Montag, 19. März 2018

[Rezension Hanna] Bis zum Himmel und zurück - Catharina Junk



Katja ist Drehbuchautorin und erhält ein verlockendes Angebot: Sie soll ein Konzept für eine neue Feel Good Familienserie entwickeln. Das ist ihre Chance! Denn die Arbeit für „Wache Mitte“, bei der sie ihre Drehbücher ständig wegen Sonderwünschen der anstrengenden Hauptdarstellerin umschreiben muss, macht ihr schon lange keinen Spaß mehr. Jetzt fehlt ihr nur noch eine zündende Idee. Zum Glück ahnen die Auftraggeber nicht, wie zerrüttet ihre eigene Familie ist. Seit Jahren hat sie keinen Kontakt zu ihren Eltern mehr – bis ihre Mutter aus Italien anruft und sie informiert, dass ihr Vater in Bremen im Koma liegt. Als dann auch noch ihre bislang unbekannte Halbschwester vor ihrer Tür in Hamburg steht, ist das Chaos perfekt. Doch eins lässt sie nicht los: Ihre Schuldgefühle wegen eines lange zurückliegenden Schicksalsschlags…

Das Cover des Buches vermittelt Leichtigkeit und gibt mit dem Titel ein Versprechen, das im Buch noch oft wiederholt werden soll. Denn Katjas Vater ist Wissenschaftler und erforscht Kometen, sodass sich die Gute-Nacht-Geschichten ihrer Kindheit rund um das Weltall und Astronauten drehten. Inzwischen ist Katja erwachsen und hat zu ihren Eltern keinen Kontakt mehr. Als ihre Mutter sich meldet und ihr sagt, dass „die Frau“ sie über den Schlaganfall und das Koma von Katjas Vater informiert hat, ist für sie klar: Sie hat seit Jahren nicht mit ihm geredet, deshalb muss sie ihn jetzt auch nicht besuchen. Dennoch kommen durch die Nachricht zahlreiche Erinnerungen an die Oberfläche.

Schnell merkt man als Leser, dass Katja mit sich selbst nicht ganz im Reinen ist. Ihre Nicht-Beziehung zu Ratko besteht vor allem darin, dass er redet und sie schweigt. Als Drehbuchautorin soll nun ausgerechnet sie über Familie schreiben, die vor Jahren jeglichen Kontakt zu ihren Eltern abgerochen hat. In kurzen Rückblenden erfährt man als Leser immer mehr über ihre Kindheit, warum ihre Familie zerfallen ist und wieso sie bis heute Schuldgefühle hat. Hier gibt es einige traurige Momente und ich konnte gut nachvollziehen, warum Katja die Irrationalität ihrer Gedanken und Gefühle bis heute nicht überwunden hat. Ihre quirlige Halbschwester Jella, von deren Existenz Katja bis dato gar nichts ahnte, sorgt schließlich dafür, dass sie sich der Vergangenheit stellen muss.

Zum ersten Mal erfährt Katja mehr über das Leben ihres Vaters nach dem Kontaktabbruch und trifft mit Jellas Bruder Joost auf jemandem, der unter den Entwicklungen ebenfalls gelitten hat, wenn auch aus anderem Grund und auf andere Weise. Die Autorin hat Charaktere mit Tiefe geschaffen, über die ich gerne mehr erfahren wollte. Katja hat in der Vergangenheit Erfahrungen gemacht, an denen sie beinahe zerbrochen ist, und die mich betroffen machten. Unterhaltsame Szenen lockerten die Stimmung aber immer wieder ein wenig auf, und auch eine schöne Liebesgeschichte wird ganz ohne Kitsch erzählt. Ein vielschichtiges Buch, das trotz ernster Themen zum Ende hin hoffnungsvoll stimmt und mich berühren konnte.

In „Bis zum Himmel und zurück“ sucht Katja nach einer Idee für eine lockere Familienserie, als sie die Nachricht vom Schlaganfall und Koma ihres Vaters erhält, zu dem sie vor Jahren den Kontakt abgebrochen hat. Das Buch erzählt in Rückblicken von Unfall und Selbstmord, selbstverletzendem Verhalten und dem Auseinanderbrechen von Familien. In der Gegenwart bringen die Ereignisse Katja und ihr Umfeld dazu, vieles endlich aufzuarbeiten. Hier gibt es auch so manche unterhaltsame Szene, die der Geschichte trotz so vieler ernster Themen immer wieder eine gewisse Leichtigkeit zurück gibt. Ich gebe deshalb eine ganz klare Leseempfehlung!


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Bis zum Himmel und zurück
Autorin: Catharina Junk
Hardcover: 352 Seiten
Erschienen am 13. März 2018
Verlag: Kindler

Sonntag, 18. März 2018

[Lesungsbericht] Verleihung des 9. Debütpreises der litcologne


Rezensionen auf unserem Blog zu den Büchern:
- Claudia Tieschky "Engele" -> LINK
- Anne Reinecke "Leinsee" -> LINK 
- Axel Ranisch "Nackt über Berlin" -> LINK

Am 17. März 2018 wurde zum 9. Mal der mit EUR 2.222,22 dotierte Debütpreis der lit.cologne verliehen. Dargereicht wird der Preis in einem silbernen Sparschwein, weswegen er früher den Namen Silberschweinpreis trug. Weil der Preis immer mehr Interesse beim Publikum gefunden hat, wurde die Veranstaltung vom Depot in Köln-Mülheim in die Balloni-Hallen nach Köln-Ehrenfeld verlegt und bot im ausverkauften Raum fast 500 Personen Platz.

Die Stimmzettel lagen bereits auf den einzelnen Plätzen bereit. Wie jedes Mal wird der Debütpreis am gleichen Abend durch die Abstimmung der Zuschauer vergeben. Die Reihenfolge der Autoren- und Buchvorstellung wird ausgelost. Im Folgenden liest dann jeder Autor einen Auszug aus seinem Roman, gefolgt von einem Interview und einer Laudatio, dem sogenannten "Freundschaftsdienst".

Nach der Begrüßung durch Eva Schuderer vom Organisationsteam der lit.cologne, eröffnete auch in diesem Jahr die Schweizer Journalistin Monika Schärer den Abend.
(von links nach rechts die nominierten Autoren:
Anne Reinecke, Claudia Tieschky und Axel Ranisch)

Die Auslosung ergab, dass Claudia Tieschky als erstes ihr Buch "Engele" vorstellen sollte.  Auszugsweise sei hier erwähnt, dass der Roman nominiert wurde, weil er ebenso klug wie sinnlich ist. Der Text ist funkelnd und präsentiert eine Geschichte mit Vergangenheit, eine Familiengeschichte, PageTurner (Zitate aus der vorgelesenen Jurybegründung). Für Claudia Tieschky war es erst die zweite Lesung aus ihrem Buch überhaupt. Die Laudatio für die Autorin und den Roman hielt Claudia Tieschkys Kollege von der Süddeutschen Zeitung Willi Winkler, ein Journalist und Literaturkritiker.
Claudia Tieschky liest aus "Engele"

Willi Winkler bei seiner Laudatio auf Claudia Tieschky
und ihren Roman "Engele"

Als nächstes stellte Anne Reinecke ihren Roman "Leinsee" vor. Sie ist vor sieben Monaten Mutter geworden und arbeitet als Stadtführerin in Berlin. Der Roman wurde nominiert, weil er mit scheinbarer Sicherheit Kunst und Leben zu einer Liebesgeschichte verwebt und die schönsten Überschriften sein eigen nennt (frei zitiert nach der offiziellen Jurybegründung). Nach Lesung und Interview mit Monika Schärer hielt Katharina Peter, eine sehr gute Freundin von Anne Reinecke, den Freundschaftsdienst. Beide gehören zu den Gründern der Autorengruppe Kommando Torben B.
Monika Schärer (links) beim Interview mit Anne Reinecke (rechts)

Laudatio auf Anne Reinecke mit ihrem Roman "Leinsee"
 durch Katharina Peter

Als dritter Autor des Abends las der Drehbuchautor, Filmregisseur und Produzent Axel Ranisch aus seinem Buch "Nackt über Berlin". Die Geschichte wurde nominiert, weil sie temporeich und humorvoll ist, ein Coming-Of-Age-Roman, eine Liebesgeschichte zweier 17-Jähriger, lebensklug und eine Suche nach der Tonlage zwischen den Generationen beinhaltete (freies Zitat nach der offiziellen Jurybegründung). Die Laudatio besonderer Art übernahm das Martina Eisenreich Quartett, das aus guten Freunden des Autors besteht. Eine tragende Rolle übernahm dabei der Percussionist Wolfgang Lohmeier, der live performte.
Axel Ranisch bei seiner Lesung aus "Nackt über Berlin"

Wolfgang Lohmeiers Percussion zu
 "Nackt über Berlin" von Axel Ranisch

In jedem Interview befragte Monika Schärer den Autor zur Entstehunggeschichte des Romans. So erfuhren wir im Publikum, dass einige Ereignisse aus der Familiengeschichte oder dem Umfeld des Autors Eingang in die Erzählung gefunden haben.

Nach einer Pause, in der die vorher abgegebenen Stimmen des Publikums ausgezählt wurden, rief Monika Schärer noch einmal alle Nominierten auf die Bühne. Das Ergebnis lag stimmenmäßig so eng beisammen wie noch nie. Während der Gewinner 170 Stimmen auf sich vereinte, erhielten die nachfolgenden Plätze 149 beziehungsweise 138 Stimmen. Herr Preuss von der RheinEnergie, die den jährlichen Preis stiftet, überreichte jedem Autor als Anerkennung eine Powerbank und eine Leselampe. Als Sieger wurde schließlich Axel Ranisch benannt, der stolz das Silberschwein entgegen nahm.
(von links nach rechts: Herr Preuss von RheinEnergie, Monika Schärer
Anne Reinecke, Claudia Tieschky und Axel Ranisch
 bei der Übergabe der Anerkennungen)

(Monika Schärer (links) und Herr Preuss von RheinEnergie
 beim Überreichen des Silberschweins an Axel Ranisch (rechts))


Herzlichen Glückwunsch auch von uns an den Gewinner und allen Nominierten viel Erfolg für ihre Debütromane!

Donnerstag, 15. März 2018

[Rezension Ingrid] Nackt über Berlin von Axel Ranisch



„Nackt über Berlin“ ist der Debütroman von Axel Ranisch, der in Berlin lebt und hier auch seine Geschichte überwiegend spielen lässt. Die Handlung spielt im Herbst 2015, die Kapitel sind entsprechend mit dem jeweiligen Tag betitelt. Das Cover ist auffällig gestaltet und deutet bereits an, dass hier wohl jemand „in die Pfanne gehauen“ wird.

Die Erzählung hat mehrere Protagonisten, einer davon ist der übergewichtige 16-jährige Jannik, der weite Strecken lang als Ich-Erzähler fungiert. Eine weitere Hauptfigur ist sein gleichaltriger Mitschüler und Freund Tai, der vietnamesischer Herkunft ist. Sie werden von Freunden und Bekannten auch „Fetti“ und „Fidschi“ gerufen. Während Jannik ein großer Freund klassischer Musik ist, hält Tai seinen Alltag mit einem Camcorder fest.

Eines Tages sammeln sie den Rektor ihrer Schule, Jens Lamprecht, von der Straße auf und bringen ihn, stark alkoholisiert, zu seinem Appartement im 25. Stock eines Neubaus. Hieraus resultiert der Titel des Buchs, weil Herr Lamprecht sich im Folgenden teilweise unbekleidet hier aufhält. Den Hausschlüssel nehmen Tai und Jannik mit. Tai ist durch Verwandte und Bekannte mit den Räumlichkeiten vertraut. Gemeinsam beginnen die beiden ein perfides Spiel mit dem Rektor. Für Herrn Lamprecht als weiterer Protagonist des Romans ist die Situation zunächst gar nicht so schlimm, doch im weiteren Zeitablauf gehen seine Vorräte langsam zur Neige. Dadurch gerät auch seine Stimmung in Schieflage. Tai und Jannik sorgen für immer neue Überraschungen. Allmählich beginnt das Gewissen Jannik zu drücken. Wird er handeln und das Spiel beenden?

Jannik hat ein Jahr vorher die Schule gewechselt. Jetzt ist er froh, dass er in Tai einen guten Freund gefunden hat, der nicht nur seine Liebe zur Klassik akzeptiert sondern auch gerne mithört. Bisher hat Jannik sich noch nicht verliebt, ahnt aber bereits, dass Mädchen dabei keine Rolle spielen werden. Zunächst ist er sich noch nicht sicher, aber immer mehr fühlt er sich zu Tai hingezogen. Die beiden reden in einem jugendlichen Slang, der manchmal auch unter die Gürtellinie geht, durch den beide sich aber ihrer Generation zugehörig fühlen.

Neben der Story, die Jannik aus seiner Sicht erzählt, wechseln die Kapitel später immer wieder zu Herrn Lamprecht. Diese Teile werden von einem allwissenden Erzähler geschildert. Mit wenigen Sätzen beschreibt Jannik zu Beginn der Geschichte seinen Rektor mit Ecken und Kanten und durchaus nicht bei allen beliebt. Ganz am Rand taucht der Selbstmord einer Mitschülerin auf, der immer mehr in den Fokus rückt. Während Jannik mit seiner erwachenden Liebe kämpft, gerät Herr Lamprecht durch die Einsamkeit mit immer neuen Widrigkeiten in derartige Seelennöte, die ihn dazu bringen über verschiedene Stationen seines Lebens nachzudenken und neu zu bewerten. Das Handeln von Jannik und Tai versucht der Autor zwar zu erklären, doch die Konsequenzen ihrer Aktion halte ich für unverhältnismäßig.

„Nackt über Berlin“ ist die Verkopplung einer erwachenden Liebe eines ungewöhnlichen Charakters und der aufregende Aufklärung eines Selbstmords. Dazu benutzt Axel Ranisch eine flotte, freie, humorvolle Sprache, die auch den ernsten Teil der Erzählung überlagert. Der Roman erhält dadurch einen besonderen Unterhaltungswert. Das Buch ist nicht für jeden geeignet, sondern eher für ältere Jugendliche und Erwachsene, die über die Auseinandersetzung von Jugendlichen mit der Adoleszenz lesen wollen und vor Übermut, der auf die Spitze getrieben wird, nicht zurück schrecken.

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Titel: Nackt über Berlin
Autor: Axel Ranisch
Erscheinungsdatum: 23.02.2018
Verlag: Ullstein (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover


Dienstag, 13. März 2018

[Rezension Ingrid] Engele von Claudia Tieschky


„Engele“ ist der Debütroman von Claudia Tieschky. Der Titel ist dem Nachnamen von Siegfried, dem Großvater der Protagonisten Lotte, entlehnt. Lotte sucht nach Freiheit und scheut jede feste Bindung. Bereits das Buchcover vermittelte mir ein kleines Stück dieses Wunsches mit dem Blick der abgebildeten Figur in den endlos wirkenden Himmel.

So ähnlich wie sie schaut nun zu Beginn des Romans Lotte in einem Berliner Hotelzimmer in die Dunkelheit der Nacht, hinter ihr im Bett liegt Frieder, der geliebte Mann. Lotte ist Journalistin und wohnt in München. Mit Frieder trifft sie sich in unregelmäßigen Abständen in Berlin. Die Stadt verbindet sich für beide im Laufe der Zeit mit der Liebe, Lotte verbindet damit aber auch die aufregenden Jahre ihrer Großmutter Ruth, zu der ihre Gedanken schweifen, während sie in den Nachthimmel schaut. Frieder und Lotte erzählen sich gerne Geschichten, die den anderen überraschen, wahrscheinlich, um das Schweigen zwischen ihnen zu überbrücken und nicht von sich und ihrem Alltag erzählen zu müssen. Lotte beschließt, ihre Erinnerungen an Ruth zu teilen.

Ruth kam als junge Frau 1936 auf der Suche nach Unabhängigkeit nach Berlin und ging dort einer Anstellung als Kinderpflegerin im Krankenhaus von Virchow nach. In ihrer Freizeit frönte sie dem Laster. Zigaretten, Alkohol und Liebeleien gehören für sie zu ihrer Vorstellung von Freiheit. Sie gibt sich mondän und genießt ihr Leben in vollen Zügen, bis sie 1942 den einige Jahre älteren Siegfried trifft. Er ist Offizier, aber gleichzeitig auch Musiker und angehender Komponist. Einige Zeit nach der Geburt von Clara, der Mutter von Lotte, ziehen sie wegen des Kriegs in die Heimat von Siegfried in den Süden Deutschland. Ruth arrangiert sich mit den veränderten Verhältnissen und lebt nun eine andere Art von kleinem Glück, bis dieses jäh beendet wird, als Siegfried ein Verbrechen begeht.

Die Autorin hat sich von ihrer eigenen Familiengeschichte zu diesem Roman inspirieren lassen. Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt sie ihre Geschichte so, dass sie realistisch erscheint. Obwohl die Erzählung durch die gedanklichen Sprünge von Lotte, die sich zu verschiedenen Zeiten an unterschiedlichen Orten erinnert, stückweise erzählt wird, ergibt sie ein zusammenhängendes Bild. Sah ich zunächst noch mit Ruth eine junge Frau mit Zöpfen und Koffer am Bahnhof ihrer Heimat stehen auf dem Weg nach Berlin, so zog ich im Folgenden Anfang der 1970er mit ein in das neue Einfamilienhaus von Claras kleiner Familie und landete wieder in der Gegenwart an Lottes Seite.

Claudia Tieschky distanziert sich an einigen Stellen bewusst von ihrer Protagonistin, scheinbar ordnend, um den Augenblick zu vergegenwärtigen und dann wieder in die Gedankenwelt von Lotte einzusteigen. Mehrfach sucht Ruths Enkelin nach Gründen, warum sie ausgerechnet jetzt dem Leben ihrer Großmutter nachgeht. Immer mehr wird ihr bewusst, wie stark sie von ihr geprägt wurde. Allein aus Erzählungen macht sie sich ein Bild von ihr, das stark geprägt ist von Willenskraft und Selbstbewusstsein, aber auch Hartnäckigkeit verbunden mit klaren Ansagen. Fotos zeigen ihren Hang zum Besonderen, das jedoch im Zeitablauf an Extravaganz verloren hat. Lotte kann sich selbst aber noch an das gebliebene Durchsetzungsvermögen erinnern.

Clara wirkt im direkten Vergleich mit Ruth farblos, möglicherweise weil sie dadurch gegen ihre Mutter und deren Verhalten rebelliert. Ist Lotte zunächst nicht bewusst, warum Clara das tut, so wird ihr der Grund später klar. Der Schlüssel dazu ist Siegfried. Er bietet ihr eine finanzielle Absicherung. Sein Verstoß gegen Anstand und Gesetz lässt Ruths Arrangement mit dem gesitteten Leben einer Ehefrau platzen und neue Wesenszüge auftreten. Sie wird zu der Frau, an die Lotte sich erinnert und mit der sie sich nun vergleicht.

„Engele“ ist ein Roman über drei auf ihre ganz eigene Weise starke Frauen, deren Leben eng miteinander verknüpft sind. Er spielt vor den realen geschichtlichen Begebenheiten und bildet ganz nebenbei ein Bild unserer Gesellschaft ab. Von Beginn an lauert im Hintergrund das Unbegreifliche, dem ich mich an der Seite von Lotte zaudern näherte. Die Folgen, mit denen Ruth all die Jahre gelebt hat, drückt diese immer wieder durch ein Abgleiten ins Vulgäre aus. Die Erzählung wird dadurch lebendig und aufwühlend. Eine unerwartete Wendung sorgt für einen furiosen Abschluss des Romans. Leise Töne, Kraft und Ausdruck vereinen sich hier zu einer wunderbaren Geschichte, die ich gerne weiterempfehle.

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Titel: Engele
Autorin: Claudia Tieschky
Erscheinungsdatum: 13.03.2018
Verlag: Rowohlt Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar im Taschenbuchformat

Montag, 12. März 2018

[Rezension Hanna] Höllenjazz in New Orleans - Ray Celestin


 

New Orleans im Jahr 1919: Ein Unbekannter treibt in der Stadt auf bestialische Weise sein Unwesen und verhält sich wie ein Geist. Der sogenannte Axeman tötet und verstümmelt seine Opfer mit einer Axt und hinterlässt Tarotkarten. Dann verlässt er das Haus, ohne dass etwas auf seine Tat hinweist. Detective Lieutnant Michael Talbot versucht, ihm auf die Schliche zu kommen. Doch seine Ermittlungen laufen ins Leere, bis er einen Tipp von der Presse erhält. Unterdessen wollen auch zwei andere die Identität des Axeman lüften: Luca kommt gerade aus dem Gefängnis und soll den Täter im Auftrag der Mafia finden, weil er deren Geschäft in Gefahr bringt. Und Ida hat einen langweiligen Bürojob bei der Pinkerton Detektivagentur und nutzt den Fall, um heimlich Ermittlungserfahrung zu sammeln. Kann einer von ihnen das Geheimnis lüften?

Der Totenkopf auf dem Cover macht schon deutlich, dass in diesem Buch großzügig gemordet wird. Auch die Bedeutung des Titels ist schnell gelüftet: Im Prolog erhält der Journalist John Riley einen Brief des Axeman, der den Zeitpunkt des nächsten Mordes ankündigt und dass jeder verschont bleibt, in dessen Haus dann eine Jazzband spielt. Wer wissen will, was es damit genau auf sich hat, muss sich allerdings in Geduld üben, denn der Brief spielt erst in der zweiten Buchhälfte eine Rolle.

Erst einmal lernt der Leser Michael, Luca und Ida kennen. Diese könnten unterschiedlicher nicht sein. Michael ist offiziell mit den Ermittlungen zu diesem Fall betraut und gerät aufgrund des ausbleibenden Erfolgs immer stärker unter Druck. Sein Privatleben bietet außerdem Anlass zu zahlreichen Gerüchten – hält er daheim wirklich eine Frau eingesperrt? Luca wurde gerade erst aus dem Gefängnis entlassen, in das Michael ihn Jahre zuvor gebracht hat. Da die Person, die seine Ersparnisse verwaltet hat, hochgenommen wurde, muss er wieder zurück in den Schoß der Mafia und für diese arbeiten. Dabei trifft er unweigerlich auf Michael. Wie wird das Wiedersehen ausfallen?

Die selbstbewusste Ida hat nur ein Achtel schwarzen Blutes in sich und geht deshalb oft auch als Weiße durch, was in mancher Situation hilfreich ist. Gemeinsam mit ihren besten Freund Lewis, der Kornett in einer Jazzband spielt, ermittelt sie auf eigene Faust. Während der Ermittlungen erhält der Leser ein gutes Bild von New Orleans nach Ende des ersten Weltkriegs. Die Diskriminierung von Schwarzen ist stark ausgeprägt – es gibt zahlreiche Gesetze, die strikte Grenzen ziehen und manche Stadtviertel sind für sie lebensgefährlich. Die Black Hand hat als Mafia die Stadt fest im Griff, und kürzlich wurde das Vergnügungsviertel geschlossen und die Prohibiton verabschiedet. Was all das für den Alltag bedeutet erfährt man aus der Perspektive der unterschiedlichen Charaktere.

Gleich zu Beginn hat mich die vorangestellte Übersicht der Personen ein wenig abgeschreckt. Diese werden alle namentlich aufgelistet, anderthalb Seiten sind allein mit den Mitarbeitern der Polizei gefüllt. Da keine weiteren Informationen abgedruckt sind hat mir das nicht weitergeholfen. Es macht aber früh deutlich, dass hier zahlreiche Personen ihre Finger im Spiel haben. Michael, Luca und Ida ermitteln alle gleichzeitig und nähern sich der Wahrheit aus verschiedenen Richtungen. Das Buch ist voller Verstrickungen, Geheimnisse und Intrigen. Zum Ende hin gab es für meinen Geschmack allerdings zu viele Tote in zu kurzer Zeit.

In „Höllenjazz in New Orleans“ zieht der Axeman mordend durch New Orleans, während gleich drei Personen auf ihre eigene Weise versuchen, seine Identität zu lüften. Die Atmosphäre der Stadt zu jener Zeit wurde gelungen eingefangen und ich fand es spannend, in diese Zeit einzutauchen. Die Ermittlungen sind komplex und versorgen den Leser stückweise mit neuen Informationen. Ich vergebe knappe vier Sterne an die Ermittlungen im historischen New Orleans, die lose auf einer tatsächlichen Mordserie beruhen.

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Höllenjazz in New Orleans
Autor: Ray Celestin
Übersetzerin: Elvira Willems
Paperback: 512 Seiten
Erschienen am 1. März 2018
Verlag: Piper Paperback

Samstag, 10. März 2018

[Rezension Hanna] Dunkelgrün fast schwarz - Mareike Fallwickl



Moritz und seine Freundin Kristin freuen sich auf ihr erstes Kind, der Entbindungstermin steht kurz bevor. Doch dann steht Moritz‘ bester Freund Raffael vor der Tür, den er seit sechzehn Jahren nicht gesehen hat. Es gab eine Zeit, da waren sie als Motz und Raf unzertrennlich. Sie beide, und Jo. Doch dann ist etwas passiert. War es von Beginn an eine unausweichliche Konsequenz? Oder doch nur eine zufällige Entwicklung? Und was heißt das heute für sie?

Die dunklen Farben des Covers machten mich neugierig, welche Geheimnisse ich wohl entdecken werde, wenn ich einen Blick hinter die abgebildeten Farne und zwischen die Buchdeckel werfe. Gleich zu Beginn wird Moritz‘ Leben von einem Moment auf den nächsten auf den Kopf gestellt, als sein bester Freund nach sechzehn Jahren als Übernachtungsgast vor der Tür steht.

Im Folgenden springt das Buch in die Vergangenheit und erzählt aus der Perspektive von Moritz‘ Mutter Marie, wie die Freundschaft der beiden begonnen hat. Marie ist mit ihren beiden Kindern von Wien aufs Land nach Hallein gezogen, es war zu wenig Platz in der engen Stadtwohnung. Ihr Mann Alexander hat dort ein Haus von seinen Großeltern geerbt. Hier soll sie auf ihn warten, bis er mit dem Medizinstudium fertig ist. Sie ist eine Fremde - genau wie Sabrina, Raffaels Mutter. Und doch sind die beiden ganz verschieden. Moritz und Raf scheinen sich hingegen gefunden zu haben. Doch da gibt es immer wieder Momente, die Marie ins Grübeln bringen, wie gut die Freundschaft für Moritz ist.

Zurück in der Gegenwart lernt man eine weitere Beteiligte kennen: Johanna lebt in Florenz und muss feststellen, dass Raf gegangen ist. Sie setzt alles daran, ihn wiederzufinden, wie sie es schon oft getan hat. Indem der Roman regelmäßig zwischen der Gegenwart und Vergangenheit sowie den Perspektiven von Moritz, Marie und Johanna wechselt taucht man als Leser immer tiefer ins Geschehen ein und begreift Stück für Stück, was eigentlich vor sich geht. Das ist zunächst weder dem Leser noch Moritz klar, als Raffael so urplötzlich in sein Leben eindringt. Der Autorin gelingt es, mich durch die von ihr gewählten Worte zu fesseln und die Geschichte gleichzeitig so geschickt zu erzählen, dass ich auf der Suche nach Antworten unbedingt weiterlesen wollte.

Dunkelgrün fast schwarz ist die Aura, die Raffael umgibt, als er sich bei Moritz einnistet. Denn Moritz sieht bei jedem Menschen Farben, die ihn umgeben. Ein wohlgehütetes Geheimnis, das er Raf damals verraten hat. Mit seinem Verhalten und den Erinnerungen, die er mit sich bringt, reißt er bei Moritz alte Wunden auf. Wie Johanna ins Bild passt, gilt es herausfinden. Am Ende steht ein Begreifen, das viele unterschiedliche Gefühle auslöst und die Frage aufwirft, inwiefern späte Erkenntnis hilft oder schadet. Ein gelungener Abschluss für dieses ungewöhnliche Buch.

Der Autorin Mareike Fallwicks ist mit „Dunkelgrün fast schwarz“ ein starkes literarisches Debüt gelungen. Die Geschichte von Motz, Raf und Jo ist alles andere als eine typische Dreiecksgeschichte. Mit einnehmender Sprache erzählt sie von einer Freundschaft, die manch einer wohl als verhängnisvoll bezeichnen würde. Ich kann jedem nur raten, sich auf diese besondere Geschichte einzulassen und an der Seite der Charaktere die Vergangenheit zu entschlüsseln, um die Gegenwart zu deuten.


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Dunkelgrün fast schwarz
Autorin: Mareike Fallwickl
Hardcover: 480 Seiten
Erschienen am 5. März 2018
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt

Donnerstag, 8. März 2018

[Rezension Hanna] Moonglow - Michael Chabon

 

Im Jahr 1989 sitzt Michael Chabon am Bett seines Großvaters mütterlicherseits. Wenige Tage vor seinem Tod wird dieser unter dem Einfluss von Schmerzmittel unerwartet gesprächig. Mit Michael an seiner Seite lässt er sein Leben Revue passieren und erzählt dabei so manch Unerwartetes. Zum Beispiel von seiner Zeit in Nazi-Deutschland, wo er Wernher von Braun jagte. Von der ersten Begegnung mit seiner Frau, die mit ihrem Kind als Jüdin den Krieg in Frankreich überlebt hat, doch immer wieder von Wahnvorstellungen geplagt wird. Seiner Zeit im Gefängnis, weil er seinen Chef erdrosseln wollte, und schließlich seinen letzten Jahren in einer Wohnanlage, wo er sich dem Modellbau widmet.

Eins sei vorweg gesagt: Bei „Moonglow“ handelt es sich nicht um die Memoiren von Michael Chabons Großvater, sondern um einen Roman. Einiges davon ist tatsächlich passiert, anderes nicht – was zu welcher Kategorie gehört, das bleibt im Ungewissen. In einem Interview sagte das Autor beispielsweise, dass seine Großmutter, deren psychische Erkrankung ein wichtiges Element des Buches ist, geistig völlig gesund gewesen sei. Gerade diese Vermischung von Realität und Fiktion machte mich neugierig auf die Geschichte.

Das Buch ist nicht chronologisch erzählt, sondern springt in der Zeit hin und her von einer Episode zur nächsten. Gleich zu Beginn des Buches erfährt man als Leser, dass der Großvater in einem Anfall von Wut versucht hat, seinen Chef umzubringen. Handelt es sich um jemanden mit Neigung zur Gewalt? Gar einem Kriminellen? Mit der Zeit wird das Bild, das vom Großvater gezeichnet wird, immer detailreicher. Ein Mann mit vielen unterschiedlichen Facetten, der so einiges erlebt und mitgemacht hat.

Durch die ständigen Zeitsprünge gelingt es dem Autor, mit seiner Geschichte unvorhersehbar zu bleiben und den Leser so manches Mal zu überraschen. Plötzlich werden Geheimnisse gelüftet, die etwas schon viel früher Erzähltes in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Für mich war es allerdings zu viel Hin und Her, sodass sich die Geschichte auf dem schmalen Grat zwischen wirr und genial immer wieder in Richtung des ersteren bewegte.

Das Buch spricht viele große Themen des 20. Jahrhunderts auf an, zum Beispiel die letzten Tage von Nazi-Deutschland mit den Vorrücken der USA und der Sowjetunion und grauenhaften Entdeckungen wie die des KZ Dora-Mittelbau oder auch den großen Traum von der Raumfahrt und der Landung auf dem Mond. Gleichzeitig geht es aber auch um persönliche Schicksale wie die Wahnvorstellungen der Großmutter und alltägliche, skurrile Begebenheiten wie die Schlangenjagd des Großvaters oder die Phase, in der die Großmutter im Fernsehen Horrorgeschichten vorgelesen hat. Es ist ein thematisch bunter Mix, mit dem Michael Chabon den Leser unterhält und gleichzeitig ein rundes Gesamtbild zeichnet, bei die Frage, was davon wirklich passiert ist, zur Nebensächlichkeit wird. Ein Buch für alle, die gern in interessante Lebensgeschichten anderer eintauchen, bei denen Unerwartetes ans Licht kommt und man seinen Eindruck auch mal revidieren muss.

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Moonglow
Autor: Michael Chabon
Übersetzerin: Andrea Fischer
Hardcover: 496 Seiten
Erschienen am 8. März 2018
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

[Rezension Ingrid] Der endlose Sommer von Madame Nielsen


Eine Gruppe von Personen verschiedenen Alters, die sich in Dänemark auf einem ehemaligen Gutshof zusammen finden, steht im Mittelpunkt des Romans „Der endlose Sommer“ der dänischen Performance-Künstlerin, Autorin und Sängerin Madame Nielsen. Dieser eine Sommer brachte den Hofbewohnern Liebe wie Leichtigkeit und gleichzeitig Leidenschaft. Das Glück der Erde, das bekanntlich auf dem Rücken der Pferde liegt, kann der Charaktere der Mutter als Reiter genießen, das Festhalten an den unbeschwerten Tagen gelingt aber nur auf dem Papier. Daher ist Madame Nielsens Roman wie ein Abgesang auf die Jugend, von der wir uns wünschen, dass sie nie zu Ende geht.

Die Erzählung beginnt mit einem 19-jährigen Jungen, der ein 17-jähriges Mädchen kennenlernt und zu ihrem festen Freund wird. Das Mädchen lebt mit Mutter, Stiefvater und zwei kleinen Halbbrüdern auf dem „weißen“ Hof. Sie hat außerdem noch einen besten Freund und Vertrauten, der sie gerne besucht. Ihr krankhaft eifersüchtiger Stiefvater, dem der Hof gehört, ist längst verschwunden, als das Mädchen eines Tages von der Schule nach Hause kommt und vom portugiesischen Brieffreund ihrer Sitznachbarin und dessen Freund erzählt, die zu Besuch in Deutschland sind. Die beiden Portugiesen im Alter von dem Mädchen ziehen zu ihr und die Mutter verliebt sich in einen von ihnen. Die Gruppe wird noch ergänzt von einem Freund der Jungen aus Odense. Gemeinsam genießen sie die scheinbare Auflösung des Unmöglichen auf dem Scheitelpunkt ihres Lebens.

Ausdrücklich, weil mehrfach, betont Madame Nielsen, dass der Junge mit dem alles beginnt, vielleicht ein Mädchen ist. Dabei habe ich mich gefragt, wie viel die Autorin aus ihrem eigenen Leben in den vorliegenden Roman eingebracht hat. Ohne lange Umschweife geriet ich als Leser in den endlosen Sommer durch endlos erscheinende Sätze, denn die Schicksale der Figuren verknüpft Madame Nielsen mit zahlreichen Nebenhandlungen in Teilsätzen. Ich geriet in eine Erzählfolge, die unmittelbar nach der Vorstellung des Jungen am Anfang des Romans mit einer offenen Klammer beginnt, die niemals geschlossen wird und die dadurch den Gedankenfluss nicht abreißen lässt. Die Autorin weist dadurch dem Jungen eine vorrangige Bedeutung zu. Der Rest ist Erinnerung, flüchtig, nicht mehr zurückholbar und erscheint manchmal sogar unwirklich, nie dagewesen. Dennoch versucht Madame Nielsen diesen Windhauch der Vergangenheit einzufangen in Worte und Hannes Langendörfer ist es als Übersetzer gelungen, das auch im Deutschen weiterzugeben.

Was nun folgt sind Skizzen vieler Leben, von denen einige sich streifen. Von Beginn an stellt die Autorin fest, dass die Erzählung nicht gut ausgeht, denn der Tod lauert auf alle von uns, aber für einige tragischer Weise früher als auf andere. Die Stränge der Geschichte behält sie fest in der Hand, verweist ausdrücklich auf den Beginn um danach um etliche Ecken abzubiegen, zahlreichen Nebenfiguren Leben einzuhauchen, kurz innezuhalten, nach vorne zu schauen und auf der Geraden sich wieder dem endlosen Sommer zuzuwenden. Zeitlos, geschlechtslos, alterslos, ortungebunden kommt dieser daher, obwohl jeder Charakter nach Identität strebt. Aber der Alltag holt jeden ein, auch die kleine Hofgruppe.

Wie ein expressionistisches Gemälde, mit schnellen Strichen zu Papier gebracht, und Ereignissen wie Farbkleckse, präsentiert sich „Der endlose Sommer“. Entsprechend einem Bild entdeckte ich bei näherer Betrachtung beziehungsweise dem erneuten Lesen vorangegangener Seiten weitere Nuancen und Feinheiten, die mich noch tiefer eintauchen ließen in diese einzigartige Jahreszeit, bei der es keinem gelingt, sie festzuhalten. Lesen, erinnern, träumen!



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Titel: Der endlose Sommer
Autorin: Madame Nielsen
Übersetzer: Hannes Langendörfer
Erscheinungsdatum: 08.03.2018
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen (Leseexemplar)

Montag, 5. März 2018

[Rezension Hanna] Frau Einstein - Marie Benedict



Mileva Marić kommt mit einem klaren Ziel vor Augen von Serbien nach Zürich: Sie will am Polytechnikum Physik und Mathematik studieren. Als fünfte Frau überhaupt ist sie für dieses Studium zulassen worden. Wie bislang will sie ihre ganze Energie ins Lernen stecken, für anderes bleibt da nicht viel Zeit. Doch in den anderen drei Studentinnen, die wie sie in der Pension Engelbrecht untergebracht sind, findet sie bald Freundinnen. Außerdem ist da noch Albert Einstein, der im selben Jahrgang studiert und mit dem sie interessante wissenschaftliche Debatten führt. Sie ist entschlossen, seinetwegen ihre Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Doch es kommt alles anders als gedacht.

Mileva Marić war die erste Frau Albert Einsteins und ist trotzdem nicht allzu bekannt. Ich hatte hier und da schon mal etwas über sie gehört und freute mich darauf, in Form dieses fiktiven Werkes tiefer in ihre Geschichte einzutauchen. Wie so viele vor mir stolperte ich schnell darüber, dass sie mit Einstein studiert hat und in seinen produktivsten Jahren an seiner Seite war, aber in seinen Arbeiten nirgends als Beitragende genannt wird. Die Autorin Marie Benedict hat basierend auf dem Bekannten einen Roman geschrieben, in dem sie die Lücken in Mileva Marićs Biographie füllt, sich hier und da künstlerische Freiheiten gönnt und damit eine Frau lebendig werden lässt, die ihrer Zeit voraus war und doch von den Konventionen zurückgeworfen wird.

Die Mileva, die ich zu Beginn des Buches kennen lernte, konnte mich durch ihre Entschlossenheit beeindrucken. Viele Männer in ihrer Umgebung lassen sie spüren, was sie von ihrem Ambitionen halten. Selbst Professor Weber, der sie zum Studium zugelassen hat, scheint ihr eine falsche Uhrzeit genannt zu haben, sodass sie gleich zur ersten Vorlesung zu spät erscheint. Zum Glück wurde sie immer von ihren Eltern, insbesondere von ihrem Vater, unterstützt. Sie haben ihr die bisherige Ausbildung überhaupt erst ermöglicht. Nun hat sie es bis ans Polytechnikum gebracht, sodass ich ihren Vorsatz nach so wenig Ablenkung wie möglich gut nachvollziehen konnte.

Doch das Leben spielt bekanntlich anders. Mileva findet zum ersten Mal in ihrem Leben Freundinnen. Mit den anderen Studentinnen in ihrer Pension erlebt sie unbeschwerte Stunden. Als sich dann Albert Einstein zur Runde gestellt reagieren Milevas Freundinnen argwöhnisch: Was sind seine Absichten? Mileva ahnt, dass er ihre Pläne, je mehr Zeit sie mit ihm verbringt, ins Wanken bringt. Gleichzeitig weiß er ihre Intelligenz zu schätzen und lädt sie zu wissenschaftlichen Debatten ein. Vielleicht könnten sie Partner auf Augenhöhe sein?

Aus Hoffnung wird bald Ernüchterung, denn die beiden erleben mehrere Rückschläge. Als Jude und Serbin mit einem unehelichen Kind haben sie es zu ihrer Zeit alles andere als leicht, weshalb ein Versteckspiel beginnt, das an Milevas Nerven zerrt. Über die Zeit ändert sich zudem die Beziehung der beiden zueinander. Albert Einstein macht dabei in seiner Haltung zu ihr eine komplette Wende. Auf das Warum wurde für mich leider zu wenig eingegangen, die Schilderung der Ereignisse fällt recht einseitig aus. Mileva zieht sich gleichzeitig immer mehr in die Rolle der von Selbstmitleid beherrschten Hausfrau zurück, die keinen Ausweg sieht. Der Fokus lag stark auf ihren Gedanken, wie er dies und das denn wagen könnte. Ob dies nun wirklich so passiert ist oder nicht – das hier geschilderte Schicksal steht stellvertretend für viele intelligente Frauen ihrer Zeit, die im Schatten ihrer Männer standen.

„Frau Einstein“ erzählt die Geschichte von Mileva Marić, die mit großen Ambitionen nach Zürich ans Polytechnikum kam. Der Autorin ist es gelungen, die historische Persönlichkeit in diesem fiktiven Werk lebendig werden zu lassen. Ich habe an ihrer Seite gehofft und gebangt, hätte aber gern noch besser verstanden, warum sie ihre Entschlossenheit verliert und ihr Mann seine Haltung zu ihr so schnell verändert. Ein Buch für alle, die mit einer möglichen Version der Ereignisse mehr über die erste Frau an Albert Einsteins Seite erfahren möchten, bei der die Rolle, die sie für seine wissenschaftlichen Arbeiten gespielt hat, bis heute nicht ganz geklärt ist.

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Frau Einstein
Autorin: Marie Benedict
Übersetzerin: Marieke Heimburger
Hardcover: 360 Seiten
Erschienen am 15. Februar 2018
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Sonntag, 4. März 2018

[Rezension Ingrid] Töchter einer neuen Zeit von Carmen Korn


„Töchter einer neuen Zeit“ von Carmen Korn ist der erste Band einer Trilogie, die vier Hamburger Frauen über einen Zeitraum von mehr als achtzig Jahren hinweg begleitet. Auf dem Coverfoto sind dementsprechend vier junge Frauen abgebildet, die im Stil der 1920er gekleidet sind. Die Erzählung beginnt allerdings bereits im Frühjahr 1919, einige wenige Monate nach dem ersten Weltkrieg. Voller Hoffnung blicken die Menschen in ihre Zukunft, nun soll eine neue Zeit, eine friedliche Zeit beginnen. Der erste Teil der Reihe endet im Dezember 1948 als Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg  wirtschaftlich allmählich wieder bessere Aussichten hat und in Hamburg nach schweren Beschädigungen der Gebäude der Aufbau voranschreitet.

Henny ist zu Beginn des Romans 19 Jahre alt. Sie wohnt bei ihrer Mutter, ihr Vater ist im Krieg gefallen. Nicht nur sie, sondern auch ihre gleichaltrige Freundin Käthe, die im Haus gegenüber aufgewachsen ist, streben eine Ausbildung zur Hebamme an. Zwei Jahre später begegnen sie Lina, der dritten Protagonistin des Romans. Sie ist von Beruf Lehrerin, im Wechsel der Zeit zum Zölibat verpflichtet, und Schwester des zukünftigen Ehemanns von Henny. Erst einige Jahre später trifft Henny in einer schicksalhaften Stunde auf Ida, Tochter aus wohlhabendem Haus, die von ihren Eltern in eine Vernunftehe vermittelt wird.

Die Geschichte entwickelt sich kontinuierlich weiter. Die Kapitel sind mit den jeweiligen Jahren betitelt, in denen der Roman gerade spielt. Meist sind die Szenen kurz gehalten und springen von einer Freundin und ihren Erlebnissen in eben jener Zeit zur nächsten. Dadurch schreitet die Erzählung zügig voran und überspringt häufiger einige Jahre. Nur kurz ließ Carmen Korn mich jeweils verweilen. So flüchtig wie das Leben, so erschienen mir die Schicksale der einzelnen Figuren, die weder Glück noch Leid festhalten können. Einige historisch bedeutsame Ereignisse blieben dadurch leider etwas blass. Deutlich wird jedoch, wie wichtig bestimmte Entscheidungen sind, denn von ihnen hängt es ab, welche Zukunft sich daraus entwickelt.

Die vier Frauen stehen im Fokus der Erzählung, werden aber umgeben von immer mehr Figuren, ein Verzeichnis im Folgeband wäre hilfreich. Durch die Zeitensprünge werden vergangene Begebenheiten der Protagonistinnen häufiger im Rückblick erzählt. Es gelingt der Autorin mit kurzen Beschreibungen selbst große Sorgen zu skizzieren, die durch den schnellen Ablauf schon bald hinter dem Leser liegen. Bald schon lernen Henny und ihre Freundinnen, teils aus bitterer eigenen Erfahrung, dass sie auf niemanden vertrauen können, denn nur diejenigen ziehen ihren Vorteil, die der vorherrschenden Partei zuarbeiten. Die Hauptfiguren sind keine Heldinnen, bilden aber mit ihrer Gesinnung und ihrem Tun den Alltag einer Gesellschaft in belasteten Zeiten ab. In ihrer Verschiedenartigkeit stehen sie für eine Auswahl aus vielen Schicksalen.

Das Buch beginnt mit der Hoffnung auf dauerhaften Frieden und steuert auf eine Zeit zu, die die Zerstörungen der Vergangenheit noch übertreffen wird. Film, Literatur und Musik begleiten die Frauen auf ihrem Weg und unterstützen den Eindruck einer realen Abbildung des damaligen Alltags. Das Ende lässt Platz für Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Daher freue ich mich schon auf die Fortsetzung und gebe gerne eine Leseempfehlung.

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Titel: Töchter einer neuen Zeit (Jahrhundert-Trilogie, Band 1)
Autorin: Carmen Korn
Erscheinungsdatum: 23.07.2017
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
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