Rezension von Ingrid Eßer
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Im Roman „Alte Pfade“ begibt sich Alexa Hennig von Lange auf
die Spuren einer Wanderung, die ihr Vater als Architekturstudent den
schottischen Highlands unternommen hat. Die Autorin ist diesen Weg selbst gegangen
und hat ihre eigenen Eindrücke und diverse Fakten aus der Familiengeschichte in
die Erzählung einfließen lassen, die ihre Protagonistin Liliane und deren Vater
erleben. Dadurch wirken die Beschreibungen besonders authentisch und
anschaulich.
Liliane ist achtundvierzig Jahre alt. Als sie zwölf war, hat
ihre Mutter aus bisher unerklärlichen Gründen beschlossen, ihrem Leben ein Ende zu
setzen. Eines Tages erhält sie einen Anruf aus dem Krankenhaus in Iverness (Schottland).
Ihr neunundachtzigjähriger Vater hat einen Herzinfarkt erlitten und musste infolgedessen
sich einer Operation unterziehen. Nach ihrem Urlaub hat sie gerade erst besorgt
festgestellt, dass er nicht zu Hause ist. Sofort versucht sie ihre beiden
Geschwister zu erreichen, bevor sie sich mit ihrem Auto auf die Reise in den
Norden macht. Dort erfährt sie von der Wanderung, auf der ihr Vater sich
befand.
Es gelingt ihr nicht, ihn davon zu überzeugen, mit ihr nach
Hause zurückzukehren. Beunruhigt beschließt sie daher, ihn auf dem weiteren,
bereits geplanten Weg zu begleiten. Das Vorhaben ist nicht nur im Sinne der
Gesundheit ihres Vaters unvernünftig, sondern auch deshalb eine Herausforderung,
weil sie selbst keine Kleidung für eine Wanderung dabeihat.
Sowohl Liliane als auch ihr Vater sind Charaktere, die durch
ihre menschlichen Ecken und Kanten, ihre Widersprüche und Verletzlichkeiten
lebendig und nahbar wirken. Die beiden versuchen in den langen Stunden der ruhigen
gemeinsamen Wegstrecke, einen Zugang zueinander zu finden, der seit dem Tod der
Mutter gestört ist. Liliane lässt Erinnerungen in ihren Gedanken aufleben, in denen
sie nach Versäumnissen ihres Vaters bei der Erziehung seiner Kinder sucht. In
gewissen Dingen war er unnachgiebig, forderte sie auf, sich zusammenzureißen
und nie zurückzublieben. Gleichzeitig hat er ihnen Mut gemacht und Kraft
gegeben.
Im Rückblick beginnt Liliane zu erkennen, wie sehr diese
scheinbar gegensätzlichen Seiten ihres Vaters sie geprägt haben und welche
Bedeutung sie für ihr eigenes Leben besitzen. Dabei gelangt sie zu der Erkenntnis,
dass sie inzwischen genügend eigene Erfahrung besitzt, ihre Wünsche nicht nur
zu äußern, sondern auch durchzusetzen. Durch vorsichtige Fragen erfährt sie mehr
über die Nachkriegserlebnisse ihres damals achtjährigen Vaters und dessen Familie,
die aus Potsdam nach Hamburg floh. Mit dem hinzugewonnenen Wissen und einem veränderten
Blick auf die Vergangenheit bewertet sie auch ihre Ehe, ihre selbst gewollte
Scheidung und das gestörte Verhältnis zu ihrem Sohn neu. Die Auseinandersetzung
mit ihrem Vater wird so zugleich zu einer Reise zu sich selbst, auf der Liliane
alte Sichtweisen hinterfragt und neue Erkenntnisse über sich und ihre
Beziehungen gewinnt.
Liliane ahnt bereits bei ihrem gemeinsamen Aufbruch in
Iverness, dass die kommenden Stunden und Tage auch ein Abschiednehmen sein
könnten. Ihre Sorgen sind gut nachvollziehbar und regen dazu an, darüber
nachzudenken, wie man selbst in einer vergleichbaren Situation handeln würde.
Es ist tief berührend, mit welcher Willenskraft und Beharrlichkeit der Vater an
seinem Vorhaben festhält.
Alexa Hennig von Lange beeindruckt in ihrem Roman „Alte Pfade“ nicht nur mit der Beschreibung der Landschaft der schottischen Highlands, sondern auch mit der Darstellung der gefühlsbetonten Tochter-Vaterbeziehung ihrer Hauptfiguren, die viele so oder ähnlich vielleicht selbst erfahren. Sehr gerne empfehle ich dieses tief bewegende Buch weiter.
