort, erweckte sie die Bergwelt in Gedanken vor meinen Augen beim Lesen. Das Erzbergwerk und seine Materialeisenbahnlinie spielen eine große Rolle im Kampf der Partisanen. Auch der Leiter des Werks und seine Familie sind mit dem Widerstand im Aostatal verbunden. Grit Landau bringt ihre Begeisterung für Geschichte hier ein, drängt diese aber nicht in den Vordergrund, sondern fügt sie erklärend und beschreibend in den Gesamtkontext.

Wie bei ihren ersten beiden Romanen besteht auch in „Gran Paradiso“ wieder eine Verbindung zur fiktiven Familie Lanteri. Jeder Band ist problemlos unabhängig von den anderen lesbar. Maria ist die Tochter des aus Sant’Amato stammenden Wildhüters Enrico Lanteri, einem Bruder von Leo, der in den 1920er Jahren für den Widerstand kämpfte. Gianna kämpfte als Jugendliche und junge Frau mit dem in öffentlichen Bild ihrer Mutter, die als "Maria Mortale" bezeichnet wurde. Das Verhalten zu ihr stellt sie dem ihrer jüngeren Brüder gegenüber und fühlt sich weniger geliebt. Erst mit dem Lesen der Aufzeichnungen von Maria findet sie eine Erklärung für den Unterschied und den Beinamen. Sie befindet sich in einer Phase, in der sie ihr Leben hinterfragt und neu ausrichtet.

Ihrem bisherigen eigenen Schreibstil treu bleibend lässt Grit Landau italienische Wörter und Sätze einfließen, deren Bedeutung sich im Zusammenhang erschließt, die aber auch in einem Glossar am Ende des Buchs nachgeschlagen werden können. Dort findet sich auch ein Nachwort zur Realität und Fiktion im Roman, Kurzbiografien über vier Partisanninen des Aortatals, die die Autorin zur Figur der Maria inspiriert haben, sowie eine Literaturliste für diejenigen, die tiefer in die geschichtlichen Hintergründe eintauchen möchten. Um beim Lesen den Überblick über die handelnden Personen zu behalten, sind die wichtigsten am Anfang des Romans mit einer kurzen Beschreibung aufgelistet.

Mit ihrem Roman „Gran Paradiso“ lässt Grit Landau den Kampf um die Freiheit im Herbst 1944 im italienischen Aostatal wieder aufleben. Dabei steht die selbstbewusste Partisanin Maria im Mittelpunkt. Ihre Tochter Gianna deckt viele Jahre später ein Familiengeheimnis auf, das ihr Verhältnis zur inzwischen verstorbenen Mutter und ihr ganzes Leben verändert. Gerne empfehle ich das Buch weiter an Lesende mit historischem Interesse.

Sonntag, 1. Mai 2022

Rezension: Polizeiärztin Magda Fuchs: Das Leben, ein wilder Tanz von Helens Sommerfeld

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Polizeiärztin Magda Fuchs:
Das Leben, ein wilder Tanz (Teil 3 von 3)
Autoren: Helene Sommerfeld
Erscheinungsdatum: 16.03.2022
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783423220118
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Der dritte Band der Trilogie rund um die „Polizeiärztin Magda Fuchs“ des unter dem Pseudonym Helene Sommerfeld schreibenden Autorenduos trägt den Untertitel „Das Leben, ein wilder Tanz“ und spielt in den Jahren 1924 bis 1926. Der Haupthandlungsort ist das quirlige Berlin. Nach der Währungsreform 1923 sind Güter des täglichen Bedarfs wieder bezahlbar. Darüber hinaus reicht das Einkommen besser gestellter Berlinern auch dazu, sich Vergnügungen zu leisten.

Die 33-jährige Magda ist mit Kuno Mehring glücklich verheiratet. Neben ihrer Arbeit als Polizeiärztin führt sie ihre eigene gynäkologische Praxis. Bei ihr wächst der Wunsch nach einem eigenen Kind. Gemeinsam mit ihrem Mann gibt sie aber ebenfalls die Suche nach dem verschwundenen Bruder des Adoptivkinds ihrer Schwester nicht auf. Das Leben von Celia Fahrland-Hinnes nimmt im Roman einen breiteren Raum ein. Sie ist schwanger. Ihr Schwiegervater, der als der reichste Mann Deutschland gilt, ist schwerkrank. Celias Ehemann Edgar wird bei seinem Tod das Unternehmen der Familie weiterführen. Für sie steht plötzlich in Frage, ob sie ihre Zukunft an der Seite von Edgar wie geplant gestalten kann.

Auch den aus den ersten beiden Teilen bekannten Figuren Doris und Erika begegnete ich im vorliegenden Band. Beide leben immer noch in der von Celia geführten Pension. Doris ist inzwischen eine erfolgreiche Schauspielerin. Ebenso konnte ich den weiteren Weg der mit Magda zusammenarbeitenden Fürsorgerin Ina verfolgen und den der für Celia tätigen Anwältin Ruth.

Das Berliner Autorenehepaar baut rund um seine Figuren ein brodelndes Berlin auf mit Musik, Theater und Film. Es scheut sich aber auch nicht, die Schattenseiten der Stadt zu zeigen. Einerseits las ich vom Leben der fiktiven Familie Hinnes mit Dienstpersonal, das angelehnt ist an die reale Geschichte von Hugo Stinnes. Auf der anderen Seite folgte ich Ina bei ihrer Fürsorge um Kinder, die auf der Straße leben.

Eine Gleichberechtigung der Frauen ist noch in weiter Ferne und die Schritte dahin sind klein. Celia erfährt geringe Wertschätzung in ihrer Schwiegerfamilie, wodurch ihr Selbstbewusstsein leidet und sie sich immer wieder selbst in Frage stellt. Unterstützung findet sie bei ihrer Schwägerin, die ihr das Autofahren beibringt.

Martha wird zur Untersuchung eines verletzten weiblichen Opfers gerufen, die bald darauf verstirbt. Der Fall zieht immer größere Kreise und führt sie zu einem Gruppe von ganz speziellen Liebesuchenden. Mit Kuno ergänzt sie sich nicht nur privat sondern auch beruflich. Es ist schön, die beiden im Einvernehmen zu erleben.

Dank der sehr guten Recherche und des mitreißenden Schreibstils schafft Helene Sommerfeld im dritten und abschließenden Band der Polizeiärztin Magda Fuchs-Reihe „Das Leben, ein wilder Tanz“ ein authentisches Bild der Berliner Gesellschaft Mitte der 1920er Jahre. Die Figuren haben ihre je eigenen Probleme, die meisten sind nicht absehbar, und ich konnte mitverfolgen, welche Gedanken sie bewegen und wie sie zu einer für sich passenden Lösung gelangen. Am Ende der Geschichte gelingt den beiden Autoren eine Verbindung zu ihrer ersten Serie rund um die Ärztin Ricarda Thomasius. Das Buch hat mich gut unterhalten und gerne empfehle ich es weiter. Für Helene Sommerfeld-Leser ist es ein Muss. 


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