Samstag, 24. März 2018

[Rezension Hanna] Der Zopf - Laetitia Colombani

 


Smita, Giulia und Sarah sind Frauen aus drei ganz verschiedenen Welten. Smita ist eine Dalit, eine Unberührbare, die die Latrinen der anderen Dorfbewohner mit bloßen Händen leeren muss und sich für ihre Tochter eine andere Zukunft wünscht. Giulias Vater besitzt eine Perückenfabrik in Palermo und sie interessiert sich als einzige seiner Nachfahren für dieses in Italien aussterbende Handwerk. Und Sarah arbeitet als erfolgreiche Anwältin in Montreal und steht kurz davor, zur Teilhaberin ernannt zu werden. Für dieses große Ziel tut sie seit Jahren alles, um ihre Kollegen vergessen zu lassen, dass sie eine dreifache Mutter ist. Alle drei Frauen haben etwas, für das zu kämpfen sie bereit sind. Ein Zopf wird ihre Schicksale verbinden.

Das Cover fällt mit seinen goldenen Akzenten und dem Zopf, der gerade geflechtet wird, sofort ins Auge. Ich war neugierig, die drei Protagonistinnen und ihre Leben kennenzulernen. Der Prolog ist ein Gedicht, in dem eine Perückenmacherin zu Wort kommt, die durch ihr Handwerk nicht nur Haare, sondern auch Leben verwebt. Sie wird auch später noch einmal zu Wort kommen und so einen nachdenklich stimmenden Rahmen für die Geschichte bilden.

In kurzen Kapiteln blickt der Leser abwechselnd auf die Schicksale von Smita, Giulia und Sarah. Durch die schnellen Wechsel ist der Kontrast zwischen ihren Leben umso größer. Allen dreien wurde ein Platz in der Welt zugewiesen, doch sie sind nicht bereit, andere darüber bestimmen zu lassen, wie es für sie weitergeht. Für Smitas Leben als Kloputzerin findet die Autorin unverblümte Worte. Smita ist fest entschlossen, ihrer Tochter einen anderen Weg zu ebnen. Doch ihr Umfeld sieht das anders. Ihr Weg ist nicht nur hart, sondern lebensgefährlich, und ich bangte mit ihr, ob ihr Plan erfolgreich sein wird.

Giulia und Sarah führen in der westlichen Welt ein bedeutend angenehmeres Leben. Doch auch sie werden vor Herausforderungen gestellt. Als Giulias Vater verunglückt steht die Frage im Raum, wie es mit der Fabrik weitergehen kann. Bei ihrer Recherche verliebt sie sich in einen Mann, der ganz anders ist, als ihre Familie es erwarten würde. Bei Sarahs Leben auf der Überholspur wurde mir schon beim Lesen beinahe schwindelig. Ihr Tag ist minutiös durchgetaktet, um genug Zeit für die Familie zu haben, sich das auf der Arbeit aber nicht anmerken zu lassen. Doch dann stößt sie an ihre Grenzen und gemeinsam mit ihr stellte ich erschreckt fest, wie rücksichtslos ihr Umfeld wirklich ist.

Alle drei Handlungsstränge haben mich auf ihre Weise berührt: Smita, die aus dem absoluten Elend entfliehen will; Giulia, die für die Zukunft des Familienbetriebs kämpft und auf ihr Herz hört und Sarah, die ihre Familie und ihren Körper zurückstellt, um Karriere in einem Haifischbecken zu machen. Es sind starke Protagonistinnen, die mich mit ihrer Entschlossenheit beeindrucken konnten und gleichzeitig Verletzlichkeit zeigen. Das verbindende Element habe ich recht früh erahnt, es hält die Geschichte gemeinsam mit den Worten der Perückenmacherin zusammen und bildet einen gelungen Abschluss, der Hoffnung gibt, aber auch Raum für Überlegungen lässt, wie der weitere Weg der drei Frauen aussehen wird.

Laetitia Colombani findet in „Der Zopf“ genau die richtigen Worte für die miteinander verwobenen Leben von Smita, Guilia und Sarah. Die wechselnden Perspektiven nach kurzen Kapiteln machen die Unterschiede umso deutlicher und übten einen Sog aus, der mich die Geschichte beinahe in einem Rutsch lesen ließ. Unbedingt lesen!


*Werbung* Weitere Informationen zum Buch


Der Zopf
Autorin: Laetitia Colombani
Übersetzerin: Claudai Marquardt
Hardcover: 288 Seiten
Erschienen am 21. März 2018
Verlag: S. Fischer

Mittwoch, 21. März 2018

[Rätselzeit] Unsere Aktion für Dumplin' von Julie Murphy


*Werbung* für "Dumplin'" von Julie Murphy

Liebe Leser,

heute ist Dumplin' von Julie Murphy erschienen - unserer Meinung nach ein ganz besonderes Buch. Deshalb freuen wir uns sehr, als Buchbotschafter mit einer Aktion zum Buch dabei zu sein!

Hanna sagt zum Buch: "Ein gelungenes Buch rund um Familie, Freundschaft, die erste große Liebe und wie wichtig es ist, zu sich selbst zu stehen. Ich gebe eine klare Leseempfehlung!"
=> Zur ganzen Rezension gelangt ihr hier.

Ingrid sagt zum Buch: "„Dumplin‘ – go big or go home“ macht einfach Spaß, weil die vergnüglichen Szenen die ernsten überspielen. Daher empfehle ich den Roman gerne weiter an Jugendliche ab 13 Jahren, aber auch an junge Erwachsene und Ältere."
=> Zur ganzen Rezension gelangt ihr hier.

Wir haben für Euch ein Kreuzworträtsel rund um das Buch und Dolly Parton, die von der Protagonistin Will verehrt wird, entwickelt.
Um das Rätsel zu lösen braucht ihr nur die Leseprobe zum Buch sowie den Wikipedia-Artikel über Dolly Parton. Am Besten öffnet ihr das Raster mit Rechtsklick > Grafik anzeigen und druckt es Euch aus, um die Lösungen einzutragen.

Wir wünschen Euch ganz viel Spaß beim Rätseln!

** Die Aktion ist beendet - die Lösung findet ihr ganz unten! **

Liebe Grüße
Hanna & Ingrid

Horizontal
1. Wie heißt Ellens Freund?
3. Von welcher Sängerin ist Dolly Parton ist die Patentante? 
5. Wie heißt der Junge, in den Will verknallt ist?
6. Wie heißt der jährliche Schönheitswettbewerb? (ohne Leerzeichen)  
10. Wo arbeitet Will? (ohne Apostroph)  

Vertikal
2. In welcher Stadt wohnt Will? (ohne Leerzeichen) 
4. Welche Jahreszeit herrscht zu Beginn des Buches? 
7. Wie viele Grammys erhielt Dolly Parton?  
8. Dolly Parton ist aufgewachsen als … von zwölf Kindern. 
9. Mit welchem Song begann Wills Freunschaft zu Ellen? (ohne Leerzeichen) 
11. Wie lautet Dolly Partons zweiter Vorname? 



Hier findet ihr die Lösungen:
1. Tim
2. CloverCity
3. MileyCyrus
4. Sommer
5. Bo
6. MissTeenBlueBonnet
7. acht
8. viertes
9. DumbBlonde
10. Harpys
11. Rebecca

[Rezension Ingrid] Dumplin' - Go Big Or Go Home von Julie Murphy



Der Roman „Dumplin‘ – Go Big Or Go Home“ von Julie Murphy besticht durch ein auffälliges Cover mit schwarzem Hintergrund und weißer Schrift, einer kleinen Krone im oberen Drittel und einer stilisierten vollschlanken Figur im roten Abendkleid, die sich in ihrer Pose dem Leben öffnet. Die Gestaltung hängt eng mit der Erzählung zusammen, denn die 16-jährige übergewichtige Protagonistin Willowdean bewirbt sich um die Krone, die jede Gewinnerin des ältesten Schönheitswettbewerbs von Texas erhält. Der Titel „Dumplin‘“ ist Willowdeans Kosenamen, den ihr ihre Mutter gegeben hat. Er lässt sich ins Deutsche mit „Knödel“ oder „Pummelchen“ übersetzen. Der Zusatz im Titel bedeutet, dass man zu etwas stehen oder es sein lassen soll. Wessen Herz nicht bei der Sache ist, der sollte damit erst gar nicht beginnen.

Willowdean, kurz Will genannt, wohnt in der texanischen Kleinstadt Clover City.  Mit ihrer selbstbewussten Art ist sie bei vielen beliebt. Sie arbeitet an der Kasse eines Fast-Food-Ladens und trifft dort auf den gutaussehenden Bo, der sich entgegen ihrer Erwartung für sie interessiert. Einige Mitschüler mobben Will in der Schule wegen ihrer molligen Figur und auch ihre Mutter legt ihr immer wieder nahe, abzunehmen. Eigentlich fühlt sie sich bisher gut mit den überflüssigen Pfunden, doch je mehr Bo sich ihr nähert, desto größer werden ihre Bedenken, dass ihm ihr Körper zu füllig sein könnte und er sich dann doch noch von ihr abwenden wird. Den jährlichen Schönheitswettbewerb kann sie nicht ignorieren, weil ihre Mutter ihn in ihrer eigenen Jugend gewonnen hat und seit Jahren den Vorsitz im Planungsausschuss einnimmt. Doch statt den Kilos den Kampf anzusagen, stellt Will sich der großen Herausforderung und meldet sich zum Wettbewerb an.

Will und einige Personen, die sie sehr gerne mag, sind große Verehrerinnen der US-Amerikanischen Country-Sängerin Dolly Parton. Deren Songs beleben die Geschichte und gaben mir beim Lesen den einen oder anderen Ohrwurm. Dolly’s Marotte ist es, seit Jahren ihren Körper zahlreichen Schönheitsoperationen zu unterziehen. Sie steht dazu und bleibt trotz dieser körperlichen Veränderungen glaubwürdig mit der Aussagekraft ihrer Songs und ihrem Handeln. Das bewundert auch Will. Die Erzählung wird von ihr in der Ich-Form erzählt, was mir die Möglichkeit gab an ihrer Gefühls- und Gedankenwelt teilzuhaben. Mit den gegen ihre Korpulenz gerichteten Beleidigungen geht sie lässig um und ist um keine Antwort verlegen. Ganz im Gegenteil nimmt sie auch gerne Mitschülerinnen in Schutz, die ähnlich wie sie von anderen schikaniert werden. In dieser Hinsicht bewundert sie ihre langjährige Freundin Ellen, die sehr groß ist und noch selbstbewusster auftritt als sie selbst.

Ich war auf den ersten Seiten über die Art und Weise überrascht wie Will über ihre eigene und die Unzulänglichkeiten ihrer Mitschülerinnen hinweist ohne etwas zu Beschönigen. Doch der Grundton, den die Autorin in ihrer Erzählung anschlägt ist locker-leicht und auch witzig. Dennoch hat das Buch jede Menge Tiefgang. Julie Murphy macht dem Leser in ihrem Buch deutlich, dass es egal ist, wie man aussieht, denn nur die innere Einstellung zählt. Die Selbstverwirklichung, nach der wir streben, zu erreichen ist zwar großartig, gleichzeitig ist es anstrengend, den erreichten Level zu halten. Freundschaft, verbunden mit Zusammenhalt stärkt uns in jeder Lebensphase. Gemeinsam durchleben wir Höhen und Tiefen und müssen nicht immer einer Meinung sein. Gegenseitiger Respekt gehört dazu und das Einlassen auf einen Antrag zur Versöhnung.

Von Beginn an macht die Autorin allerdings auch deutlich, dass jemand mit zu großem Übergewicht gesundheitliche Probleme bekommen kann. Dazu führt sie Will’s Tante Lucy als Beispiel an, deren plötzlicher Tod vor einiger Zeit ihre Nichte immer noch traurig stimmt. Lucy hat aber auch auf viele Vergnügungen verzichtet, weil sie glaubte, diese nicht ausführen zu können. Will entscheidet sich aufgrund der Erfahrungen von Lucy dafür, in ihrem eigenen Leben viel mehr auszuprobieren.

Die Charaktere sind liebevoll und originell gestaltet, die Handlung beeindruckt durch manche unerwartete Wendung. Neben einer Auseinandersetzung zum Mobbing unter Jugendlichen enthält der Roman ebenso eine Konfrontation mit dem Umgang von Meinungsverschiedenheiten mit Freunden und eine romantische Liebesgeschichte. „Dumplin‘ – go big or go home“ macht einfach Spaß, weil die vergnüglichen Szenen die ernsten überspielen. Daher empfehle ich den Roman gerne weiter an Jugendliche ab 13 Jahren, aber auch an junge Erwachsene und Ältere.
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Titel: Dumplin' - Go Big Or Go Home
Autorin: Julie Murphy
Übersetzerin: Kattrin Stier
Erscheinungsdatum: 22.03.2018
Verlag: FJB (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag (Leseexemplar)

[Rezension Hanna] Dumplin' - Go Big Or Go Home von Julie Murphy



Wer Willowdean sieht, der kommt nicht gleich auf die Idee, dass ihre Mutter den jährlichen Schönheitswettbewerb von Clover City organisiert und vor Jahren selbst gewonnen hat. Denn sie ist übergewichtig und wird von ihrer Mutter nur Dumplin‘ – Knödel – gerufen. Eigentlich macht Willowdean das nicht viel aus. Sie hat eine tolle beste Freundin, springt im Sommer im Badeanzug in den Pool und ist ein riesiger Fan von Dolly Parton. Doch als sie sich in den gut aussehenden Bo verliebt, kommen ihr Zweifel. Warum will er sich nur heimlich mit ihr treffen? Durch ihre Entscheidung, selbst am Schönheitswettbewerb teilzunehmen, wird ihr Leben schließlich völlig durcheinandergewirbelt.

Das Cover ist schlicht-elegant und von einem Krönchen geziert, ganz so, wie es sich für ein Buch rund um einen Schönheitswettbewerb gehört. Doch das abgebildete Mädchen im knallroten Kleid hat aber keine Size Zero, sondern einige Kurven – genau wie Willowdean, die sich in diesem Buch zur Teilnahme am Wettbewerb entschließt. Dieser ist schon auf den ersten Seiten ein Thema, denn für ihre Mutter beginnen gerade wieder die Vorbereitungen auf das große Event. Will selbst hat damit nichts am Hut, sie verbringt ihre Zeit lieber mit ihrer besten Freundin, der Musik von Dolly Parton und ihrem Job im Fast-Food-Restaurant.

Von Beginn an hat mir Wills lockerer, leicht sarkastischer Ton gefallen. Sie ist selbstbewusst und ihr Übergewicht ist für sie keine große Sache. Viel nerviger ist, dass ihre beste Freundin Ellen immer mehr Zeit mit ihrer arroganten Kollegin aus dem Klamottenladen verbringt, in dem sie selbst niemals etwas passendes finden wird. Deswegen verpasst sie den richtigen Moment, um ihr zu sagen, dass sie in ihren Kollegen Bo verliebt ist. Außerdem vermisst sie ihre Tante, die vor einigen Monaten gestorben ist und die ihr näher stand als ihre Mutter. Ich konnte gut nachvollziehen, dass sie sich im Stich gelassen fühlt und ihr ausgerechnet in dieser aufregenden Phase jemand zum Reden fehlt.

Mit ihrer Entscheidung, am Schönheitswettbewerb teilzunehmen, kommt ordentlich Schwung in die Geschichte. Will schließt neue Freundschaften, muss sich damit auseinandersetzen, wie es mit ihr und Bo weitergeht und dann ist da auch noch Mitch, der sie um ein Date bittet. Die Geschichte ist temporeich und bietet viele lustige und skurrile Momente. Der Ton ist aber auch immer wieder nachdenklich, wenn es um Wills Gefühle gegenüber Bo, Mitch, Ellen und dem Wettbewerb geht. Ich war sehr neugierig, welchen Weg sie gehen wird. Denn sie ist genau wie die Geschichte alles andere als 0-8-15. Ein wenig gestört haben mich lediglich die Ansätze einer Dreiecksgeschichte, bei der Will sich zum Glück doch früher als später damit auseinandersetzt, was sie wirklich fühlt.

Der Tag des Wettbewerbs rückt mit jeder Seite näher, und entsprechend mehr Raum nehmen die Vorbereitungen mit der Zeit ein. Auch diese erledigt Will auf ihre ganz eigene Weise und mit den Songs von Dolly Parton im Ohr. Die Sängerin ist ihr großes Vorbild, vor allem in Bezug darauf, dass sie sich nicht so viele Gedanken darüber gemacht hat, was andere über sie denken. Auch wenn ich nur wenige Songs kannte fand ich Wills Begeisterung ansteckend und die Momente, an denen sie dadurch an ihre verstorbene Tante erinnert wird, berührend. Bis zum Schluss bleibt Will sich selbst treu und ließ mir als Leserin keine Wahl, als sie ins Herz zu schließen.

In Dumplin' gerät Willowdeans Leben durcheinander, als sie sich verliebt, mit ihrer besten Freundin verkracht und trotz Übergewicht zur Teilnahme am großen Schönheitswettbewerb ihrer Stadt entschließt. Die Geschichte hat emotionale Momente, sie weiß aber vor allem zu unterhalten. Ein gelungenes Buch rund um Familie, Freundschaft, die erste große Liebe und wie wichtig es ist, zu sich selbst zu stehen. Ich gebe eine klare Leseempfehlung!


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Dumplin'
Autorin: Julie Murphy
Übersetzerin: Kattrin Stier
Hardcover: 400 Seiten
Erschienen am 21. März 2018
Verlag: FISCHER FJB

Dienstag, 20. März 2018

[Rezension Ingrid] Louis oder der Ritt auf der Schildkröte von Michael Hugentobler


Der Roman mit dem verwegenen Titel „Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte“ ist der erste aus der Feder von Michael Hugentobler. So ein wenig lässt der Titel bereits ahnen, dass die Geschichte in Richtung Abenteuer geht. Louis ist der Protagonist des Romans, Louis de Montesanto hat der Autor seinen Protagonisten mit vollständigem Namen benannt. Das fiktive Leben der Hauptfigur ist angelehnt an eine reale Person, nämlich an die des Schweizers Louis de Rougemont. Der Titel steht in Bezug zu einem Foto, das den Louis des Romans gemeinsam mit einer Schildkröte zwischen den Beinen zeigt, so dass leicht der Eindruck entsteht, er würde auf ihr reiten. Aber vielleicht hat er das ja auch.

Geboren wurde Louis als Hans Roth in einem kleinen Dorf in den Schweizer Bergen Mitte des 19. Jahrhunderts. Sein Vater war Kutscher und starb vier Jahre nach seiner Geburt. Im Verhältnis zu seinem Kopf war sein Körper recht klein, so dass er physisch auffiel. Bereits als Kind wurde er verspottet und daher verließ er seine Heimat mit dreizehn Jahren, um sein Glück in der Fremde zu suchen. Nach einigen Monaten beim Pfarrer im Tal nahm er dort seinen Abschied und zog durch die Gegend. Seinen Lebensunterhalt sicherte er mehrere Jahre lang durch Gelegenheitsjobs. Als er die Schauspielerin und Schriftstellerin Emma kennen lernt folgt er ihr nach Paris, um ihr den Haushalt zu führen. Hier wird Hans zu Louis. Das ist jedoch erst der Beginn einer langen Reise, die ihn nach England, Amerika, Australien und viele weitere Orte der Welt bringt. Kurz vor der Jahrhundertwende wird er für seine Reiseerzählungen bekannt und bei einem wichtigen Vortrag in London als Lügner tituliert.

Michael Hugentobler liebt das Reisen und lässt seine Leidenschaft in seinen Roman einfließen. Mit Louis de Rougemont hat er ein Vorbild für seinen Protagonisten gefunden, das wenig bekannt, aber überaus interessant ist. Was von den Geschichten, die der reale Louis erzählte, tatsächlich wahr ist, bleibt rätselhaft. Für seinen eigenen Louis erfindet der Autor einen ganz eigenen Ablauf der Erlebnisse, die heldenhaft, verträumt, versponnen und manchmal auch grotesk sind. Unterbrochen werden die Schilderungen durch einen Sprung in die 1960er Jahre in der eine Australierin, offensichtlich auf den Spuren von Hans Roth, die Szene betritt. Diese rätselhafte Gestalt nimmt im Laufe der Erzählung immer mehr Konturen an. Neben unerwarteten Wendungen im Leben von Louis sorgt sie für einen geheimnisvollen Touch der Erzählung.

Der Roman zeigt auf, dass die Menschen sich immer schon für tollkühne, aberwitzige Geschichten besonders interessiert haben, wenn sie gut erzählt und präsentiert wurden. Dazu reichte das Printmedium der Zeitschrift oder Zeitung bereits aus, unterstützt von Mund-zu-Mund-Propaganda. Auch die damaligen Konsequenzen ähneln den heutigen, denn sobald ein vermeintliche Lüge aufgedeckt wird, echauffieren sich die Gutgläubigen, wenden sich im besten Fall ab und im schlechteren sorgen sie für weitere Häme des Betroffenen.

„Louis oder der Ritt auf der Schildkröte“ ist das wagemutige Abenteuer eines verwegenen Helden, der seinen Träumen nachgegangen ist und sich dabei gelegentlich in ihnen verstrickt hat. Der Roman erzählt von der Liebe, dem Leben eines Freigeistes, nicht ohne dabei die Schattenseiten der Unabhängigkeit zu vergessen. Ich empfehle den Roman allen Leser, die sich gedanklich gerne auf ereignisreiche Reisen begeben.

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Titel: Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte
Autor: Michael Hugentobler
Erscheinungsdatum: 09.03.2018
rezensierte Buchausgabe: Lesefahne
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