Freitag, 6. April 2018

[Rezension Ingrid] Der Zopf von Laetitia Colombani


Meine unten stehende Rezension wurde zur "Rezension des Monats Mai 2018" von der Lesejury (www.lesejury.de) gewählt. Das macht mich sehr stolz. Vielen Dank dafür.

Hinter dem kurzen schlichten Titel des Romans „Der Zopf“ verbirgt sich eine fulminante Erzählung. Das Buch ist das Debüt der Französin Laetitia Colombani. So wie man zum Flechten eines Zopfs drei Stränge benötigt verwebt sie in der Handlung geschickt die Geschichte von drei Frauen, die auf drei verschiedenen Kontinenten leben. Kurz innehalten ließ mich die Autorin beim Lesen einer Ballade, die das Knüpfen einer Perücke beschreibt und deren Strophen das Geschehen immer wieder unterbrechen.

Die erst 20-jährige Guilia ist die Tochter des letzten Perückenfabrikanten Siziliens. Als ihr Vater nach einem Unfall bewusstlos im Krankenhaus liegt, übernimmt sie die Führung des Unternehmens und stellt schon bald fest, dass die Firma kurz vor dem Konkurs steht, weil die benötigten Haare aus Italien für die Produktion nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen. Sarah ist 40 Jahre alt und eine erfolgreiche Anwältin, die im kanadischen Montreal lebt und neben ihrem Vollzeitjob ihre drei Kinder alleine großzieht. Eine schwere Krankheit schwächt sie, die Therapie zur Genesung lässt ihre Haare ausfallen. Eine Echthaarperücke würde ihr Aussehen verbessern und dadurch ein wenig ihres Selbstwertgefühls zurückgeben. Die Inderin Smita zählt in ihrem Land zu den Dalit. Sie ist Schmutzsammlerin wie bereits Generationen vor ihr. Ihr größter Wunsch ist es, dass ihre Tochter es einmal besser haben soll wie sie. Dazu ist sie bereit ihr Haar dem Gott Vishnu, den sie verehrt, zu opfern.

Der Roman spielt in der Gegenwart und ist schnörkellos geschrieben, mit spürbarem Ausdruck. Durch den Wechsel zwischen den drei Perspektiven entstanden kleine Cliffhanger die mich zum schnellen Weiterlesen verführten. Jeder der drei Frauen möchte ihren eigenen Traum von einem selbstbestimmten Leben verwirklichen, dazu kämpft jede ihren eigenen Kampf. So sehr die Geschichten sich auch unterscheiden mögen, so ähneln sie sich doch darin, dass die Erfüllung jedes Traums von gesellschaftliche Erwartungen aufgehalten wird.

Am meisten hat mich die Stigmatisierung Smitas als Dalit berührt und ihr Mut dazu, dem für sie und ihren Nachfahren vorgesehenen Leben zu entkommen. Der Weg dahin ist steinig und mit sehr viel Hoffnung verbunden, aber auch ohne über den Ausgang Gewissheit zu haben. Guilia ist eingebunden in die Traditionen ihrer Familie und der Branche, ihre gesamte Familie ist vom Erfolg des Unternehmens abhängig. Ihr Wagnis und das Risiko neue Wege zu gehen, sind beeindruckend und führen sie weg von der Alternative einer Heirat mit einem begüterten Mann. Sarahs Traum ist es, zum Partner in der  Kanzlei aufzusteigen, die Anforderungen dazu sind hoch. Die Krankheit bringt ihr eine unwillkommene Auszeit, die jedoch dazu führt, ihren Wunsch zu überdenken, ihre Chancen abzuschätzen, weitere Möglichkeiten zu erkennen und bewundernswerterweise mit neuer Energie und Courage ihr Leben neu auszurichten.

„Der Zopf“ ist ein tief bewegender, ergreifender Roman, der einen Ausschnitt aus dem Leben dreier Frauen einfängt. Sie zeigen Kraft und Entschlossenheit von ihrem Lebensweg abzuweichen, um ihre Ziele zu verwirklichen. Gerne vergebe ich hierzu eine uneingeschränkte Leseempfehlung.


Hannas Rezension zum Roman -> KLICK

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Titel: Der Zopf
Autorin: Laetitia Colombani
Erscheinungsdatum: 21.03.2018
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Donnerstag, 5. April 2018

[Rezension Hanna] Das Geheimnis der Muse - Jessie Burton



London, 1967: Odelle Bastien ist mit großen Hoffnungen von Trinidad nach London gekommen, doch trotz ihrer ausgezeichneten Bildung sehen potentielle Arbeitgeber meist nur ihre schwarze Hautfarbe. Sie arbeitet in einem Schuhgeschäft, bis sie endlich eine Chance erhält: Sie wird am Skelton Institute als Schreibkraft eingestellt. Bei der Hochzeitsfeier ihrer besten Freundin lernt sie Lawrence kennen, dem seine kürzlich verstorbene Mutter nur ein Gemälde vermacht hat. Doch als er dieses Odelles Arbeitgeber zeigt, sorgt das für einige Aufregung.

Andalusien, 1936: Olive ist mit ihren Eltern gerade erst von London in ein Herrenhaus in Südspanien gezogen. Ihr Vater ist als Kunsthändler ständig unterwegs, ihre Mutter psychisch angeschlagen und unberechenbar. Ihre heimliche Leidenschaft ist das Malen, denn in den Augen ihres Vaters können nur Männer Kunst schaffen. In der Haushälterin Teresa findet sie bald eine Freundin, während deren Bruder Olive von der ersten Minute an fasziniert.

Zu Beginn nimmt sich das Buch Zeit, die beiden Protagonistinnen Odelle und Olive ausführlich vorzustellen. Odelle hat es als Einwanderin aus der Karibik im London der 60er trotz der Bildung, die sie genossen hat, nicht einfach. Doch mit Marjorie Quick und der Stelle im Skelton wendet sich das Blatt für sie. Olive hingegen muss sich in einem südspanischen Dorf der 30er einleben, nachdem sie bislang vor allem in Großstädten unterwegs war. Die beiden Handlungsorte stehen im Kontrast zueinander und die Geschichte springt regelmäßig zwischen den Zeitebenen hin und her.

Der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist ein Gemälde, das Odelles Freund Lawrence zum Skelton Institute bringt. Ist das etwa ein verschollenes Bild von Isaac Robles? Genau diesen lernt Olive kurz nach ihren Eintreffen in Andalusien kennen. Was ist die Geschichte des Bildes, und wie verbindet es die Schicksale von Odelle und Olive? Meine Neugier war geweckt. Auf beiden Zeitebenen taucht man immer tiefer in das Leben der Protagonistinnen ein und erfährt mehr über ihre Wünsche und Ängste. Der Autorin ist es gelungen, die beiden ganz unterschiedlichen Atmosphären einzufangen und in Kontrast zu setzen.

Odelle fühlte ich mich schnell nahe. Sie merkt schon bald, dass ihr Dinge verschwiegen werden und zeigt Entschlusskraft bei ihren Versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen. Olive hingegen blieb für mich ein wenig rätselhaft. Mit ihrer egozentrischen Denkweise fällt es ihr schwer, die Konsequenzen ihres Handelns abzusehen. Immer tiefer verstrickt sie sich in Lügen und Geheimnisse, während es politisch brodelt. Der Bürgerkrieg steht kurz bevor, und unter diesen Bedingungen verhält sich Isaac als Objekt ihrer Begierde und Teil ihrer Geheimnisse überhaupt nicht so, wie sie es sich wünschen würde.

Die Situation spitzt sich auf beiden Zeitebenen immer weiter zu. Als Leser erhält man immer mehr Hinweise, die allmählich ein Gesamtbild entstehen lassen. Zu diesem tragen beide Handlungsstränge gleichermaßen bei, was mir gefallen hat. Ich hatte nie das Gefühl, gerade lieber in der anderen Zeit unterwegs sein zu wollen, denn beide waren auf ihre Weise interessant und wichtig, um das Geschehene und dessen Konsequenzen zu begreifen. Alle drängenden Fragen werden schließlich beantwortet und die Geschichte konnte mich bis zum Schluss immer wieder überraschen.

In „Das Geheimnis der Muse“ lernt man zwei ganz unterschiedliche Frauen kennen. Vom London der 60er, in der Odelle ihre Chance als Schreibkraft im Skelton Institute nutzen will, geht es ins schwüle Spanien der 30er kurz vor dem Bürgerkrieg, um an der Seite von Olive mehr über das rätselhafte Gemälde zu erfahren, das am Skelton für Aufregung sorgt. Ein gelungener Roman über Geheimnisse, Leidenschaft und Entschlossenheit mit starken Frauenfiguren, den ich gerne weiterempfehle.


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Das Geheimnis der Muse
Autorin: Jessie Burton
Übersetzer: Peter Knecht
Broschiert: 461 Seiten
Erschienen am 11. März 2018
Verlag: Insel Verlag

Mittwoch, 4. April 2018

[Rezension Ingrid] Ginny Moon hat einen Plan von Benjamin Ludwig


„Ginny Moon hat einen Plan“ ist der Debütroman des US-Amerikaners Benjamin Ludwig. Die Protagonistin Ginny ist Autistin und hat Entwicklungsstörungen. Sie sieht die Welt auf ihre eigene Weise. Das bunte Cover symbolisiert die Vielfalt der Möglichkeiten sein Leben bunt und abwechslungsreich zu gestalten. Die vielen weißen Punkte mit dem Titel in schwarzen Buchstaben zeigen, dass dabei gewisse Vorschriften zu beachten sind. Der Titel verspricht einen Spannungsbogen, denn von Beginn an wollte ich als Leser wissen, worin der Plan besteht den Ginny hat und ob es ihr gelingt ihn auszuführen.

Ginny ist dreizehn Jahre alt und wurde vor etwa einem Jahr adoptiert. Als sie neun Jahre alt war, wurde sie ihrer leiblichen Mutter Gloria durch das Jugendamt weggenommen. Bis sie zu ihren Adoptiveltern kam war sie auf mehreren Pflegestellen. Ihren leiblichen Vater kennt sie nicht. Seit sie von ihrer leiblichen Mutter fort ist macht sie sich Sorgen um ihre Schwester, die damals noch ein Baby war. Gloria nahm Drogen und hat sich wenig um ihre Kinder gekümmert, so dass Ginny in die Mutterrolle für ihre Schwester geschlüpft ist. Sie hat etwas Dummes mit ihr getan bevor die Polizei sie von ihrem Zuhause mitgenommen hat. Weil es ihr nicht gelingt, ihr Problem zu kommunizieren, entwickelt sie einen turbulenten Plan, um ihre Schwester zu retten.

Am besten kommt Ginny im Alltag klar, wenn alles möglichst nach einem festen Ablauf erfolgt. Das beginnt bereits mit dem Aufstehen, hin zum Frühstück, Schule und bis zur Freizeitbeschäftigung. Durch ihre Behinderung ist die Kommunikation mit ihr an gewisse Regeln gebunden die sie für sich oder mit anderen aufgestellt hat. Von ihrer Familie erwartet sie sich Sicherheit und sieht diese als Gleichung mit den Familienmitgliedern auf beiden Seiten. Doch seit dem Auftreten ihres Problems gibt es ein Ungleichgewicht, welches nur durch ihre eigene Position in der Gleichung überhaupt noch aufgehen kann. Das ist sehr beunruhigend für sie.

Der Roman ist in der Ich-Form aus Sicht von Ginny geschrieben und das ist gut so, denn ihre Gedankengänge folgen einer besonderen Denkstruktur und nur auf diese Weise konnte sie mir ihre Ansichten näher bringen und ihre Handlungen wurden mir verständlicher. Ginny ist eine sympathische Protagonistin, im Rahmen ihrer Möglichkeiten ist sie fürsorglich und hilfsbereit. Ihre eher emotionslose Herangehensweise an Aufgabenstellungen ist ihrer Behinderung geschuldet. Benjamin Ludwig konnte mir auch die Schwierigkeiten im Zusammenleben mit einem Autisten näher bringen. Jedoch fand ich es seltsam, dass sich niemand zum besseren Verstehen genauer mit ihren Handlungen zum Trost des Babys, von denen sie ständig erzählt hat, mit ihr gemeinsam auseinandergesetzt hat.

Mit Ginny habe ich gebangt und gehofft. Benjamin Ludwig hat mit ihr eine bezaubernde Persönlichkeit geschaffen und sie in eine berührende und ergreifende Geschichte eingebunden. Sein Roman trägt er zu einem besseren Verständnis für autistisches Verhalten bei. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

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Titel: Ginny Moon hat einen Plan
Autor: Benjamin Ludwig
Übersetzerin: Edith Beleites
Erscheinungsdatum: 11.09.2017
Verlag: Harper Collins (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag

Dienstag, 3. April 2018

[Rezension Ingrid] Tyll von Daniel Kehlmann


Daniel Kehlmann hat in seinem Roman „Tyll“ der im 16. Jahrhundert geschaffenen Figur des Dil Ulenspiegel, die durch seine Schelmengeschichten bekannt ist, einen neuen Handlungsrahmen gegeben. Seine Erzählungen hat er hundert Jahre später angesiedelt, der Hauptteil spielt im 30-jährigen Krieg. Tyll wird als Sohn eines Müllers geboren  und wächst dort am Rand des kleinen Dorfes als einziges Kind seiner Eltern heran. Zart, feinsinnig und geschickt ist er. Sein Vater ist des Lesens mächtig, schaut hinter die Bedeutung von Alltagsgegenständen und hinterfragt diese. Sein Verhalten ist auffällig, so dass er in die Hände der Inquisition gelangt. Am Tag seiner Hinrichtung läuft Tyll davon und beginnt ein Leben als freier Mann mit all seinen Vor- und Nachteilen auf die der Autor hinweist.

Hätte ich nun nach den ersten beiden Kapiteln eine weitere Beschreibung der Eulenspiegeleien erwartet, so überraschte der Autor mich damit, dass er im Folgenden seinen Blick mehr auf die Machthabenden der damaligen Zeit wirft. In Szenen, die nicht chronologisch geordnet sind, zeichnet er das Bild der Gesellschaft der damaligen Zeit, die gebunden ist an viele undurchschaubare, manchmal unlogische Gesetze. Jeder Beruf ist mit Pflichten und Rechten streng belegt. Unterschiede in den Rängen sind schwer zu überbrücken, Rollen müssen eingehalten werden, Ehen dienen dem Zweck. Alles Unverständliche wird mit überirdischer Macht und Mysterien beschrieben. Wer Macht erlangt versucht diese durch blutige Kämpfe zu sichern, die Unterlegenen haben zu folgen.

Tyll wird zur Randfigur und dient lediglich zum Zusammenhalt der einzelnen Episoden. Er setzt jedoch deutliche Akzente durch seine Kunst durch eigene Ausdrucksformen die Wahrheit ans Licht zu bringen und den Menschen wie in einem Spiegel ihr eigenes Verhalten vorzuführen. Daniel Kehlmann übernimmt in seinem Roman die Rolle des Tyll, der mir als Leser in zahlreichen Schilderungen die verschrobene Denkweise ad absurdum vor Augen führt. Auf seine philosophische Weise lässt er die Mächtigen sich mit ihrer Welt auseinandersetzen bei denen es manchmal so scheint, dass das Verständnis dazu noch zu groß für das 17. Jahrhundert ist. Leider sind einige Ansichten bis heute aktuell. Der Schalk des Tyll der ursprünglichen Geschichten bleibt dabei zurück, der Wahnsinn des Kriegs tritt in den Vordergrund. Wer philosophisch geschriebene, gesellschaftskritische Romane mag, ist bei diesem Buch von Daniel Kehlmann richtig.

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Titel: Tyll
Autor: Daniel Kehlmann
Erscheinungsdatum: 09.10.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Montag, 2. April 2018

[Rezension Ingrid] Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes


Der Eiffelturm in der oberen rechten Ecke des Covers weist den Leser schon beim ersten Betrachten des Buchs darauf hin, dass der Roman ihn beim Lesen nach Paris entführen wird, denn hier lebt Vernon Subutex, Protagonist und Titelgeber des gleichnamigen Buchs von Virginie Despentes. Vernon hat mit seinem Plattenladen selbst erlebt wie es ist beliebt und bekannt, „ganz oben“ zu sein, jetzt findet er sich gesellschaftlich gesehen ganz unten am Rand der Gesellschaft, synonym dargestellt auf dem Titel durch den Einblick in den U-Bahn-Schacht. Sein Name ist von der Autorin bewusst satirisch gemeint, Subutex ist die Bezeichnung einer Ersatzdroge in Frankreich.

Der Vorname der Autorin ist auf dem Umschlag nicht zu finden. Sie hat selbst ein ereignisreiches Leben geführt und Einblicke in die unterschiedlichsten sozialen Schichten gewonnen, mit ihren Werken im Film und im Buch hat sie vielfach schockiert und Diskussionen ausgelöst, gleichzeitig wurde sie auch dafür ausgezeichnet. Ihr Nachname steht für Kontroversen, wie auch die Farbgebung und deren Anordnung auf dem Cover.

Vernon hat mehr als zwanzig Jahre als Verkäufer im Schallplattenladen in Paris gestanden, zunächst als Angestellter später dann als Besitzer, bis er aufgrund der zu geringen Umsätze schließen mußte. Das ist schon ein paar Jahre her und zuerst hat er noch durch den Verkauf von Restbeständen gelebt. Alex Bleach, Rockstar und sein guter Freund, hat ihm seit geraumer Zeit seine Miete bezahlt, doch jetzt ist er tot. In der Wohnung von Vernon hat er ein letztes Interview aufgenommen. Die Kassetten sind Vernons größtes Vermögen. Er nimmt sie mit als er seine Wohnung aufgrund des Mietrückstands räumen muss. Auf die Idee sich eine anderweitige bezahlte Arbeit zu suchen kommt er nicht, lediglich ein Dach über dem Kopf soll es sein. Daher nimmt er reihum, meist über facebook, Kontakt zu Freunden und Bekannten auf, die er hauptsächlich aus seiner Zeit als Plattenverkäufer kennt.

Mit Wehmut denkt er an den Tod einiger seiner besten Freunde und stellt fest, dass diejenigen, die ihm Obdach gewähren, sich im Laufe der Zeit geändert haben und wie er findet, nicht immer zu ihrem Vorteil. Für jeden hat er eine kleine erfundene Geschichte bereit, warum er eine Unterkunft sucht. Virginie Despentes bietet dem Leser eine bunte Mischung von Charakteren an, die insgesamt die französische Gesellschaft gut abbilden. Dazu verlässt die Autorin den Handlungsstrang über ihren Protagonisten und wendet sich dem Leben der entsprechenden Person zu. Sex, Alkohol, Drogen und natürlich Musik, über die sie die Verbindung zu Vernon meist hergestellt, sind fast in jeder Beschreibung der Figuren mehr oder weniger zu finden. Es ist oft eine rauhe, ungeschliffene Sprache die sie benutzt und die den Figuren Authentizität verleiht. Themen wie beispielweise Vor- und Nachteile der zunehmenden Digitalisierung, häusliche Gewalt und Ängsten vorm Älterwerden flechtet sie in die Hintergrunderzählungen ihrer Charaktere ein.

Virginie Despentes hat mit Vernon Subutex einen Charakter kreiert, der sich selbst noch nicht aufgegeben hat, aber im Laufe des Romans tief in der gesellschaftlichen Anerkennung sinkt. Glücklicherweise geht seine Geschichte weiter und ich bin sehr gespannt darauf, ob mit Hilfe seiner Freunde ein sozialer Aufstieg für ihn möglich ist und ob er diesen überhaupt will.

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Titel: Das Leben des Vernon Subutex (1. von 3. Bänden)
Autorin: Virginie Despentes
Übersetzerin: Claudia Steinitz
Erscheinungsdatum: 17.08.2017
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Freitag, 30. März 2018

[Rezension Ingrid] Neunauge von Till Raether



„Neunauge“ von Till Raether ist der vierte Fall für Adam Danowski, dem inzwischen fest zur Abteilung „Operative Fallanalyse“ am Landeskriminalamt Hamburg gehörenden Hauptkommissar. Die Erhebungen auf der Oberseite des Brückenbogens auf dem Cover erinnern bei einem flüchtigen Blick an das Aussehen eines „Neunauges“, einem aalartigen Fisch, der zwar keine neun Augen hat, dessen ausgeprägte Kiemenspalten irrigerweise jedoch daran denken lassen. Zweimal schon wurde an unterschiedlichen Schulen eine mumifizierte Leiche im Keller gefunden, beide tragen Bissspuren eines Neunauges.

Seit den Ermittlungen zum dritten Fall „Fallwind“ sind zwei Jahre verstrichen und Adam Danowski wohnt während der Woche in einer kleinen Wohnung in der Nähe seiner Arbeitsstätte. Er befindet sich weiter in Therapie, aktuell soll er ein Tagebuch führen und drei Dinge täglich aufschreiben, die ihn glücklich stimmen. Er erhält bei den Ermittlungen Unterstützung von einem der bekanntesten Fallanalytiker Deutschlands, der in München beheimatet ist und schnell zu dem Ergebnis kommt, dass Mobbing als Tatmotiv anzunehmen ist. Danowski kommt nicht gut zurecht mit der Art des unterstützenden Kollegen. Prekär wird die Lage für ihn als seine Kollegin Meta Jurkschat, die sonst streng nach Vorschrift arbeitet, ihn darum bittet, ihre frühere Beziehung mit einem der Opfer zu verschweigen, weil sie ansonsten Probleme bei ihrer eventuellen Beförderung sieht. Stattdessen beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln.

Beide Morde liegen Jahre auseinander, die Leichenfunde allerdings nur ein paar Wochen. Durch die Bisse des Neunauges werden die Fälle in direkten Zusammenhang gebracht. Lehrer, Eltern und Schüler anderer Schulen in Hamburg sind höchst aufgeregt und vermuten weitere Funde, eventuell mordet der Täter sogar aktuell weiter. Eine schnelle Aufklärung ist nötig.

Eigentlich hat Danowski inzwischen zu einem gewissen Gleichgewicht in seinem Leben gefunden. Die Zusammenarbeit mit dem Münchner Kollegen wühlt ihn jedoch auf, die Bitte seiner Kollegin bringt ihn in einen Gewissenszwiespalt. Die Ermittlungen nehmen erst an Fahrt auf, als Meta und Finzi, der Ex-Partner von Danowski und jetzige Lebenspartner von Meta, auf Hinweise zum möglichen Mordmotiv stoßen, das außerhalb des schulischen Umfelds liegt und vom Thema her noch wenig benutzt ist. Bis dahin hat Till Raether geschickt Spuren ausgelegt, die er einerseits in eine Richtung führt, andererseits hat er Szenen eingeflochten, die noch nicht zum Gesamtbild passen und daher zum Miträtseln anregen.

Ich schätze es, dass die Figuren ein Privatleben haben dürfen, das regelmäßig in den Fall hinein spielt. Auf diese Weise glaubt man die Protagonisten besser zu kennen und fiebert mit, ob sie sich in brenzligen Situationen behaupten werden. Lediglich die Darstellung einiger Schilderungen mit Gewaltanwendung bei die Ermittler persönlich betroffen sind finde ich etwas übersteigert. Über allem liegt wieder der manchmal ironische, oft amüsante und immer unterhaltsame Plauderton mit dem Till Raether seine Kriminalromane erzählt.

Mit „Neunauge“ ist Till Raether wieder ein solider Krimi gelungen, in dem er mehrere Täter präsentiert, falsche Fährten auslegt und für unerwartete Wendungen sorgt, so dass der Spannungsbogen nicht abbricht. Daher empfehle ich das Buch gerne an Krimileser und vor allem an Fans von Danowski & Co.

Rezension auf unserem Blog zum 2. Band der Serie "Blutapfel" -> LINK

Rezension auf unserem Blog zum 3. Band der Serie "Fallwind" -> LINK

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Titel: Neunauge (4. Band der Serie um den Hamburger Hauptkommissar Adam Danowski)
Autor: Till Raether
Erscheinungsdatum: 22.09.2018
Verlag: Rowohlt Polaris (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur

Mittwoch, 28. März 2018

[Rezension Hanna] Château Mort - Alexander Oetker


 

Luc Verlaine genießt gemeinsam mit seinem Pariser Kollegen und Freund Yacine den Sommer im Aquitaine. Gemeinsam wollen die beiden beim bekannten „Marathon du Médoc“, bei dem viele Läufer verkleidet auf die Strecke gehen und an den Pausenständen Wein ausgeschenkt wird, als Streckenposten arbeiten. Doch dann kommt es zu einem fatalen Zwischenfall: Der Unterpräfekt bricht mitten im Lauf zusammen und muss wiederbelebt werden. Wenige Minuten später trifft es auch den Winzer Hubert de Langeville, bei dem jede Hilfe zu spät kommt. Beide haben kurz zuvor am Pausenstand des Winzers Richard gerastet, der ein alter Freund von Luc ist. Kann Luc herausfinden, was dahinter steckt?

Im letzten Jahr habe ich bereits den ersten Fall für Luc Verlain, „Retour“, gelesen, und war nun neugierig, was den Kommissar bei seinem nächsten Fall erwartet. Rund zwei Monate sind im Buch seit dem ersten Fall vergangen und es ist Hochsommer geworden. Luc nutzt die ruhige Zeit, um gemeinsam mit seinem Pariser Freund Yacine den Sommer feiernd zu genießen. Und obwohl die Surflehrerin Cecilia fast jede Nacht zu ihm kommt geht ihm Anouk nicht aus dem Kopf, die nach ihrem Kuss in ihre Heimat gereist ist.

Die ganze Region fiebert dem „Marathon du Médoc“ entgegen, einem Großereignis mit buntem Treiben, bei dem natürlich auch Luc aushilft. Doch als beim Lauf der Unterpräfekt zusammenbricht und der Winzer Hubert de Langeville auf der Strecke stirbt, sind seine Ermittlungskünste gefragt. Dabei wird er von Yacine unterstützt, aber auch von Anouk, die kurz vor dem Zwischenfall zurückgekehrt ist.

Der Verdacht, dass es sich um Mord handelt, ist schnell bestätigt. Luc findet sich in einer emotionalen Zwickmühle wieder, denn sein alter Freund Richard ist der Hauptverdächtige: An seinem Stand machten beide Opfer zuletzt Rast. Außerdem hat er Luc noch am Vorabend erzählt, dass er de Langevilles Weingut kaufen will, dieser aber in letzter Sekunde einen Rückzieher machen wollte. Luc gibt sich mit dieser naheliegenden Erklärung nicht zufrieden und beginnt, in alle Richtungen nachzuforschen. Dabei macht er bald überraschende Entdeckungen, was Hubert de Langeville angeht. Leiten sich aus diesen neue Motive anderer Personen ab, oder führt alles doch wieder nur zum Ursprung zurück?

Die atmosphärischen Beschreibungen der Landschaft und des guten Weins machen beim Lesen Lust auf einen Besuch im Aquitaine. Der Tonfall bleibt trotz des Mordfalls eher locker. Im Vergleich zum ersten Fall hat mir der Spannungsbogen in diesem Buch deutlich besser gefallen. Es werden viele Befragungen durchgeführt, die stückweise neue Informationen und Erkenntnisse liefern. Gleichzeitig geht es immer wieder auch darum, wie es für Luc und Anouk weitergeht. Für einen Krimi nahmen mir Lucs Frauengeschichten und die Frage, warum er immer einen Rückzieher macht, wenn es ernst wird, aber zu viel Raum ein. Die Auflösung fand ich zudem recht weit hergeholt.

In „Chateau Mort“ brechen während des bekannten „Marathon du Médoc“ zwei Läufer auf der Strecke zusammen – der Unterpräfekt kann gerettet werden, doch der Winzer Hubert de Langeville verstirbt. Besonders brisant für Luc ist diesmal, dass ein alter Freund der Hauptverdächtige ist. Mir haben die atmosphärischen Beschreibungen gefallen, und im Vergleich zum ersten Fall hat sich der Autor in Sachen Dramaturgie steigern können. Ich vergebe vier Sterne und eine Leseempfehlung für Frankreich- & Krimi-Fans!


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Chateau Mort
Autor: Alexander Oetker
Paperback: 336 Seiten
Erschienen am 14. März 2018
Verlag: Hoffmann und Campe

Dienstag, 27. März 2018

[Rezension Hanna] Serverland - Josefine Rieks



In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhundert hat Reiner, der bei der Post arbeitet, ein recht spezielles Hobby: Er sammelt alte Computer und spielt auf denen mit halbwegs funktionstüchtigem Akku alte Spiele. Für den Rest der Bevölkerung handelt es sich bei diesen Geräten nur noch um Elektroschrott, denn das Internet wurde vor Jahrzehnten abgeschaltet. Doch dann wird Reiner von einem Schulfreund kontaktiert, der ihm zeigt, dass es noch immer stillgelegte Serverhallen gibt. Reiner gelingt es, eine Verbindung zu den Servern herzustellen und YouTube-Videos aus unserer Zeit abzuspielen.

Wie blicken Menschen in etwa sechzig Jahren auf Videos von heute, wenn sie diese Art des unbegrenzten Teilens per Mausklick nicht mehr kennen? Das Buch verspricht ein interessantes Gedankenexperiment zu dieser Frage. Zu Beginn lernt man den Protagonisten Reiner kennen, dessen Leben nicht sonderlich aufregend ist. In seiner Freizeit widmet er sich ganz seinen gesammelten Computern und den Spielen, die er auf einigen davon spielen kann. Bald wird er von einem alten Schulfreund kontaktiert, der ihn mitnimmt zu alten Servern und ihn fragt, ob er die Verbindung zu ihnen herstellen kann. Reiner bejaht. Einige Zeit später fahren sie  einer noch größeren Serverhalle, wo Reiner das Vorhaben in die Tat umsetzt und eine App schreibt, die das auch anderen ermöglicht.

Bei mir hat die Handlung zahlreiche Fragen aufgeworfen, auf die keine Antwort gegeben wird: Warum wurde das Internet abgestellt? Warum hat sich ansonsten rein gar nichts verändert? Woher weiß Meyer von den Serverhallen? Warum ist sonst noch keiner auf die Idee gekommen, eine Verbindung zu den Servern herzustellen? Warum sind Computer Elektroschrott, wenn man auf ihnen noch Spiele spielen kann? Wie haben Menschen aus aller Herren Länder ohne Internet davon erfahren, was in der Serverhalle vor sich geht? Was läuft im zensierten Fernsehen, wenn die gefundenen Videos so anders sind? Das sind nur einige Beispiele für all die Fragen, mit denen man als Leser allein gelassen wird.

Die Charaktere erhalten wenig Tiefe, ich hätte gern mehr über ihre Motivation erfahren. Stattdessen stehen Partys, Alkohol und Drogen im Vordergrund. Immer mehr Menschen kommen zur Serverhalle und es entsteht eine Art Kommune, in der nur wenige sich wirklich für die gefundenen Videos interessieren. So bleibt für diese in dem ohnehin schon kurzen Buch wenig Platz. Man unterhält sich über einige Videos, die hinten im Buch auch zum Nachschauen mit Link angegeben sind, doch die Reaktion ist meist irgendwo zwischen „Cool“, „Schräg“, „Heftig“ oder „Warum hat man so was mit der Welt geteilt?“. Mir hat sich bis zum Schluss leider nicht erschlossen, was die Botschaft des Buchs sein soll.

„Serverland“ basiert auf der Idee, das in einer Zukunft ohne Internet YouTube-Videos von heute gefunden werden. Es ist eine interessante Idee, die jedoch nicht konsequent weitergedacht wurde und viel zu unkonkret bleibt.  Das Setting wird so grob skizziert, sodass ich mich nicht gut in die Welt von Reiner eindenken konnte. Auch er selbst bleibt als Charakter blass. Nach hundertsechzig Seiten habe ich dieses schmale Buch mit einem großen Fragezeigen im Kopf beendet.


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Serverland
Autorin: Josefine Rieks
Hardcover: 176 Seiten
Erschienen am 19. Februar 2018
Verlag: Hanser

Montag, 26. März 2018

[Rezension Ingrid] Die Geschichte des verlorenen Kindes von Elena Ferrante


„Die Geschichte des verlorenen Kindes“ ist der vierte und abschließende Band einer Romanserie von Elena Ferrante, die sich rund um die Freundschaft der inzwischen 66-jährigen Ich-Erzählerin Elena und ihrer gleichaltrigen Freundin Raffaella dreht. Die Erzählung umfasst die beiden Teile „Reife“ und „Alter“ sowie einen Epilog. Das Buch beginnt mit Elenas Rückblick auf die Zeit Ende der 1970er Jahre, in denen ihre Ehe scheiterte und sie schließlich zum Schreiben nach Neapel zurückkehrte. Der Titel des vierten Teils verhüllt ein tragisches Geheimnis, das erst nach etlichen Seiten im Buch gelüftet wird. Wieder ist der Geschichte ein Verzeichnis der handelnden Personen mit einer Kurzfassung zu den bisherigen wichtigsten Ereignissen vorweg gestellt. Dennoch entfaltet sich der volle Lesegenuss nur bei Kenntnis der vorigen Bände. Die Übersetzung von Karin Krieger ließ die Handlung für mich bis ins Detail verständlich werden.

Elenas Ehe steckt in der Krise seit aus ihrer Jugendschwärmerei Liebe geworden ist, die erwidert wird. Nach vielen Auseinandersetzungen mit ihrem Ehemann Pietro zieht sie schließlich mit ihren beiden Kindern in eine Wohnung, die ihr Geliebter ihr in Neapel gemietet hat in einer ansehnlichen Gegend. Inzwischen ist aus Lila, wie sie Raffaella seit Kindertagen nennt, eine erfolgreiche Unternehmerin geworden. Lila hat den Rione, die Gegend Neapels in der sie lebt, nie verlassen. Bei ihren Besuchen nimmt Elena die Spannungen dort wahr, die durch die kriminellen Organisationen des Viertels hervorgerufen werden.

Im Laufe der Zeit erfährt sie immer mehr über das geheime Leben ihres Geliebten. Zwar wird sie als Autorin auch weiterhin wahrgenommen, aber für einen weiteren neuen längeren Roman hat sie keine guten Einfälle. Sie möchte gerne unabhängig leben, jedoch verschlechtert sich ihre finanzielle Situation zunehmend. Als ihr ein Vorschuss zu einem Roman angeboten und eine erste Abgabefrist gesetzt wird, fällt ihr der Entwurf zu einer Geschichte ein, die sie vor Jahren geschrieben hat und die im Rione spielt. Um die Erzählung zu überarbeiten nimmt sie den Vorschlag von Lila an, in die Wohnung über ihr zu ziehen, auch damit die Umgebung auf sie wirken kann. In den folgenden Jahren unterstützen sich die Freundinnen gegenseitig in der Betreuung ihrer Kinder bis eines davon verloren geht.

Bereits am Ende des dritten Bands deutete sich an, dass Elena mit ihrem Leben nicht zufrieden ist. Nun sucht sie zu Beginn es abschließenden Teils den direkten Vergleich mit Lila in einem ständigen Kampf um den Vorrang, der durch Kriterien bestimmt wird die alleine Elena festlegt und bei denen finanzielle Unabhängigkeit und Ansehen weit oben stehen. Obwohl beide Frauen so unterschiedliche Wege eingeschlagen haben, möchte Elena ihrer Freundin vor allem als gute Mutter in nichts nachstehen, an einer entsprechenden Kritik durch Lila reibt sie sich auf. Doch von ihrer neuen Liebe lässt sie dennoch nicht ab, obwohl sie die Nachteile für ihre Töchter sieht. Sie genießt die neue Zuwendung und ignoriert alle gutgemeinten Ratschläge.

Lila hat sich inzwischen ein Netzwerk an Seilschaften geschaffen, die sie und ihr Unternehmen stützen, um damit in einer Welt der Korruption zurecht zu kommen. Sie scheut sich nie, ihrer Freundin die Realität nahe zu bringen. Von Elena wird das skeptisch gesehen und sie ist sich nie sicher, ob Lila ihr mit ihren Aussagen nicht schaden möchte. Nach einem schweren Erdbeben, das die Freundinnen erleben, findet Lila Worte für ihre Empfindungen, die nicht nur ihre Freundin berühren und wodurch ich neben Elena einen ungeschönten Blick auf Lila werfen konnte. Sie ist keine Konstante in ihrer Welt, sondern ängstigt sich davor durch nicht voraussehbare Variablen ins Trudeln zu geraten und die selbst geschaffene Sicherheit zu verlieren.

In ihrer Zeit in Neapel geben die Freundinnen sich gegenseitig Kraft und Halt, während dabei sowohl Stolz als auch Neid aufeinander, Hass und Verständnis zum Tragen kommen. Mit dem vierten Band konnte ich nochmals tief in Elenas und Lilas Gefühlswelt eintauchen und mit ihnen Höhen und einen besonders schweren Schicksalsschlag erleben. Der Epilog schließt den Kreis zum Prolog der Serie. Elena Ferrante hat mit ihrer Romanreihe ein Stück unvergessliche Literatur geschaffen, dem ich meine uneingeschränkte Leseempfehlung gebe.


Rezension Band 1: Meine geniale Freundin  -> Link

Rezension Band 2: Die Geschichte eines neuen Namens -> Link

Rezension Band 3: Die Geschichte der getrennten Wege -> Link


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Titel: Die Geschichte des verlorenen Kindes (Band 4)
Autorin: Elena Ferrante
Übersetzerin: Karin Krieger
Erscheinungsdatum: 02.02.2018
Verlag: Suhrkamp (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband

Sonntag, 25. März 2018

[Rezension Hanna] Sag den Wölfen, ich bin zu Hause - Carol Rifka Brunt



Die fünfzehnjährige June hat eine enge Beziehung zu ihrem Patenonkel Finn. Sie liebt es, etwas gemeinsam mit ihm zu übernehmen, zum Beispiel zu The Cloisters zu gehen und sich dort ungewöhnliche Kunstwerke anzuschauen. Doch Finn ist krank, er wird bald an AIDS sterben. Als es so weit ist, stürzt June in tiefe Trauer. Doch bald muss sie feststellen, dass ihr entscheidende Dinge vorenthalten wurden. In Finns Apartment wohnt nun sein „spezieller Freund“, der von der Familie als Verantwortlicher für Finns Krankheit zur Persona non grata erklärt wurde. Wer ist dieser schlaksige Kerl, der unbeholfen Kontakt aufnehmen will? June ist neugierig und beschließt, heimlich mehr darüber herauszufinden.

Insbesondere der ungewöhnliche Titel hat mich auf die Lektüre neugierig gemacht. Es ist der Titel des Portraits, das Finn kurz vor seinem Tod von June und ihrer Schwester Greta anfertigt. Dafür fahren sie fast jeden Sonntag zu ihm. Während die Zeit für June kostbar ist, reagiert Greta zunehmend unwillig. Einst waren die beiden unzertrennlich, doch inzwischen scheint Greta einfach kein Verständnis mehr dafür zu haben, was June wichtig ist.

Nach kurzer Zeit stirbt Finn an AIDS. Auf der Beerdigung sieht June einen Mann, der sich bewusst im Hintergrund hält und dem ihre Familie deutlich zeigt, dass er unerwünscht ist. Greta scheint mehr über das Warum zu wissen, nur June ist nicht eingeweiht. Ich konnte ihren Wunsch verstehen, mehr darüber hinausfinden zu wollen, gleichzeitig ihre Unsicherheit, auf einen Fremden zuzugehen.

Als es schließlich zu einem Gespräch mit ihm kommt erhält sie ein ganz neues Bild von ihrem Patenonkel Finn, der für sie so wichtig war. Wieso hat er ihr so viele entscheidende Dinge über sein Leben verschwiegen? Eine Erkenntnis ist für sie besonders schmerzhaft: Die wichtigste Person in Finns Leben kannte sie gar nicht. June empfindet Toby, dem Fremden, gegenüber Skepsis und Neid. Doch mit jeder neuen Information, die sie erhält, wandelt sich langsam ihr Bild. Ist Toby die Hilfe, die sie braucht? Oder machen ihre Gespräche mit ihm alles nur noch schlimmer?

Das Thema AIDS war in den 80ern, in denen das Buch spielt, noch relativ neu. Es gab zahlreiche Spekulationen, wie genau man sich anstecken kann, dementsprechend groß war die Angst vor dieser unbekannten Krankheit und man ließ im Umgang mit Erkrankten Vorsicht walten. Auch ein Coming-Out war noch sehr viel heikler als heute. Das Buch setzt sich damit intensiv und gelungen auseinander.

Besonders kostbar für June sind ihre bittersüßen Erinnerungen an Momente mit Finn. Die beiden haben sich bei ihrem gemeinsamen Ausflügen zum Beispiel immer auf besondere Dinge in ihrer Umgebung aufmerksam gemacht und hatten bestimmte Orte wie The Cloisters, die sie immer wieder besucht haben. Eine wichtige Rolle spielt auch die Beziehung von June zu ihrer Schwester. Greta bietet ihr immer wieder gemeinsame Unternehmungen an, zeigt ihr dann aber doch wieder die kalte Schulter. Es ist keine leichte Zeit für die beiden Schwestern, die nicht wissen, ob sie einander lieben oder hassen sollen. Das Portrait der von ihnen, das Finn angefertigt hat, wird schließlich auf überraschende Weise zu einem Schlüsselelement.

„Sag den Wölfen ich bin zu Hause“ erzählt auf behutsame und berührende Weise von June, die ihren geliebten Patenonkel an AIDS verliert. Als Leser konnte ich Junes Gefühle gut nachvollziehen – ihre Trauer, ihre Unsicherheit dem Fremden gegenüber, der Finn so gut zu kennen schien, und ihre Entschlossenheit, sich nicht ohne Erklärung zufrieden zu geben. Das Buch thematisiert einfühlsam die  Bedeutung von Familie und Freundschaft auf verschiedenen Ebenen und stimmte mich nachdenklich in Bezug auf die Frage, was es auslösen kann, Dinge zu verschweigen. Gedanklich wird mich die Geschichte sicherlich noch länger begleiten. Für mich ist sie ein Lesehighlight, das ich klar weiterempfehle.

 

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Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
Autorin: Carol Rifka Brunt
Übersetzerin: Frauke Brodd
Hardcover: 488 Seiten
Erschienen am 23. Februar 2018
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