Mittwoch, 14. Juli 2021

Rezension: Heldinnen werden wir dennoch sein von Christiane Wünsche

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Heldinnen werden wir dennoch sein
Autorin: Christiane Wünsche
Erscheinungsdatum: 30.06.2021
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783810500533
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Der Roman „Heldinnen werden wir dennoch sein“ von Christiane Wünsche nahm mich mit an den Niederrhein. Susi, Ellie, Ute und Helma sind seit 1974, als sie in die
5. Klasse an einem Gymnasium in Kaarst eingeschult wurden, befreundet. Auch Marie gehörte zu ihrem Kreis, ist aber inzwischen verstorben. Jede der Freundinnen hatte schon damals ihre eigenen Sorgen, was unter anderem an den Eltern lag.

Wenn es zu Problemen mit Mitschülern kam, stand jeder von ihnen Frank zur Seite, der eine gefestigte Position in ihrem Klassengefüge hatte. Obwohl er immer mit den fünf Mädchen befreundet war, hat er in der Teeniezeit nie versucht eine Liebesbeziehung aufzubauen. Schließlich begreift sein Umfeld, dass er schwul ist. Die Freundinnen erfahren viele Jahre später während einer Geburtstagsfeier von Franks Freitod in Berlin. Die Gedanken der Frauen kehren zurück zu einem bestimmten Abend im Herbst 1984, der ihre Freundschaft nachhaltig verändert hat.

Die Autorin erzählt ihre Geschichte über mehrere Zeitebenen hinweg. Der Fokus wechselt zwischen den Kapiteln von einer Freundin zur anderen, wobei jedes Kapitel zur Orientierung mit dem jeweiligen Namen überschrieben ist. Die Rückblenden sind an geeigneten Stellen in den Text eingegliedert. Recht schnell wurde mir bewusst, dass der Prolog und weitere kursiv gesetzte Einstreuungen von Frank in der Ich-Form erzählt werden, dessen Gefühlswelt mir aufgrund der gewählten Darstellung verständlicher wurde. In der vorderen Klappe sind die Hauptcharaktere mit einer kurzen Selbstbeschreibung aufgeführt. Dadurch behielt ich den Überblick, denn im Laufe der Geschichte gesellen sich noch etliche Nebenfiguren hinzu.

Die Freundinnen sind schon über viele Höhen und Tiefen in ihrem Leben gegangen. Seit Lisa, die Tochter von Marie, erwachsen ist, wird sie in diesen Kreis mit einbezogen. Überrascht nehmen Susi, Ellie, Ute und Helma nach Franks Tod Kenntnis davon, dass Lisa noch Kontakt zu ihm hatte. Die Erinnerungen der Frauen, die inzwischen Anfang Fünfzig sind, gehen zurück in ihre Jugend zu vielen problematischen Themen, sei es die schwere Erkrankung oder der Alkoholismus eines Elternteils, hohe Anforderungen der Eltern, Kriegstrauma, Drogenkonsum und Selbstverwirklichung.

Christiane Wünsche ist gleichalt mit ihren Figuren und in Kaarst aufgewachsen, so dass ihr dadurch eine realistische Darstellung des damaligen Umfelds gelingt. Jede der Frauen ist bis in die Gegenwart eine stille Heldin für die anderen Freundinnen, weil sie für diese Anlaufstation für eine Aussprache sein kann und dennoch erfährt man, dass die Frauen über eine wichtige Situation ihrer Jugend das Mäntelchen des Schweigens all die Jahre hinweg gedeckt haben. Die Freundschaft wirkte auf mich nicht besonders innig. Susi, Ellie, Ute und Helma verhalten sich so wie viele andere, die man kennt, mal gedankenlos in ihren Äußerungen, manchmal arglos, selbstsüchtig oder zickig.

Jede der Freundinnen hat ihr Päckchen zu tragen, hier und da blitzt auf, dass sie auch viele schöne Erinnerungen an gemeinsame Zeiten haben, doch diese gab es meiner Meinung nach im Roman zu wenig, ich hätte lieber noch häufiger mit ihnen gelacht. Auch in der Jetztzeit hat jede der Freundinnen nicht nur den Tod von Frank zu verkraften, sondern kämpft mit der eigenen Gesundheit, mit der Ehebeziehung oder sorgt sich um Familienmitglieder. Doch trotz diverser Meinungsverschiedenheiten hat die Freundschaft der Frauen weiter Bestand.

„Heldinnen werden wir dennoch sein“ von Christiane Wünsche ist ein schicksalhafter Roman, eine Geschichte über Freundschaft, Vergebung und Vertrauen. Mich brachte sie dazu, mich an meine eigene Jugend zu erinnern und darüber nachzudenken, was eine Freundschaft ausmacht. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Dienstag, 13. Juli 2021

Rezension: Trümmerland von Sabine Hofmann

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Trümmerland
Autorin: Sabine Hofmann
Erscheinungsdatum: 17.05.2021
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783746637884

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Sabine Hofmanns Roman „Trümmerland“ spielt in Bochum im Frühjahr 1946. Noch sind die Trümmerberge der zerbombten Häuser überall zu sehen. Zwischen den Trümmern wird geplündert und alles mitgenommen, was irgendwie brauchbar erscheint, obwohl es inzwischen verboten ist.

Hella Schrader ist 12 Jahre alt. Sie wohnt gemeinsam mit ihrer Mutter Martha und der aus Ostpreussen stammenden Edith Marheinecke, die seit einem Jahr bei ihnen einquartiert wurde, in einer kleinen Wohnung unweit des Zechengeländes. Am Nachmittag klettert sie gerne in den Trümmern und findet hier und dort auch immer wieder ein nützliches Teil. Auf diese Weise möchte sie den Haushalt unterstützen, in dem es an Essbarem, Kleidung, Heizmaterial und Haushaltsgegenständen fehlt.

Eines Tages sieht sie am Boden eines Bombentrichters einen Mann mit verrecktem Bein liegen. Sie überwindet ihre Angst und klettert zu ihm. Doch er stirbt als sie ihn erreicht hat. Sie nimmt seinen Kurzmantel aus feinem Wollstoff mit nach Hause. Im Futter finden sich Lebensmittelscheine für Butter. Nach Abwägen des Für und Wider entschließen Martha und Edith, dass sie die Scheine einlösen werden, ohne zu ahnen, welche Auswirkungen das haben wird.

Die Autorin schafft in ihrer Geschichte ein vorstellbares Szenario der Nachkriegszeit. Das Überleben steht im Alltag der Bochumer im Vordergrund, der Schwarzmarkt blüht und dennoch sind die meisten froh darüber, überlebt zu haben. Weil viele Männer noch vermisst werden, arbeiten die Mütter für den Lebensunterhalt, die Kinder sind sich außerhalb der Schule notgedrungen selbst überlassen. Martha hat ein schlechtes Gewissen, Hellas Funde anzunehmen, weil sie ihr verboten hat, in den Trümmern zu plündern. Sie weiß, dass sie den Mantel nicht behalten durften und daher liegt von Beginn des Romans die Furcht vor Entdeckung und der daraus resultierenden Strafe über dem Verhalten der Mitglieder der Haushaltsgemeinschaft, die deutlich spürbar ist.

Die Erzählung zeigt ebenfalls ein Bild der damaligen Polizeiarbeit. Für die Briten, die Bochum in der Nachkriegszeit besetzt hatten, war es nicht einfach, auf jedem einflussreichen Posten jemanden zu setzen, der keinem nationalsozialistischen Gedankengut anhängt. Die Not bietet Kleinkriminellen mit ihren illegalen Geschäften ein gutes Pflaster. Auch aufgrund der allgemeinen Ausstattung der Kriminalpolizei ist die Nachverfolgung von Straftaten schwierig.

Dank der guten Recherche von Sabine Hofmann bildet sich ein kompaktes gelungenes Bild des Alltags. Das Tempo, in dem die Kriminalhandlung sich entwickelt ist gemächlich, die Spannung eher unterschwellig. In vielen Nebenhandlungen erfuhr ich detailliert einiges über die Zusammenhänge von Schiebung, Schwarzhandel, Fälschungen und der Sorge, die die Menschen dazu veranlasste, sich trotz drohender Bestrafung auf ungesetzlichem Weg Notwendiges zu besorgen. Die Figuren durchleben dabei riskante Situationen, aber auch an ihrer Freude über und an kleinen Dingen durfte ich als Leser teilhaben.

„Trümmerland“ von Sabine Hofmann ist ein Roman mit kriminellen Handlungen. Er bildet die Zeit des Nachkriegsdeutschlands in einer Stadt des Ruhrgebiets überzeugend und nachvollziehbar mit authentischen Figuren ab. Gerne empfehle ich das Buch weiter an Leser und Leserinnen historischer Romane.


Samstag, 10. Juli 2021

Rezension: Die juten Sitten - Kaiserwetter in der Gosse von Anna Basener

 

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Die juten Sitten - Kaiserwetter in der Gosse
Autorin: Anna Basener
Klappenbroschur: 336 Seiten
Erschienen am 21. Juni 2021
Verlag: Goldmann

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1935 macht sich Minna mit dem Zug auf den Weg nach Frankreich. Zum ersten Mal in ihrem Leben verlässt sie Berlin, denn die politische Situation vor Ort lässt ihr keine Wahl und ihr geliebtes Bordell „Ritze“ hat sie verkauft. Sie reist gemeinsam mit Emil und Gustav, denen sie während der Fahrt die Geschichte erzählt, wie sie überhaupt in den Besitz der „Ritze“ gekommen ist. Diese beginnt 1895, als Minna beschließt, der Arbeit in der Tabakfabrik und den beengten Verhältnissen in der Wohnung ihrer Familie den Rücken zu kehren, um in einem vornehmen Bordell zu arbeiten.

Bei „Kaiserwetter in der Gosse“ handelt es sich um den zweiten Band von „Die juten Sitten“. Auch wenn ich den Vorgänger nicht kannte, ist mir der Einstieg in die Geschichte leicht gefallen. Es handelt sich nämlich um die Vorgeschichte, die sich um Minnas Weg von der Fabrikarbeiterin zur Bordellbesitzerin dreht. Diese wird von ihr im Rückblick auf der Fahrt von Berlin nach Frankreich erzählt.

Die Zugfahrt bildet die Rahmenhandlung, von der aus Minna immer wieder in die Vergangenheit eintaucht. In kurzen Passagen wird das Gesagte kommentiert und hinterfragt, während sich die Charaktere von Berlin entfernen. Gelegentlich gibt es auch Anspielungen auf die Ereignisse des ersten Bandes, deren Kenntnis aber nicht entscheidend ist.

Minnas Motivation, ihrer Familie und der Fabrikarbeit den Rücken zu kehren, wurde für mich nachvollziehbar dargestellt. Die Arbeit im Bordell erscheint ihr als der vielversprechendste Weg hinaus aus der Armut, den sie willentlich einschlägt. Gezielt sucht sie nach einem vornehmen Etablissement, um in finanzieller Hinsicht das Beste für sich herauszuholen. Sie präsentiert sich als selbstbewusste Frau, die sich nicht mit dem Leben zufrieden geben will, in das sie hineingeboren wurde.

Im Umgang mit den vornehmen Freiern fällt Minna durch ihre Sprache auf. Sie ist um keinen Spruch verlegen und kommt der Bitte der Bordellverwalterin, Hochdeutsch zu sprechen, nur selten nach. Stattdessen berlinert sie sich durch die Geschichte und nutzt eine derbe Ausdrucksweise. Mit ihrer unkonventionellen Art eckt sie manches Mal an, findet aber auch Männer, die davon besonders angezogen werden. Sie ist ein echtes Unikat und wird mir als Charakter im Gedächtnis bleiben.

Beharrlichkeit und Einfallsreichtum lassen Minna in die höchsten Kreise vordringen. Dort wird sie Teil der Kotze-Affäre, welche die Adelswelt erschüttert und deren Verlauf lose auf den historisch belegten Ereignissen rund um Leberecht von Kotze beruht, der ebenso wie die meisten adeligen Charaktere des Buches tatsächlich gelebt hat. Szenen der Adeligen unter sich, die Minna nicht selbst miterlebt hat, schildert sie ihren Zuhörern auf ebenso unterhaltsame Weise wie ihre eigenen Erlebnisse. Sie gibt zu, es mit den Details nicht so genau zu nehmen und die Erzählung lieber etwas aufzupeppen, das Ergebnis würde ja dasselbe bleiben.

Ich wurde durch diese Herangehensweise sehr gut unterhalten und erhielt gleichzeitig spannende und authentische Einblicke in die Halbwelt am Ende des 19. Jahrhunderts. Der Roman wird mit einem Augenzwinkern erzählt, lebt von Skandalen und zeigte mir als Leserin die verruchte Seite des historischen Berlins. Klare Leseempfehlung!

Freitag, 9. Juli 2021

Rezension: Die Verlorenen von Simon Beckett

 


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Die Verlorenen
Autor: Simon Beckett
Übersetzer: Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld
Hardcover: 416 Seiten
Erschienen am 8. Juli 2021
Verlag: Wunderlich

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Jonah Colley arbeitet seit einigen Jahren beim bewaffneten Eliteteam der Metropolitan Police in London. Eines Abends sitzt er mit Kollegen im Pub, als er einen Anruf von Gavin erhält, der einst sein bester Freund war. Die beiden sind zusammen zur Schule gegangen und haben zur selben Zeit die Probezeit bei der Polizei durchlaufen, danach ist Gavin jedoch in die Einheit für Gangkriminalität und organisiertes Verbrechen gewechselt. Gavins Anruf ist ihr erstes Gespräch seit Jahren. Er bittet Jonah, um Mitternacht allein zum Slaughter Quay zu kommen. Vor Ort erwartet ihn ein schockierender Anblick, und die Gefahr ist noch nicht gebannt. Was Jonah erlebt kostet ihn fast das Leben und macht ihn zum Verdächtigen in einem Mehrfachmord. Während er wild entschlossen ist, den Täter zu finden, erhärtet sich bei den Ermittlern der Verdacht gegen ihn selbst...

Schon auf den ersten Seiten des Buches herrscht Hochspannung, denn Jonahs Erlebnisse am dunklen Slaughter Quay sind schockierend und werfen gleichzeitig zahlreiche Fragen auf. Weder Jonah noch der Leser wissen, wie die Ereignisse zu deuten sind. Doch für die beiden Ermittler, die ihn im Krankenhaus besuchen, wo er nach einer Notoperation wieder zu Bewusstsein kommt, klingt seine Geschichte nicht ganz schlüssig. Wer hat hier seine Finger im Spiel?

Eigentlich müsste Jonah sich Zeit nehmen, um zu Kräften zu kommen, doch das Erlebte und die Indizien lassen ihm keine Ruhe. Es scheint eine Verbindung zum Verschwinden seines Sohnes vor zehn Jahren zu geben. War es vielleicht doch kein tragischer Unfall, wie man Jonah damals weismachen wollte? Wollte ihm Gavin mitteilen, mit dem er nie wieder wird sprechen können? In Rückblicken erfuhr ich mehr über die Ereignisse zehn Jahre zuvor und welche Konsequenzen sie für Jonah hatten. In der Gegenwart tut sich Jonah schwer mit dem Versuch, weitere Informationen zu erhalten. Eine gut informierte Journalistin macht seine Situation noch verzwickter. Vielleicht kann ihr Wissen für ihn aber noch von Nutzen sein?

Die zahlreichen Fragezeichen in meine Kopf haben mich neugierig weiterlesen lassen. Immer wieder gibt es ruhigere Phasen, bevor überraschende Ereignisse oder Informationen die Handlung in eine neue Richtung lenken. Jonahs Entscheidung, auf eigene Faust nach Antworten zu suchen, wurde verständlich dargestellt. Er will jedoch ständig mit dem Kopf durch die Wand, ein Verhalten, das ich auf Dauer anstrengend fand. Lange tappte ich im Dunkeln und habe mit der Auflösung nicht gerechnet. Für mich gab es bei dem zugrundeliegenden Motiv jedoch ein paar Ungereimtheiten. Insgesamt ist „Die Verlorenen“ ein düsterer, atmosphärischer Auftakt zu einer neuen Reihe. Wer Lust hat, abseits der Hunter-Serie etwas aus der Feder von Simon Beckett zu lesen, dem kann ich diesen Thriller empfehlen!

 

 

Donnerstag, 8. Juli 2021

Rezension: Die Verlorenen von Simon Beckett (Jonah Colley, Band 1)

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Verlorenen
Autor: Simon Beckett
Übersetzerinnen aus dem Englischen: Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld
Erscheinungsdatum: 08.07.2021
Verlag: Wunderlich (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783805200523
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Mit dem Thriller „Die Verlorenen“ beginnt der Engländer Simon Beckett eine neue Serie bei dem Jonah Colley, ein Sergeant der bewaffneten Sondereinheit der Metropolitan Police in London, im Mittelpunkt steht. Während Jonah sich mit einigen Teamkollegen nach Feierabend in einem Pub trifft, ruft sein früherer Freund Gavin ihn auf seinem Handy an und bittet um Hilfe. Seit zehn Jahren haben die beiden keinen Kontakt mehr, aber Jonah erkennt die Ängstlichkeit in der Stimme von Gavin und begibt sich zum vorgeschlagenen Treffpunkt zu einem Lagerhaus am Kai. Das Cover vermittelt einen düsteren Eindruck einer solchen Lagerhalle. Vor Ort findet Colley vier fest in Plastikplane eingewickelte und mit Tape verschnürte Personen, eine davon ist Gavin. Noch während er versucht die Planen aufzureißen, wird er tätlich angegriffen und findet sich einige Zeit später im Krankenhaus wieder.

Nachdem sein vierjähriger Sohn Theo vor zehn Jahren verschwunden ist, zerbrach wenig später seine Ehe. Seitdem ist Colley zu einem einsamen Wolf geworden, der die Anonymität einer Wohnung in einem Hochhaus in einer zwielichtigen Gegend zum Leben bevorzugt. Zunächst ist nicht klar, was damals geschah, als Theo aus seinem Leben verschwand. Von der Zeitangabe her ist es auffällig, dass auch der Abbruch der Verbindung zu Gavin gleichlange her ist. Natürlich wollte ich wissen, ob beides vielleicht miteinander zu tun hat. Immer häppchenweise lässt Simon Beckett seinen Protagonisten sich an die damaligen Ereignisse zurückerinnern.

Colley steckt recht schnell in der Zwickmühle, er hat Schlimmes erlebt, hat starke Schmerzen und findet sich in der Rolle des Verdächtigen wieder. Da er nicht in die Aufklärung des Falls involviert ist, erhält er auch keine Informationen. Aber er ist neugierig und obwohl eine Verletzung ihn behindert scheut er nicht davor zurück, eigene Ermittlungen nachzugehen. Seine gewonnenen Erkenntnisse machen ihn aber umso mehr verdächtig.

Der Autor schont seine Hauptfigur nicht, auch brutale Szenen schildert er aus nächster Sicht. Die Konstruktion des Thrillers ist durchdacht und liefert immer nur schrittweise weitere Hinweise, was die Spannung von Beginn an hochhielt. Das geschickte Ausspielen von gegebenen und zurückgehaltenen Informationen zwischen Jonah und den ermittelnden Detective Inspector Fletcher und Detective Seagant Bennet steigert die Spannung noch.

Simon Beckett versteht es auch in seiner neuen Serie, wieder eine beklemmende Atmosphäre aufzubauen an Orten, die sonst voller Leben sind, aber zu bestimmten Zeiten düster und leer. Neben Colley, Bennet und Fletcher kreiert er weitere interessante Figuren, manche undurchsichtig, die Entwicklungspotential für die nächsten Bände haben. 

In seinem Thriller „Die Verlorenen“ lässt Simon Beckett Jonah Colley ermitteln, ein Mitglied des bewaffneten Eliteteams der Met, sympathisch und mit vielen Ecken und Kanten versehen. Der komplexe Thriller ist durchgehend spannend. Zum Schluss bleiben Fragen offen, die einer Klärung in der Fortsetzung bedürfen, auf die ich mich schon sehr freue. Klare Leseempfehlung an Thrillerfans!


Freitag, 2. Juli 2021

Rezension: Heldinnen werden wir dennoch sein von Christiane Wünsche

 

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Heldinnen werden wir dennoch sein
Autorin: Christiane Wünsche
Broschiert: 448 Seiten
Erschienen am 30. Juni 2021
Verlag: FISCHER Krüger

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Susi, Helma, Ute und Ellie sind seit ihrer Schulzeit beste Freundinnen. Inzwischen sind die vier Frauen Mitte 50 und sehen sich noch immer regelmäßig. Auch Marie gehörte zur Clique, bis sie vor einigen Jahren bei einem Autounfall starb und die Frauen stattdessen ihre Tochter Lisa in die Runde aufnahmen. Während Susis Geburtstagsfeier platzt Ellie mit der Nachricht heraus, dass ihr gemeinsamer Jugendfreund Frankie, der seit langer Zeit in Berlin lebte und zu dem nach der Schulzeit keine von ihnen mehr Kontakt hatte, Selbstmord begangen hat. Als sich herausstellt, dass Lisa ihn noch vor drei Wochen besucht hat und das früher auch regelmäßig gemeinsam mit ihrer Mutter tat, sind die Frauen verdutzt. Warum wussten sie davon nichts? In den Tagen vor der Beerdigung erinnern sie sich an die Erlebnisse ihrer Clique während der Schulzeit zurück. Etwas ist damals vorgefallen, das alles verändert hat. Kommt jetzt die Wahrheit ans Licht?

Der Leser lernt Susi und ihre Freundinnen auf ihrer Geburtstagsfeier kennen, die sie traditionell mit ihren Freundinnen statt mit ihrem Mann Martin verbringt. Die Nachricht, dass ihr Jugendfreund Frankie tot ist und in Kürze in der Nähe beerdigt wird, trübt die Stimmung und bringt jede der Frauen ins Grübeln. Der Kontakt zu Frankie scheint damals nach dem Schulabschluss einfach abgebrochen zu sein, doch schnell merkte ich, dass zwischen den Frauen etwas Unausgesprochenes steht.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von einer der Frauen erzählt. Die Kapitel beginnen jeweils in der Gegenwart, wo man etwas über ihr aktuelles Leben erfährt. Jede hat ihr Päckchen zu tragen: Susi fühlt sich von ihrem Mann vernachlässigt und hilft ihrer Mutter, sich um den demenzkranken Vater zu kümmern. Helma sehnt sich seit Jahren nach einer Beziehung, Ute sorgt sich um ihre Söhne und ihre Gesundheit und Ellies Boutique läuft mehr schlecht als recht. Um einen Überblick zu behalten sind vorne im Buch kurze Texte zu den wichtigsten Personen abgedruckt. Auch eine Karte findet sich dort. Der Roman spielt rund um Kaarst und als Düsseldorferin konnte ich mir die Gegend gut vorstellen und kannte auch einige der Orte, die besucht werden.

Zwischen den Szenen in der Gegenwart springt die Handlung in die 1970er und 1980er Jahre. Ich erfuhr, wie die Frauen und Frankie sich angefreundet haben und was sie damals gemeinsam erlebt haben. Auch auf dieser Zeitschiene haben es die Charaktere nicht einfach. Für meinen Geschmack ist der Roman mit Schicksalsthemen überfrachtet worden, hier wäre weniger mehr gewesen. Die meiste Zeit geht es auf allen Zeitebenen darum, ob und wie die Frauen trotz allem ihr Leben wieder in den Griff können. Durch ihr Verhalten fand ich die Mehrheit von ihnen allerdings nicht sonderlich sympathisch.

Ich hoffte dennoch mit, dass sie ihre jeweilige Situation verbessern können. Mehr noch war ich aber auf Antworten zur Frage gespannt, warum der Kontakt zu Frankie abgebrochen ist. Hier gibt es jedoch lange nur vage Andeutungen. In einigen fett und kursiv gedruckten Passagen kommt Frankie als Ich-Erzähler zu Wort. Er enthüllt gleich zu Beginn, dass er von vielen außerhalb der Clique wegen seiner Homosexualität verhöhnt wurde, den Klassenclown gegeben hat und später zum Künstler wurde. Er ist eine sensible und hilfsbereite Person, über die ich gerne mehr erfahren wollte.  

Erst auf den letzten Seiten erhielt ich endlich Antworten auf die früh aufgeworfenen Fragen. Die Handlung rast in der Gegenwart durch die Monate und es gibt bei jeder der Frauen noch eine bedeutende Weiterentwicklung, was ich als zu schnell empfand.

„Heldinnen werden wir dennoch sein“ ist eine vielschichtiger Freundschafts- und Familienroman mit zahlreichen Schicksalsthemen, der ins Nachdenken übers Zusammenhalten und Auseinanderleben bringt.

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