Montag, 27. Juli 2026

Rezension: Wirf einen Schatten von Elena Fischer

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Wirf einen Schatten
Autorin: Elena Fischer
Erscheinungsdatum: 22.07.2026
Verlag: Diogenes
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar als Taschenbuch
spätere ISBN für das Hardcover: 9783257073904

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Der Roman „Wirf einen Schatten“ von Elena Fischer führt zurück zum Heiligabend des Jahres 1963. Statt sich auf das kommende Weihnachtsfest zu freuen, wird der Protagonist Joseph vermutlich allein auf seinem Bauernhof verbringen. Schon auf der ersten Seite spricht sein Kummer aus den Zeilen und der Anlass dafür wird angedeutet: Seine Frau hat ihn verlassen und den gemeinsamen vierjährigen Sohn mitgenommen. Den Hof hat er von seinen Eltern übernommen, die bereits verstorben sind. Wo einst Betriebsamkeit herrschte, ist nun Einsamkeit eingekehrt.

Sein Beruf verlangt Joseph täglich einiges ab, doch nun bleibt ihm Zeit darüber nachzudenken, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Er fragt sich, ob ihn überhaupt jemand oder etwas ihn vermissen würde und kommt zu einer ernüchternden Antwort. Am tiefsten Punkt seiner Überlegungen klingt es an der Tür. Es ist jedoch nicht die Person, auf die er insgeheim hofft, sondern eine unbekannte junge Frau, die in der Folgezeit einigen Wirbel verursacht. Außerdem lebt seine Schwägerin nur unweit entfernt. Von Beginn an ist spürbar, dass er zu ihr eine besondere Beziehung hat, auch wenn die Hintergründe lange im Dunkeln bleiben.

Nach und nach wird deutlich, warum Joseph so sehr mit sich selbst ringt. Bereits als Kind wurde er von seinen Eltern ständig mit seinem Bruder verglichen, meist nicht zu seinem Vorteil. Immer wieder unterbrechen Rückblenden die Gegenwartshandlung und formen das Bild der Lebensvorstellungen seines Vaters, seiner Mutter und seiner Großmutter in den 1920er und späteren Jahren.

Eine zweite Erzählebene führt in wechselnden Kapiteln immer weiter in die Vergangenheit. Darin durchlebt Joseph noch einmal die einzelnen Phasen der Beziehung zu seiner Frau bis hin zu ihrem Kennenlernen. Indem die Geschichte rückwärts erzählt wird, schließt sich der anfänglich klaffende Spalt der Trennung immer weiter zu und es wird die unbeschwerte Anfangszeit ihrer Liebe spürbar. Es zeigt sich aber auch, dass Joseph seinen Alltag einfach weitergeführt und nicht daran gezweifelt hat, dass seiner Frau das ländliche Leben gefallen wird, obwohl sie in der Stadt aufgewachsen ist und immer dort gewohnt hat.

Joseph ist ein gebildeter und sensibler Mann, der sich den Gegebenheiten und den Erwartungen seines Umfelds angepasst hat. Das Erscheinen der unbekannten jungen Frau in seiner dunkelsten Stunde wirkt zwar konstruiert, setzt jedoch einen entscheidenden Veränderungsprozess in Gang. Insbesondere die weiblichen Hauptfiguren der Geschichte, die Selbstbewusstsein entwickelt haben und sich souverän geben, zeigen ihm, dass man sich aus seiner Rolle lösen kann.

In ihrem Roman „Wirf einen Schatten“ lässt Elena Fischer den Zeitgeist des Jahres 1963 wieder aufleben, in der traditionelle Werte noch hochgehalten wurden, aber bereits gesellschaftliche Umbrüche spürbar waren. Mit feinem Gespür für die Zwischentöne zeichnet sie die Gefühle des Protagonisten, der zwischen Pflicht und Sehnsucht mit sich hadert und nach einem Dasein sucht, das er für lebenswert hält. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

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