Dienstag, 13. Oktober 2026

Rezension: Alte Pfade von Alexa Hennig von Lange

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Alte Pfade
Autorin: Alexa Hennig von Lange
Erscheinungsdatum: 15.09.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783755800651

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Im Roman „Alte Pfade“ begibt sich Alexa Hennig von Lange auf die Spuren einer Wanderung, die ihr Vater als Architekturstudent den schottischen Highlands unternommen hat. Die Autorin ist diesen Weg selbst gegangen und hat ihre eigenen Eindrücke und diverse Fakten aus der Familiengeschichte in die Erzählung einfließen lassen, die ihre Protagonistin Liliane und deren Vater erleben. Dadurch wirken die Beschreibungen besonders authentisch und anschaulich.

Liliane ist achtundvierzig Jahre alt. Als sie zwölf war, hat ihre Mutter aus bisher unerklärlichen Gründen beschlossen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Eines Tages erhält sie einen Anruf aus dem Krankenhaus in Iverness (Schottland). Ihr neunundachtzigjähriger Vater hat einen Herzinfarkt erlitten und musste infolgedessen sich einer Operation unterziehen. Nach ihrem Urlaub hat sie gerade erst besorgt festgestellt, dass er nicht zu Hause ist. Sofort versucht sie ihre beiden Geschwister zu erreichen, bevor sie sich mit ihrem Auto auf die Reise in den Norden macht. Dort erfährt sie von der Wanderung, auf der ihr Vater sich befand.

Es gelingt ihr nicht, ihn davon zu überzeugen, mit ihr nach Hause zurückzukehren. Beunruhigt beschließt sie daher, ihn auf dem weiteren, bereits geplanten Weg zu begleiten. Das Vorhaben ist nicht nur im Sinne der Gesundheit ihres Vaters unvernünftig, sondern auch deshalb eine Herausforderung, weil sie selbst keine Kleidung für eine Wanderung dabeihat.

Sowohl Liliane als auch ihr Vater sind Charaktere, die durch ihre menschlichen Ecken und Kanten, ihre Widersprüche und Verletzlichkeiten lebendig und nahbar wirken. Die beiden versuchen in den langen Stunden der ruhigen gemeinsamen Wegstrecke, einen Zugang zueinander zu finden, der seit dem Tod der Mutter gestört ist. Liliane lässt Erinnerungen in ihren Gedanken aufleben, in denen sie nach Versäumnissen ihres Vaters bei der Erziehung seiner Kinder sucht. In gewissen Dingen war er unnachgiebig, forderte sie auf, sich zusammenzureißen und nie zurückzublieben. Gleichzeitig hat er ihnen Mut gemacht und Kraft gegeben.

Im Rückblick beginnt Liliane zu erkennen, wie sehr diese scheinbar gegensätzlichen Seiten ihres Vaters sie geprägt haben und welche Bedeutung sie für ihr eigenes Leben besitzen. Dabei gelangt sie zu der Erkenntnis, dass sie inzwischen genügend eigene Erfahrung besitzt, ihre Wünsche nicht nur zu äußern, sondern auch durchzusetzen. Durch vorsichtige Fragen erfährt sie mehr über die Nachkriegserlebnisse ihres damals achtjährigen Vaters und dessen Familie, die aus Potsdam nach Hamburg floh. Mit dem hinzugewonnenen Wissen und einem veränderten Blick auf die Vergangenheit bewertet sie auch ihre Ehe, ihre selbst gewollte Scheidung und das gestörte Verhältnis zu ihrem Sohn neu. Die Auseinandersetzung mit ihrem Vater wird so zugleich zu einer Reise zu sich selbst, auf der Liliane alte Sichtweisen hinterfragt und neue Erkenntnisse über sich und ihre Beziehungen gewinnt.

Liliane ahnt bereits bei ihrem gemeinsamen Aufbruch in Iverness, dass die kommenden Stunden und Tage auch ein Abschiednehmen sein könnten. Ihre Sorgen sind gut nachvollziehbar und regen dazu an, darüber nachzudenken, wie man selbst in einer vergleichbaren Situation handeln würde. Es ist tief berührend, mit welcher Willenskraft und Beharrlichkeit der Vater an seinem Vorhaben festhält.

Alexa Hennig von Lange beeindruckt in ihrem Roman „Alte Pfade“ nicht nur mit der Beschreibung der Landschaft der schottischen Highlands, sondern auch mit der Darstellung der gefühlsbetonten Tochter-Vaterbeziehung ihrer Hauptfiguren, die viele so oder ähnlich vielleicht selbst erfahren. Sehr gerne empfehle ich dieses tief bewegende Buch weiter.

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