Rezension von Ingrid Eßer
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Johannes, kurz Jot genannt, ist der Protagonist des Romans
„Zeiten erhöhter Gefahr“ von Julia von Lucadou. Er ist Mitte Fünfzig,
geschieden, hat eine erwachsene Tochter und lebt im Schweizer Kanton Aargau. Seit
fünfzehn Jahren arbeitet er als Berater für ein Unternehmen, das Bunker für
Privatleute herstellt. Die Handlung spielt im Jahr 2014. Jot rechnet auch in
seinem persönlichen Umfeld mit einer Zunahme von Gefahren und legt großen Wert
auf Vorsorge für mögliche Krisen. Routinen und Kontrollen bestimmen seinen
Alltag. Eines Tages findet er auf seiner morgendlichen Laufrunde die Leiche eines
jungen Mannes im Steinbruch, der unweit seiner Wohnung liegt.
Das Bild des Toten, der seltsam daliegt, prägt sich Jot tief
ein. In der Folgezeit rufen Erinnerungen an den Fundort verschiedene Details wach,
die er zu hinterfragen beginnt. Er lässt nicht ab von seiner Vermutung, dass es
sich um einen Mord handelt. Seine Spurensuche führt dazu, dass nach und nach
immer mehr Bilder aus seiner Jugend in ihm wachgerufen werden, die er lange
verdrängt oder vergessen zu haben glaubte. Die vergebliche Suche nach einem
Ansprechpartner, der seinen Verdacht ernst nimmt, sowie ein beruflich wichtiges
Geschäft setzen ihn zunehmend unter Druck. Schließlich fällt es ihm immer
schwerer, zwischen realen Ereignissen und seinen eigenen Vorstellungen zu
unterscheiden. Hat er sich Dinge eingebildet, die sich so nie zugetragen haben,
oder doch?
Zu Beginn des Romans lässt sich Jots Wunsch, zur Aufklärung
eines möglichen Verbrechens beizutragen, gut nachvollziehen. Allerdings ließ
mich die überraschende Reaktion der Kantonspolizei argwöhnisch werden und erste
Zweifel an der Darstellung von Jot kamen auf. Dennoch war ich zunächst
weiterhin bereit, ihm Glauben zu schenken. Erschienen anfangs die Rückblenden noch
von geringer Bedeutung, erschließen sich mit jeder weiteren Erinnerung neue
Zusammenhänge. Auch sein ständig kontrolliertes, von festen Routinen geprägtes
Verhalten lässt sich immer besser einordnen. Zugleich bleibt die Unsicherheit
bestehen, inwieweit seine Wahrnehmung verlässlich ist.
Immer wieder erwähnt Julia von Lucadou tatsächlich
geschehene, beunruhigende Umweltkatastrophen, an die man sich meist ungern
erinnert. Sie regen dazu an, darüber nachzudenken, wie gut man selbst auf
solche Ereignisse vorbereitet ist und wie viel Sicherheit Vorsorge tatsächlich
bieten kann. Geschickt verwebt die Autorin Szenen aus Frank Kafkas Roman „Der
Process“ mit der Handlung. Jot erkennt Parallelen zwischen dem literarischen
Geschehen und den gerade erlebten Begebenheiten, glaubt aber auch, Details in
Kunstwerken zu entdecken.
„Zeiten erhöhter Gefahr“ von Julia von Lucadou ist ein
zunehmend verstörender Roman, der die Frage aufwirft, wie sicher wir uns über das
sein können, was wir erinnern und wodurch die Gedächtnisarbeit beeinflusst wird.
Hinzu kommt das höchst aktuelle, beunruhigende Thema, wie wir uns vor globalen
Umweltproblemen schützen können. Unbehagen und Faszination wechselten sich beim
Lesen ab. Sehr gerne empfehle ich diesen ungewöhnlichen Roman weiter.
