Mittwoch, 28. Oktober 2026

Rezension: Zeiten erhöhter Gefahr von Julia von Lucadou

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Zeiten erhöhter Gefahr
Autorin: Julia von Lucadou
Erscheinungsdatum: 18.08.2026
Verlag: Hanser Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783446282995

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Johannes, kurz Jot genannt, ist der Protagonist des Romans „Zeiten erhöhter Gefahr“ von Julia von Lucadou. Er ist Mitte Fünfzig, geschieden, hat eine erwachsene Tochter und lebt im Schweizer Kanton Aargau. Seit fünfzehn Jahren arbeitet er als Berater für ein Unternehmen, das Bunker für Privatleute herstellt. Die Handlung spielt im Jahr 2014. Jot rechnet auch in seinem persönlichen Umfeld mit einer Zunahme von Gefahren und legt großen Wert auf Vorsorge für mögliche Krisen. Routinen und Kontrollen bestimmen seinen Alltag. Eines Tages findet er auf seiner morgendlichen Laufrunde die Leiche eines jungen Mannes im Steinbruch, der unweit seiner Wohnung liegt.

Das Bild des Toten, der seltsam daliegt, prägt sich Jot tief ein. In der Folgezeit rufen Erinnerungen an den Fundort verschiedene Details wach, die er zu hinterfragen beginnt. Er lässt nicht ab von seiner Vermutung, dass es sich um einen Mord handelt. Seine Spurensuche führt dazu, dass nach und nach immer mehr Bilder aus seiner Jugend in ihm wachgerufen werden, die er lange verdrängt oder vergessen zu haben glaubte. Die vergebliche Suche nach einem Ansprechpartner, der seinen Verdacht ernst nimmt, sowie ein beruflich wichtiges Geschäft setzen ihn zunehmend unter Druck. Schließlich fällt es ihm immer schwerer, zwischen realen Ereignissen und seinen eigenen Vorstellungen zu unterscheiden. Hat er sich Dinge eingebildet, die sich so nie zugetragen haben, oder doch?

Zu Beginn des Romans lässt sich Jots Wunsch, zur Aufklärung eines möglichen Verbrechens beizutragen, gut nachvollziehen. Allerdings ließ mich die überraschende Reaktion der Kantonspolizei argwöhnisch werden und erste Zweifel an der Darstellung von Jot kamen auf. Dennoch war ich zunächst weiterhin bereit, ihm Glauben zu schenken. Erschienen anfangs die Rückblenden noch von geringer Bedeutung, erschließen sich mit jeder weiteren Erinnerung neue Zusammenhänge. Auch sein ständig kontrolliertes, von festen Routinen geprägtes Verhalten lässt sich immer besser einordnen. Zugleich bleibt die Unsicherheit bestehen, inwieweit seine Wahrnehmung verlässlich ist.

Immer wieder erwähnt Julia von Lucadou tatsächlich geschehene, beunruhigende Umweltkatastrophen, an die man sich meist ungern erinnert. Sie regen dazu an, darüber nachzudenken, wie gut man selbst auf solche Ereignisse vorbereitet ist und wie viel Sicherheit Vorsorge tatsächlich bieten kann. Geschickt verwebt die Autorin Szenen aus Frank Kafkas Roman „Der Process“ mit der Handlung. Jot erkennt Parallelen zwischen dem literarischen Geschehen und den gerade erlebten Begebenheiten, glaubt aber auch, Details in Kunstwerken zu entdecken.

„Zeiten erhöhter Gefahr“ von Julia von Lucadou ist ein zunehmend verstörender Roman, der die Frage aufwirft, wie sicher wir uns über das sein können, was wir erinnern und wodurch die Gedächtnisarbeit beeinflusst wird. Hinzu kommt das höchst aktuelle, beunruhigende Thema, wie wir uns vor globalen Umweltproblemen schützen können. Unbehagen und Faszination wechselten sich beim Lesen ab. Sehr gerne empfehle ich diesen ungewöhnlichen Roman weiter.

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